Larry Clark : Kaputt in Kalifornien

Chronist einer verwahrlosten Jugend: C/O Berlin zeigt die großartigen Fotografien von Larry Clark, der seit den Sechzigern Junkies, Skater und Stricher porträtiert. Einst gehörte er selbst zur Drogenszene, jetzt stellt er seine Jugend mit Teenagern nach.

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Sprunghaft. Der Skater Jonathan Velasquez ist seit 2003 Clarks Muse. Fotos: © Courtesy of Larry Clark. Luhring Augustine, New York. Simon Lee Gallery, London
Sprunghaft. Der Skater Jonathan Velasquez ist seit 2003 Clarks Muse. Fotos: © Courtesy of Larry Clark. Luhring Augustine, New...

Wen das in der halben Stadt plakatierte große Foto eines weiblichen Schamdreiecks in die Larry-Clark-Retrospektive ins Berliner Postfuhramt lockt, der wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Weibliche Geschlechtsorgane sind in der Ausstellung nicht so viele zu sehen. Sie scheinen Larry Clark fotografisch nicht so zu reizen wie die adoleszenten Jungs und ihre ganz- und halberigierten Genitalien. Um nicht drum herumzureden, müsste man Schwänze sagen. Ja, Larry Clark geht es ziemlich oft um Jungs und ihre Schwänze. Manche halten das für Pornografie – in Paris war eine Retrospektive zuletzt nur für Volljährige geöffnet –, andere sagen, Clark sei der bedeutendste lebende amerikanische Fotograf.

Er war jedenfalls mal ein erbarmungsloser Bildchronist seiner eigenen Lebenswelt, seiner eigenen verkommenen, drogensatten, „abgefuckten“ Jugend (so er selbst) während der frühen sechziger Jahre in Oklahoma, die er in dem berühmten, nach seiner Heimatstadt Tulsa betitelten Fotobuch zeigt. Fotos aus Tulsa sind nun auch in der Galerie C/O Berlin im Postfuhramt zu sehen: nackte Teenager in Schwarz-Weiß, im Schlamm, beim Baden und im Bett. Oft halten sie Attribute des Todes – Knarren und Spritzen – in der Hand, Todessymbole, die sich neben jungen Teenagerkörpern immer besonders gut machen. Die Bilder, die vor langer Zeit – das Buch erschien 1971 – sehr provozierten, schauen einen heute seltsam nostalgisch an. Verglichen mit all dem, was heute auf jedem Computer nur drei Klicks entfernt liegt, sind sie beinah harmlos. Trotzdem berührt und imponiert der hier fotografierte Wille zur Selbstzerstörung noch immer sehr.

Fotogalerie: Bilder von Larry Clark

Larry Clark
Spritzen und Drogen spielen eine große Rolle im Werk des Fotografen Larry Clark. Dieses unbetitelte Bild stammt aus dem Jahr 1971. Die Berliner Fotogalerie c/o Berlin im Postfuhramt zeigt Clarks Bilder noch bis zum 12. August. Foto: © Courtesy of Larry Clark. Luhring Augustine, New York . Simon Lee Gallery, LondonAlle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: © Courtesy of Larry Clark. Luhring Augustine, New York . Simon Lee Gallery, London
04.06.2012 16:00Spritzen und Drogen spielen eine große Rolle im Werk des Fotografen Larry Clark. Dieses unbetitelte Bild stammt aus dem Jahr 1971....

Interessant sind und bleiben die Fotos natürlich auch, weil auf ihnen die andere Seite Amerikas zu sehen ist, die nicht so schöne in eben diesem Kaff Tulsa, weit weg von beiden Küsten. 1966 geht Larry Clark nach New York, zwei Monate später wird er eingezogen und findet sich bald in Vietnam wieder. Retrospektiv ist es kein Wunder, dass er die Fotos, die dann eine solche Schockwelle auslösen, erst nach seiner Rückkehr aus Vietnam veröffentlicht. Zurück aus dem Krieg sieht er plötzlich die Heimatfront in Oklahoma, den Krieg der eigenen Jugend gegen sich selbst, einen Krieg, der mit Drogen und Sex ausgefochten wird. Und liefert er damit nicht ein starkes Gegenbild zu der heilen Glamour-Welt, deren Wiederbelebung wir heute in Fernsehserien wie „Mad Men“ so sehr lieben?

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