Konzerthausorchester : Abschied von Dmitrij Kitajenko

Nach fünf Jahren beendet Dmitrij Kitajenko seine Engagement als Erster Gastdirigent beim Berliner Konzerthausorchester

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Dmitrij Kitajenko
Dmitrij KitajenkoFoto: Dan Hannen

Spasiba, Maestro! Fünf Jahre lang hat Dmitrij Kitajenko als Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters Bedeutendes im russischen Repertoire geleistet. Sein Tschaikowsky-Zyklus wird in Erinnerung bleiben, ebenso die Rachmaninow-Sternstunden, die 2. Sinfonie im März 2015 oder das 2. Klavierkonzert mit der Solistin Yeol Eum Son in diesem Januar.

Bevor der 76-Jährige den Ehrentitel an seinen 1976 in Bratislawa geborenen Kollegen Juraj Valcuha weiterreicht, kombiniert er in seinem Abschiedsprogramm noch einmal Rares und Wahres aus seiner Heimat. Bei Strawinskys Ballett „Der Kuss der Fee“ hat der Dirigent mehr Spaß als das Publikum: Weil er hier rhythmische Raffinessen meistern und an der Präzision der Orchestergruppen feilen kann, damit das neoklassische Divertimento schön spieldosenhaft abschnurrt.

Ganz große Gefühle bieten danach Ausschnitte aus Tschaikowskys Oper „Jolanthe“, in der es um eine blinde Prinzessin geht, der die Liebe das Augenlicht wiederschenkt. Olesya Golovneva und Dmytro Popov sind akustisch ein perfektes Paar, er lässt seinen prachtvollen Tenor heldisch erstrahlen, sie schmiegt sich vertrauensvoll an, mit metallisch blitzendem, jungfräulich reinen Sopran. Und die Musiker umhüllen die zwei mit üppigstem Wohlklang, liefern zum Duett diesen heftig pulsierenden, orchestralen Herzschlag, wie nur Tschaikowsky ihn in Töne zu fassen vermochte.

Kitajenko macht Schostakowitschs Fünfte zum Epochen-Porträt

Einen Interpreten mit Weitblick braucht Schostakowitschs gewaltige 5. Sinfonie, geschrieben auf dem Höhepunkt des Stalin-Terrors: In gleißendes Licht taucht Kitajenko die ersten beiden Sätze, unerbittlich stampft die Musik vorwärts, das Jahrmarkttreiben des Allegretto ist eine Feierei mit zusammengebissenen Zähnen. Grandios, wie er danach die Atmosphäre umschlagen lässt, als wär’s ein Kameraschwenk vom Außen- in den Innenraum: Jetzt spricht endlich ein Mensch, bedrückt, bitter, aber doch nicht ohne Hoffnung. Der klingende Humanismus allerdings wird im Finale sofort wieder hinweggefegt, von der nächsten Parade, dem erneuten blinden Jubel der marschierenden Massen.

Am heutigen Samstag ist dieses Epochen-Porträt noch einmal zu hören – und zum Glück heißt es auch dann nicht „Lebewohl“, sondern nur do svidaniya: Im Januar 2018 wird Dmitrij Kitajenko wieder das Konzerthausorchester dirigieren, als ganz normaler Gast.

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