Kultur : Lektionen der Liebe

Pionier und Fährmann: ein Besuch bei dem großen Übersetzer Karl Dedecius, der heute 85 Jahre alt wird

Katrin Hillgruber

Eine Idylle mit blühendem Flieder im Frankfurter Süden, nur gelegentlich von Flugzeuglärm unterbrochen. Hier hat sich Karl Dedecius, der Gründer des Deutschen Polen-Instituts, mit all den von ihm übersetzten, angeregten und herausgegebenen Büchern eingerichtet: wie Hieronymus im Gehäus. Vor seinem 85. Geburtstag an diesem Samstag herrschte Aufbruchstimmung, denn in Polens geistiger Metropole Krakau fand zu seinen Ehren ein Übersetzertreffen statt, in der architektonisch höchst reizvollen Renaissance-Villa Decius. Die einstige Ruine wird heute als internationales Künstlerhaus maßgeblich von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

Villa Decius und Karl Dedecius: Diese Namensähnlichkeit sorgt für Verwechslungen, seit die Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ihren Übersetzer einmal scherzhaft als Nachfahren des ersten Besitzers vorstellte: „Und seitdem heißt die Villa ‚Dedecius‘, nicht wahr?“, ruft er fröhlich aus: „Obwohl da in Antiqua groß gemeißelt DECIUS steht. So hieß ein Sekretär des Königs, Historiker und Schöngeist, Mäzen der Universität. Aber eine gute Metapher für mich, für die humanistische Gesinnung seit 500 Jahren. Und das hat mich bewogen, bei der Arbeit in diesem Geiste zu bleiben.“

Wislawa Szymborska, Tadeusz Rózewicz, Zbigniew Herbert oder der Lyriker Julian Tuwim: Kaum zu zählen sind die Anekdoten, Begegnungen und Korrespondenzen, die Dedecius in seinen Erinnerungen „Ein Europäer aus Lodz“ (Suhrkamp Verlag, 381 Seiten, 22,80 €) versammelt. Das macht sein Buch zu einer lebendigen polnisch-deutschen Literatur- und Mentalitätsgeschichte, die allerdings oft allzu diplomatisch formuliert ist. Dedecius’ Vorfahren mütterlicherseits stammten aus Württemberg. Dort verhieß ihnen 1795 das „Reichs-Kolonisten-Werbungsbüro“ Glück und Wohlstand im preußisch besetzten Polen. In der Textilstadt Lódz kam Karl Dedecius 1921 zur Welt, in der Zweiten Polnischen Republik, die durch den deutschen Überfall im September 1939 jäh beendet wurde. Plötzlich sollte sich der Absolvent eines polnischen Gymnasiums von seinen Freunden distanzieren – eine absurde Situation für den „Volksdeutschen“ mit polnischem Pass.

Sein Wunsch, Theaterwissenschaft zu studieren, zerschlug sich, als er zwei Wochen nach Kriegsbeginn zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. Doch Karl Dedecius bewahrte sich seinen Optimismus und eine schier unerschöpfliche Tatkraft, trotz zehn Jahren, die ihn Krieg und russische Gefangenschaft kosteten. Im Lager schenkte ihm eine Ärztin ein Bändchen mit Gedichten von Michail Lermontow. Er brachte sich daraufhin selbst Russisch bei und begann zu übersetzen – ein Rekonvaleszenzprogramm, wie er sagt. Diese Leidenschaft hat Dedecius seitdem nicht mehr losgelassen, auch nicht während seines Brotberufs als leitender Angestellter einer Versicherung.

In den Westen war der Familienvater nach einer kurzen Station am Deutschen-Theater-Institut in Weimar gekommen, die DDR verließ er schnell und instinktsicher. Es folgte ein Vierteljahrhundert Pionierarbeit nach Feierabend: 1959 gab er die Lyrik-Anthologie „Lektion der Stille“ bei Hanser heraus, die Initialzündung für die so genannte Polnische Welle und die fünfzig Bände umfassende Polnische Bibliothek.

Vor drei Jahren wurde Karl Dedecius der höchste polnische Orden verliehen, der Weiße Adler. Bis dorthin war es ein langer Weg seit der Gründung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, womit er 1980 sein Lebenswerk krönte. Wie im Kalten Krieg sah er sich damals Vorbehalten bis Anfeindungen aus verschiedenen Lagern ausgesetzt – von den Vertriebenenverbänden bis zu den regierenden Kommunisten in Warschau, die ihn der amerikanischen Spionage verdächtigten. Von Anfang an unterstützt haben ihn Persönlichkeiten wie die „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff und Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Als slawische Anteile seines Wesens nennt Karl Dedecius die Neigung zur romantischen Melancholie und zum rebellischen Freiheitspathos. Und er verweist auf das Wappen seiner Geburtsstadt Lódz: „Es hat mich niemand verstanden am Anfang, als ich sagte, der Übersetzer ist wie ein Fährmann. Aber ich habe mich auf etwas bezogen, was niemand wusste, nämlich, dass Lódz das Boot und das Ruder im Wappen hat, also den Fährmann, der von Ufer zu Ufer die Fracht über-trägt und vor dem Versinken errettet. Und das ist eine schöne Metapher, finde ich.“

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