Kriegsroman "Bagdad Marlboro" : Schuld und Chaos

Welche Schlacht? Welche Front? In seinem großen Kriegsroman "Bagdad Marlboro" lässt der in Berlin lebende Iraker Najem Wali viele Details im Ungewissen und kommt so der Erfahrung von Soldaten erschreckend nah.

Meike Feßmann
Sturz des Diktators. Im April 2003 eroberten die US-Truppen Bagdad.
Sturz des Diktators. Im April 2003 eroberten die US-Truppen Bagdad.Foto: picture alliance / dpa

„Bagdad Marlboro“ – die Namen zweier Zigarettenmarken, irakisch die eine, amerikanisch die andere, bilden den Titel des neuen Romans von Najem Wali – einem Höllentrip durch die Kriege des Irak. Najem Wali, der 1956 in der südirakischen Hafenstadt Basra geboren wurde, zu Beginn des irakisch-iranischen Kriegs nach Deutschland floh und heute in Berlin lebt, will die Leiden der Soldaten nicht nach Nationen und Religionen gewichten. Das Credo seines Erzählgeflechts, voller Geschichten, die begonnen und abgebrochen, variiert und zu Ende gesponnen werden, ist bei aller Raffinesse denkbar schlicht: „Alle wissen, dass es in jedem Krieg um nichts anderes geht als um den Tod. (...) Es ist die einzige Wahrheit, die für alle Kriege gilt, die aber niemand offen ausspricht.“

In einer Sprache zwischen Poesie, Fabulierlust, Faktenwissen und nüchterner Proklamation einfacher, aber oft verborgener Wahrheiten schickt Wali den Leser auf eine Tour de Force. Dass sie immer wieder zur Tortur wird, hat weniger mit der Brutalität der Szenen zu tun, in dieser Hinsicht hält sich der Autor eher zurück, als mit dem Gefühl, sich auf schwankendem Boden zu bewegen. Oft weiß der Leser nicht, wo er sich befindet: in welchem der Kriege, an welcher Front? So wird er nicht nur zum Dechiffrieren gezwungen, sondern auch in eine Situation versetzt, die mit der eines Soldaten einiges gemeinsam hat.

Die epische Ruhe, mit der „Bagdad Marlboro“ beginnt, ist trügerisch. Ein Ich-Erzähler, der unter falschem Namen im Exil lebt, hebt an, von seinem Heimatland, dem Irak, zu berichten. Doch kaum ist er in Schwung, bremst er ab, fügt diese und jene Vorgeschichte ein, und schon befinden wir uns mitten in einer Geschichte, die keine der Figuren, auch der Erzähler nicht, in Gänze überblickt. Das Schicksal von vier Männern, durch ein Netzwerk unterschiedlicher Freundschaften verknüpft, strukturiert den Roman. Chaos, Zufall und Schicksal weben mit an den Begegnungen. Auch wenn sie sich gegen das Töten wehren, sind sie Opfer und Täter zugleich.

Der Erzähler, geboren in einer kleinen Stadt des westlichen Irak am Ufer des Euphrat und aufgewachsen am Ufer des Tigris in Bagdad, hat einst Tiermedizin studiert, arbeitete in einem Schlachthof und versuchte sich als Bauunternehmer. Vom Studium in den siebziger Jahren, als es noch Frauen in Miniröcken, Alkohol und Drogen gab, schwärmte er seinem geliebten Neffen vor, kurz bevor der junge Mann bei einem Attentat ums Leben kam. Obwohl er nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs seine große Liebe geheiratet hatte, scheiterte die Ehe. Er wollte keine Kinder in diese Welt setzen und machte seine Frau zur Bittstellerin.

Als sie nach siebenjähriger Ehe in ihr Heimatdorf zurückkehrt, kommt sie bei einem amerikanischen Bombenangriff ums Leben. Er fühlt sich schuldig, verwahrlost und verlässt den Irak schließlich in den Jahren des Chaos nach dem Sturz Saddam Husseins, als in Bagdad wild gewordene Milizen, die aufseiten der Amerikaner gegen den Irak gekämpft haben, sein Haus besetzen und ihn zu einem Mord zwingen wollen.

All dies erfahren wir erst nach und nach. Den roten Faden bildet die Geschichte des rätselhaften Amerikaners Daniel Brooks, der eines Tages in Bagdad auftauchte und nach ihm fragte, sowie das Schicksal seines Freundes, des Dichters Salmân Mâhdi. Mit ihm hat er einst im iranisch-irakischen Krieg gekämpft. Im Krieg gegen Kuwait aber konnte er in Bagdad bleiben, während der ohnehin zu Depressionen neigende Freund verstört von der Front zurückkehrte, wo er eigentlich sterben wollte.

Najem Wali breitet die Traumata seiner Figuren nicht einfach aus. Psychologisch einleuchtend werden sie verborgen und umspielt und erst durch Zufälle ans Licht geholt. Zufälle, wie sie typisch sind für einen Krieg, der auch deshalb eine Zeitenwende bezeichnet, weil er zum ersten Mal medial in Echtzeit begleitetet wurde. Anders als unbeteiligte Zuschauer laufen die Beteiligten Gefahr, auch später noch per Fernsehschirm mit der eigenen Schuld konfrontiert zu werden. Das geschieht sowohl Salmân Mâdhi als auch Daniel Brooks, zehn Jahre nachdem er den Irak verlassen hat und, zum Islam konvertiert, wieder in den USA lebt.

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