"Kojoten" von Sam Hawken : Über den Fluss und in die Wüste

Viel mehr als ein Kriminalroman: Sam Hawken erzählt von der illegalen Migration von Mexiko in die USA - und widmet seinen Roman den Migranten.

Gerrit Bartels
Grenzfälle: Hier, auf US-Seite, der Mann von der Border Patrol, dort, auf mexikanischer Seite, über dem Rio-Grande-Flussbett, die illegalen Grenzquerer, in der Nähe von McAlley, Texas
Grenzfälle: Hier, auf US-Seite, der Mann von der Border Patrol, dort, auf mexikanischer Seite, über dem Rio-Grande-Flussbett, die...Foto: picture alliance / dpa

Es wirkt zunächst, als habe sich die Hitze, die in der mexikanisch-amerikanischen Grenzregion in der Nähe der US-Stadt Presidio herrscht, auch auf die Prosa des amerikanischen Schriftsteller Sam Hawken niedergeschlagen. Geradezu bedächtig beginnt sein Kriminalroman „Kojoten“ mit einem Ritt der Polizistin Ana Torres über „Ranchland der schlechtesten Sorte“, durch eine Landschaft, die im grellen Licht der Sonne was Mondartiges hat, beherrscht von Kakteen, Yuccapalmen und ein paar Grasbüscheln und Mesquitebäumen.

Torres entdeckt bei diesem Ritt einen sogenannten Vergewaltigungsbaum (an dessen Äste Frauenunterhosen hängen, als makabre Trophäen) und auch einen Toten, auf dessen Rücken drei dunkle Flecken zu sehen sind. Doch der Tote erhöht die Erzählgeschwindigkeit des Romans keineswegs. Es geht genauso bedächtig und genau weiter mit der Spurensicherung, den ersten Untersuchung und der Schilderung der Zusammenarbeit der dem Governeur von Texas unterstellten Texas Rangers (zu denen Ana Torres gehört, sie stammt nicht aus der Gegend) mit der örtlichen Polizei und den örtlichen Grenztruppen, die versuchen, die sogenannten Grenzquerer von der illegalen Einwanderung abzuhalten und den Schleusern das Leben schwer zu machen

Der erschossene Tote dürfte ein namenloser bleiben, davon gehen alle aus. Ob er ein Flüchtling ist, ein „Cojote“, wie die Schleuser in der mexikanisch-amerikanischen Grenzregion genannt werden, oder ein Drogenschmuggler, auch das spielt kaum eine Rolle in diesem „Fall“, es wird nun einmal viel gestorben in dieser Gegend. Sam Hawken geht es, das spürt man schnell in diesem ersten Kapitel seines Romans, weniger um Täter-und Motivsuche als um das Porträt seiner Figur Ana und noch mehr der Region und ihrer Atmosphäre. Von wegen Kriminalroman also!

Hawkens Roman erinnert an ein Triptychon

Ähnlich verfuhr Hawken schon bei seinem Debütroman „Die toten Frauen von Juárez“, der in einer deutschen Übersetzung 2012 erschien. Dieser Roman ist in der ersten Hälfte gleichfalls ein Figuren- und Stadtporträt und entwickelt sich erst in seinem zweiten Teil zu einem regelrechten Thriller, und zwar vor dem ganz realen Hintergrund der seit den frühen neunziger Jahren einsetzenden und bis heute unaufgeklärten Mordserie in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, der über 600 Frauen zum Opfer fielen.

Hawken, der 1970 in Texas geboren wurde, aber weit weg davon in Baltimore lebt, ist dieses Mal noch konsequenter. „Kojoten“ erinnert an ein Triptychon, an ein dreiteiliges Gemälde, vor dessen Hintergrund drei Menschen aus der Grenzregion porträtiert werden. Neben Ana sind das noch der „Hundemann“ Luis González, der mit einem Dutzend ihm zugelaufenen Hunden auf mexikanischer Seite wohnt, auf einer Farm vor den Toren von Ojinaga, die mit ihren knapp 20 000 Einwohnern gewissermaßen die Zwillingsstadt von Presidio ist (ähnlich wie die 240 Meilen nördlich gelegenen El Paso und Juárez oder die wiederum weit im Osten Mexicos gelegenern Städte Laredo und Nuevo Laredo). Luis war früher Schleuser, der beste und erfahrenste überdies, und betreibt nun einen Laden, in dem es alles gibt, was Flüchtlinge brauchen. Gegen seinen Willen wird er von einer auch anderweitig kriminellen Schleuserbande mit Gewalt ins Schleusergeschäft zurückgezwungen.

"Kojoten" porträtiert eine Polizistin, einen Schleuser und eine illegale Migrantin

Und dann ist da noch Marisol Herrera, die aus einem Provinzdorf in El Salvador kommt und in die USA will. Ihre Beweggründe und ihren Weg von El Salvadors Hauptstadt San Salvador durch Guatemala und Mexiko beschreibt Sam Hawken genauso bedächtig wie detailliert und eindringlich. Da wird aus einem Leben, einem Individuum, auf einmal eine Illegale, von Staat zu Staat mehr, ein Mensch, den es nur noch als Flüchtling gibt, der bei seiner Tour am liebsten aber auch unsichtbar wäre. Tatsächlich ertappt man sich bei der Lektüre immer mehr dabei, Tangenten nach Europa und zur aktuellen, hiesigen Flüchtlingsproblematik zu legen.

Sam Hawken zeigt in seinem Roman die Problematik der Migration, der illegalen zumal, von mehreren Seiten, insbesondere mehreren menschlichen Seiten. Nicht von ungefähr hat er „Kojoten“ schlicht und allgemein „den Migranten“ gewidmet. Dass dieser Roman, dessen Fortsetzung schon vor fast zwanzig Jahren T.C. Boyle mit „América“ über das Leben der illegalen Einwanderer in die USA geschrieben hat, in den falschen Fächern der Buchhandlungen steht, ist offensichtlich. Bei erwartungsfrohen Krimi-Lesern dürfte er für Enttäuschung sorgen: Zu wenig Genre, zu wenig Action, zu viel psychologischer Realismus, zu viel Literatur.

Von hinten nach vorn allerdings lassen sich die drei Teile von „Kojoten“ nicht lesen. Am genauso glücklichen wie traurigen Ende bekommt der Tote neben dem Vergewaltigungsbaum einen Namen, ein Gesicht, einen Charakter – was es aber nicht mehr gebraucht hätte. Denn auch ohne diesen dramaturgischen Zirkelschluss war man sich bei der Lektüre schon sehr gewisse, einen guten Roman vor sich zu haben.

Sam Hawken: Kojoten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn. Polar Verlag, Hamburg 2015. 303 S., 14, 95 €.


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