Kultur : Kurt Böwe: Der wahrhaftige Lügner - Zum Tod des Schauspielers

Christoph Funke

Die Jungen, stürmisch Leidenschaftlichen hat Kurt Böwe nicht gespielt. Als er 1959 zur Bühne kam, ohne je eine Stunde Schauspiel-unterricht gehabt zu haben, war er ein gestandener Mann und als Theaterwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität auf dem Weg zu akademischem Ruhm. Dieser biografische Bruch aber begründete einen ganz eigenartigen Abstand zur plötzlich gewählten schauspielerischen Arbeit. Böwe konnte sich Ironie leisten, den behutsamen Abstand zur Rolle, er gab sich nicht bedenkenlos hin, sondern blieb ein Fragender. Was treibt Goethes Faust zu seinem seltsamen Tun? Warum lügt Gorkis Luka? In welcher geisterhaften Welt lebt der Blaue Boll von Ernst Barlach?

Böwe wollte, dass solche Fragen des Schauspielers an seine Rolle für den Zuschauer deutlich bleiben. Und der wollte die Fähigkeit der Betrachter stärken, sich selber einen Reim zu machen. Dennoch hat sich der Schauspieler, misstrauisch gegen voreilige Antworten, nie trockener, intellektueller Bedenklichkeit hingegeben. Er näherte sich seinen Rollen sinnlich, mit der Kraft des wuchtigen Körpers, mit Fantasie und mit spitzbübischer Neugier. Dem Gültigen, dem Fertigen, widerstand er mit einer gehörigen Portion Trotz, und er ließ sich nicht gern einordnen. Wenn es allzu ideologisch wurde, wenn es um einengende Festlegungen ging, verweigerte sich der Schauspieler. Er wollte Komödiant sein, wenn auch kein flinker, aber einer von denen, die nach der von ihm gern zitierten Offenbarung des Johannes "lieb haben und Lüge tun". Und hatte doch kein anderes Ziel, als der Würde des Menschen zu dienen, nicht in einem altmodischen Sinn, sondern kindlich, aufmüpfig, selbstbewusst - und ohne auf die Klugheit zu verzichten, die das Leben gibt und aufzwingt.

Kraft zum Widerstand brauchte Böwe von Anfang an, als Kind gegen schlimmes Asthma, als junger Mann gegen die trockene Wissenschaft, als Schauspieler gegen viele Versuche der Vereinnahmung. Geboren 1929 in einer Familie mit sieben Kindern in Reetz, in der Prignitz, war ihm alles andere vorgezeichnet als der Weg zum Künstler. Schon das Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin von 1954 bis 1960 stellte familiäre Erfahrungen auf den Kopf, und dann erst Recht die Wendung zum schauspielerischen Beruf. Böwe hat die Bindung zur Familie dennoch nie verloren, die karge Landschaft seiner Kindheit in den Elbniederungen um Wittenberge blieb ihm vertraute, immer wieder gesuchte Heimat.

Das Bedächtige, Gründliche des Schauspielers hat hier seine Wurzeln, und auch der besondere, ungewohnte Beruf löste ihn von den Menschen der Prignitz nicht. Wie er, genauso konsequent, Erwartungen nicht erfüllte, die an ihn gestellt wurden. Als Schauspieler, erst am Maxim Gorki Theater und an der Volksbühne (1960-1967), dann in Halle, hätte er ja ein im Theater der DDR so gesuchter, prächtiger, bildungsdurstiger, realitätserfahrener Arbeiter auf der Bühne sein können (und war es als Hermann Kants "Trullesand" in Halle tatsächlich). Oder überhaupt so ein "Schwerer", der alle Helden wie aus dem Hut zieht, wenn er nur auf die Bretter kommt.

Er mochte die Gebrochenen, die Ungebärdigen und Respektlosen, und so spielte er am Deutschen Theater (seit 1973) Kleists Michael Kohlhaas oder Dorfrichter Adam, später den "Herrn Paul" von Tankred Dorst oder, die letzte große Theaterrolle, den Ill in Dürrenmatts "Besuch der alten Dame". Immer mehr Zurückhaltung legte sich der Schauspieler und Fontane-Liebhaber (die Kunst darf nie "heilig" sein) dabei auf, denn immer mehr wurde ihm die unausweichliche Begegnung von Wahrheit, Irrtum, Lüge auf dem Theater und im Leben zur Gewissheit. Vorsicht schien ihm geboten, und er verbarg nicht die Unsicherheit darüber, ob die Lust am Spiel noch behauptet werden kann. Als Ill zeigte er eine berührende, rücksichtslose Nachdenklichkeit, die Ergebung gegenüber einer nicht mehr änderbaren Wirklichkeit, auch Resignation und Verzicht. Hatte er das Dürrenmattsche Opfer für halb geschenkten, halb aufgezwungenen Wohlstand zu einer DDR-Figur gemacht? Diese Leute vom Theater, sagte Böwe einmal, müssen sich der Lüge verschreiben, wenn sie nur ein einziges Quentchen Wahrheit hervorbringen wollen. Und so schwankte sein Ill zwischen völliger Aufgabe des Selbst und einer wohlabgewogenen Ironie, einer aus dem Alltäglichen schon ganz entrückten Sicherheit. Um solche Entrücktheit hat der Schauspieler gerungen, im Wissen um den nahen Tod. Er wusste, dass sie nicht zu erreichen ist.

Nicht nur am Theater, auch im Film und im Fernsehen hat Böwe gespielt. Der Kommissar Groth in der Serie "Polizeiruf 110" machte ihn jenseits des Theaters bekannt, ja populär. Und diese Rolle wurde sein Vermächtnis. Groth/Böwe, ein Mensch, der scheinbar nichts mehr tut und doch alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein Alter, langsam Gewordener, der in seiner eigenen Welt lebt und die anderen außerhalb dieser Welt kennt und durchschaut wie niemand sonst. Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht, in dem dieses stille, verschwörerische Lächeln war, diese brummige, verzeihende Güte. Ein Ausgemusterter, der den Aktiven auf die Sprünge hilft, weil er Bescheid weiß und nichts mehr nötig hat. Kurt Böwe, im tapferen, jahrelangen Kampf mit der tückischen Krankheit, hat sich diesen liebenswerten Kauz als Abbild seines Lebens und seiner künstlerischen Arbeit geschaffen, er schenkte ihm die letzten Energien. Am Mittwoch ist Kurt Böwe im Alter von 71 Jahren in Berlin gestorben.

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