Kultur : König der Koteletten

„The Look of Love“ erzählt das Leben eines Sex-Unternehmers.

von
Liebenswerter Pornograf. Steve Coogan als Paul Raymond. Foto: Alpenrepublik
Liebenswerter Pornograf. Steve Coogan als Paul Raymond. Foto: Alpenrepublik

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Macher eines Erotikmagazins in den siebziger Jahren Partys gefeiert haben: exzessiv. Der Champagner fließt in Strömen, es gibt Koks bis die Nasen bluten. Die Männer tragen prachtvolle Bärte, buschige Koteletten und Rüschenhemden mit extrabreitem Kragen. Die Frauen sind jung und spärlich bekleidet. Es laufen Hits von Roxy Music und später, wenn der Gruppensex-Teil des Abends beginnt, Hot Chocolate.

So you win again. Der Sex-Unternehmer Paul Raymond, den Michael Winterbottom in seinem Film „The Look of Love“ porträtiert, ist unaufhaltsam auf dem Weg nach oben. „Ich bin ein Entertainer“, sagt der Mann mit dem Menjou-Bärtchen, den Steve Coogan als liebenswerten Pornografen verkörpert. Er eröffnet 1958 im Londoner Ausgehviertel Soho einen Stripclub nur für Mitglieder, und unterläuft damit die Zensur, inszeniert pompöse Nacktrevuen und kauft von den Erlösen ein Haus nach dem anderen. Von seinem Magazin „Men Only“ kann er in den USA monatlich eine Million Exemplare absetzen. Am Ende gilt er als reichster Mann in Großbritannien. Doch seine Freundin will ein „normales Leben“ führen und verlässt ihn. Raymond ruft ihr hinterher: „Normales Leben ist für normale Leute.“

Es ist eine wahre Geschichte, die ohne Happyend auskommen muss. Der Film beginnt mit der Beerdigung von Raymonds Tochter Debbie (Imogen Poots), dann folgen die Rückblenden. Debbie, Inkarnation eines poor little rich girls, leidet unter der Scheidung ihrer Eltern, scheitert als Sängerin und flüchtet in Alkohol und Drogen. Sie wird zum Opfer eines Hedonismus, den ihr Vater als Befreiung von aller puritanischen Verklemmung verkauft.

„The Look of Love“ schwelgt im EasyListening-Soundtrack und der eleganten Ausstattung. Nur vom Schmutz, der zum Sexgewerbe und den Drogen dazugehören müsste, ist nichts zu sehen. Das Sittengemälde erschöpft sich in Anekdoten, das Drama erstickt in Kulissen. Winterbottom hat große Filme wie „I want you“ oder „In This World“ gedreht. Deren Poesie und Härte fehlt diesem Pop-Art-Biopic. Christian Schröder

In 7 Kinos; OmU im fsk, den Hackeschen Höfen und Odeon

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