• Kresnik-Premiere "Die 120 Tage von Sodom": Brauchen wir eine Altersbeschränkung im Theater?

Kresnik-Premiere "Die 120 Tage von Sodom" : Brauchen wir eine Altersbeschränkung im Theater?

Bei der Premiere von Johann Kresniks "Die 120 Tage von Sodom" an der Volksbühne sind drastische Szenen zu erwarten. Kinofilme haben Altersbeschränkungen. Aber wie warnen eigentlich Theater und Museen ihre Zuschauer?

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Der Regisseur Johann Kresnik setzt auf verstörende Darstellungen, wie hier bei dem Stück "Villa Verdi".
Der Regisseur Johann Kresnik setzt auf verstörende Darstellungen, wie hier bei dem Stück "Villa Verdi".Foto: picture alliance / dpa

Irgendwann wird es einigen Zuschauern zu viel. Sie stürmen auf die Bühne und entreißen den Schauspielern die Folterinstrumente. Zu grauenvoll der Anblick des gefesselten Franz Pätzold, der in Oliver Frljics Stück „Balkan macht frei“ eine Waterboarding-Tortur durchmacht. So geschehen vor wenigen Tagen im Münchner Residenztheater: Sollte man Theaterbesucher vor drastischen Szenen warnen?

Die Frage beschäftigt auch die Berliner Volksbühne vor der heutigen Premiere von Johann Kresniks Stück „Die 120 Tage von Sodom“. „Die Vorstellung ist für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet“, informiert das Theater auf seiner Website. In der Romanvorlage von Marquis de Sade werden drastische Sex- und Folterszenen beschrieben. Wegen der zu erwartenden expliziten Darstellungen habe man sich zu diesem Schritt entschieden, teilt die Volksbühne mit. Anders als bei Kinofilmen sei der Hinweis auf das Mindestalter aber als Empfehlung zu verstehen, nicht als Vorschrift.

Marquis de Sade brachte den Roman 1785 in der Bastille zu Papier

Im Kino, bei DVDs, Blu-Rays und anderen Medienträgern gelten die Maßgaben der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), im Fernsehen gibt es ähnliche Vorgaben. Ausnahme: Seit 2003 dürfen Kinofilme, die ab zwölf Jahren freigegeben sind, auch von Kindern ab sechs Jahren gesehen werden – sofern diese von einem Erziehungsberechtigten begleitet werden. Bei Filmen ab 16 oder 18 Jahren gilt das nicht.

Der französische Adelige Marquis de Sade erzählt im 1785 von ihm als Bastille-Häftling zu Papier gebrachten Roman von vier wohlhabenden Libertins, die in einem abgeschotteten Schloss bizarre Sex- und Gewaltorgien feiern. 1975 wurde das Buch von Pier Paolo Pasolini verfilmt, ganze 14 Amtsgerichte beschlagnahmten den Film damals allein in Deutschland, gaben ihn später aber teilweise wieder frei. Ob es nun für die Volksbühnen-Inszenierung (Bühnenbild: Gottfried Helnwein) bei der Mindestalter-Empfehlung bleibt, will man nach der Premiere entscheiden, heißt es seitens des Hauses.

Die Documenta warnt: "Das könnte ihre Gefühle verletzen"

Auch der Museums- und Ausstellungsbesucher wird manchmal gewarnt, wenn Kunstwerke explizite Gewalt- oder Sexszenen beinhalten. Bei zeitgenössischer Videokunst, etwa auf der Documenta, finden sich regelmäßig Schilder mit dem Hinweis, dass bestimmte Objekte „Ihre Gefühle verletzen könnten“ oder dass sie für Kinder und Jugendliche ungeeignet sind.

Auch in der Pasolini-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau 2014 fand sich ein solcher Hinweis, dort, wo Ausschnitte aus Pasolinis „Sodom“-Film zu sehen waren. In der Ausstellung mit MoMA-Zeichnungen 2011 wurde eine riesige Penis-Zeichnung eigens hinter einer Stellwand platziert. Bei der großen Cindy-Sherman-Schau 2007 machte eine Tafel den Besucher schon im Eingangsbereich darauf aufmerksam, dass nicht alle Werke für Minderjährige geeignet seien.

Im HAU machen sich Produktionsleitung und Programmteam regelmäßig Gedanken über den verantwortungsbewussten Umgang mit möglicherweise irritierenden Gastspielen. So wird auf der Website und im Programm etwa auf den Einsatz von Stroboskoplicht aufmerksam gemacht, wegen der Gesundheitsgefährdung für Epileptiker. Und bei einem Gastspiel wie Simone Aughterlonys Körpertheaterstück „Supernatural“ im März findet sich der Satz: „Diese Produktion enthält explizite Szenen“.

Am Donnerstag, einen Tag nach Kresniks „Sodom“-Premiere, gastiert im HAU die dänische Choreografin Mette Ingvartsen mit ihrer Produktion „69 Positions“. Es geht um Performance-Formen der 60er Jahre. Der Programmtext beginnt mit den Worten: „Exzess, Nacktheit, Orgien, rituelle Ausschweifungen und politisches Engagement“. Einen warnenden Hinweis gibt es diesmal nicht.

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