Kultur : Leben? Nicht nötig

Augenmerk für stille Katastrophen: Ilse Aichinger in ihren Interviews.

Uljana Wolf

Der Untergang der Titanic vor hundert Jahren ist wie viele Katastrophen gut erforscht. Kein Eisberg, kein Nadelriss, der nicht inzwischen ausführlich kommentiert zutage liegen würde. Da lohnt sich ein Blick auf die Titanic-Poetik von Ilse Aichinger, einer der wichtigsten und widerständigsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Leben und Denken der mittlerweile 90-jährigen Autorin lassen sich jetzt in dem wunderbar edierten Interviewband „Es muss gar nichts bleiben“ mit CD rekapitulieren.

„Ich war schon vor der Geburt misstrauisch“, gibt Ilse Aichinger 2005 zu Protokoll. Das Misstrauen gegenüber der Sprache und denen, die sie für ihre Zwecke gebrauchen, muss wie ein Eisberg unter dem Werk dieser Autorin mitgedacht werden. In seinen „metaphorologischen“ Studien hat Hans Blumenberg den Eisberg einer „Rhetorik des Misstrauens“ zugeordnet. Wovor diese Metapher warnt, so Blumenberg, ist nicht das Unsichtbare, sondern „das akzidentell Übersehene, obwohl prinzipiell Sichtbare.“

So ist es auch bei Aichinger. Ihr Misstrauen gilt viel weniger der Sphäre des sogenannten Unsagbaren als dem Verhängnis am Rand des Gesagten. Es gilt der Zumutung der Existenz, die aus dem Augenwinkel umso heller leuchtet. Auf sie hält Aichingers Sprache, ganz Titanic, so präzis wie möglich Kurs.

Der Hang zum Versinken und Verschwinden zieht sich durch Aichingers gesamtes Werk wie ein Morsecode des Überlebens. Sie, die den Zweiten Weltkrieg als „jüdischer Mischling“ mit ihrer Mutter in Wien überlebte, während Familie und geliebte Großmutter abtransportiert und ermordet wurden, entzieht den Nazis und allen Mächtigen im Nachhinein das Recht, über die eigene Existenz und Sprache zu herrschen.

Nach einem Roman und preisgekrönten Erzählungen wendet sie sich in den siebziger Jahren radikal von herkömmlichen Formen des Erzählens ab. Ihren deutlich von Samuel Beckett inspirierten Dialogen und den dichten Prosatexten aus „Schlechte Wörter“ wird in dieser Zeit, auf der Höhe der engagierten Pamphletlyrik, Esoterik und unpolitischer Eskapismus vorgeworfen. Doch wer glaubt, in Gedichten das Sagen zu haben oder sich gar zum Sprachrohr eines „Sagen-Müssens“ aufschwingt, macht sich verdächtig.

Denn, so Aichinger in einem Interview 1971: „Sprache ist immer verdächtig“ – „weil ein Autor den Wunsch ‚Hier lasst uns Hütten bauen’ immer kontern muss, weil er fort muss aus der Sprache in die Sprache, aus dem Rezept der Wahrheit in die Wahrheit.“

In ihrer Poetik des Fort-Müssens entdeckt die Autorin „die Kraft des Anarchischen“, liebäugelt mit der Weite der Hochsee und der Tragik der Titanic. Als späte Kinogängerin findet sie im Zelluloid die Entsprechung für beides: Weite und Versinken.

Sie lässt in der kleinen Fischer-Publikation „Eiskristalle. Humphrey Bogart und die Titanic“ (1997) das Absacken der Titanic genauso lang wie Bogarts Leben dauern. Und in ihren autobiografischen Kinotexten „Film und Verhängnis“ montiert sie Leinwandfiguren mit Erinnerungsblitzen an die Zeit der Verfolgung zu porösen Skizzen voller Lecks, Sätzen und Slapstick.

„Film zerstört Chronologie, da ist Finsternis zwischen den Bildern“, sagt Aichinger zum Erscheinen des Bandes 2001. Filmheldinnen werden nach einem Titanic-Barometer beurteilt. Lily aus der Verfilmung von Edith Whartons Roman „House of Mirth“ hätte zu denjenigen gehört, die „das Rettungsboot verweigern“. Im FAZ-Fragebogen von 1993 lässt sich nachlesen, dass die Autorin wohl genauso gehandelt hätte. Statt „Navigare necesse est“ gibt sie ihr Motto an mit „Vivere non necesse est.“ Als Crewmitglied wäre Ilse Aichingers Verhalten vorbildlich gewesen.

Ilse Aichinger:

Es muss gar nichts bleiben. Interviews 1952 - 2005. Hrsg. und mit einem Nachwort von Simone Fässler. Mit CD. Edition Korrespondenzen, Wien 2012. 240 Seiten, 23 €.

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