Kolbe-Museum : Mollusken an die Macht

Von Menschen und Tieren (1): Eine Ausstellung im Berliner Kolbe-Museum widmet sich dem Thema "Tierperspektiven".

Jens Hinrichsen
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Zwischen den Arten. Thomas Grünfelds „Dachs/Lamm“-Geschöpf. Foto: Kolbe-Museum

Die Maus macht Männchen. Auf den Hinterbeinen sitzend, guckt sie zu einer dunklen Wolke aus heliumgefüllten Riesenballons empor. Was sieht der weiße Nager da? Den Mäusegott? Vielleicht schwebt auch eine Chiffre für die schwarze Macht der Tierversuche unter der Decke des Kolbe-Ateliers. „This Moment here“ (2008) heißt die Arbeit der britischen Bildhauerin Chloe Brown.

Nein, wir können nicht wirklich wissen, wie Katzen ticken, was Schnecken fühlen oder Ratten denken. Aber die Wertschätzung von „Tierperspektiven“, wie sie im Titel der Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum anklingt, wäre schon ein Schritt hin zu einem zeitgemäßen Tier-Mensch-Verhältnis. In einer Zeit globaler Erwärmung und menschlicher Heuschreckenmentalität ist der Krone der Schöpfung mehr als nur ein Zacken herausgebrochen.

Dem Ruf nach Demut vor der Natur entspricht die junge Disziplin der „Animal Studies“, ein Umfeld, aus dem auch das „Tierperspektiven“-Kuratorenpaar Friedrich Weltzien und Jessica Ullrich stammt. „Tiere sind keine Repräsentanten irgendwelcher Ideen mehr, vielmehr speist sich Kultur aus den Ideen der Tiere“, sagt Weltzien. Im Darwin-Jahr wittern die Kulturwissenschaftler ein besonderes Publikumsinteresse für die Thematik: Sie werden die „Tierperspektiven“ Ende Mai noch auf einen Projektraum in der Sammlung Hoffmann erweitern, haben das Arsenal zu einer Filmreihe ermuntert und wirken an einem Symposium zum Thema mit. Auch an der Multimedia-Ausstellung „Tier-Werden, Mensch-Werden“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (ab 8. Mai) sind Weltzien und Ullrich beteiligt.

Der Fokus im Kolbe-Museum liegt auf der Gattung Skulptur. Nicht wenige der 17 beteiligten Künstler präsentieren Tierpräparate, worin man einen gewissen Widerspruch zur Gleichberechtigungsidee erkennen mag. Einwände dürfte zumindest jener Tier- und Menschenfreund haben, der sich auch an Gunther von Hagens’ aktueller „Körperwelten“-Reprise in Heidelberg stößt.

Thomas Grünfeld zeigt eine Taxidermie-Figur aus seiner Serie „Misfits“: Eine Kreuzung wie „Dachs/Lamm“ (2006) verschiebt die Perspektive weg von Kategorien wie „Nutz“-, „Kuschel“- oder „Raubtier“, indem sie ästhetisch Besonderes in den Mittelpunkt rückt. Dass „Linda“ (2006) als ausgestopftes Schwein an der Ausstellung teilnimmt, hängt mit dem Scheitern des Konzepts von Wim Delvoye zusammen. Die Sau fällt vor allem wegen ihrer üppigen Tätowierung auf. Mit der serienmäßigen Verzierung lebender Schweine begann Delvoye Ende der Neunziger. Mit der Eingliederung des Nutzviehs in den Kunstkreislauf, glaubte er, könne er die Tiere vor dem Schlachthaus bewahren.

Mit solchen Fragen mussten sich die Tierplastiker des 20. Jahrhunderts noch nicht herumplagen. Bronzehyänen haben keine Lobby. Über 100 Kleinbronzen aus einer Privatsammlung kontrastieren als „Bestiarium“ im Neubau des Museums die zeitgenössischen Ansätze. Vom maßstabsverkleinerten, doch stattlichen Hirsch von Louis Tuaillon (1862–1919) bis hin zu einem handschmeichlerisch abstrahierten „Vogel“ aus der Werkstatt von Karl Hartung (1908–1967) reicht die chronologische Tierparade im Erdgeschoss. Große Namen wie August Gaul, Ewald Mataré oder Gerhard Marcks sind dabei. Eine Treppe tiefer pfeifen die bronzenen Wellensittiche, Giraffen und Orang-Utans dann auf Provenienz und artgerechte Haltung. Im sympathisch „unaufgeräumten“ Naturkunstmuseum mischt sich das Perlhuhn frech unters Straußentrio.

Wenn Altmeister Fritz Koenig ein „Pferd hinter Gittern“ (1959) schuf, hatte er noch eine Symbolfigur für menschliches Leiden im Sinn. In der „Tierperspektiven“-Ausstellung hat die Kreatur das Sagen, wenn sie nicht sogar mitmischt. Im Kolbe-Garten verfremden Bienen Bärbel Rothaars Wachsköpfe mit „abstrakten“ Wabenmustern. Auf einem mit Futterpflanzen bewachsenen Kubus findet eine Weinbergschneckenperformance statt: Der Künstler Anselmo Fox hat die Schneckenhäuser mit papiernen Nachbauten berühmter Bauwerke beklebt. Das römische Pantheon hängt kopfüber, eine Moschee aus Kairo schleicht windschief durch den Salat. Weltbilder wanken.

„Tierperspektiven“ und „Bestiarium“, Kolbe-Museum, bis 21. Juni (Tierperspektiven Teil 2, Projektraum Souterrain – Sammlung Hoffmann, 29.5. bis 28.6.; Tier-Werden, Mensch-Werden im NGBK, 9.5. bis 14.6.; Symposium am 9. und 10.5.; Arsenal-Filmreihe, 20. bis 28.5.).

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