Kultur : Liebe zur Erde

Ingrid Bachérs Roman „Die Grube“ über den aussichtslosen Kampf gegen den Braunkohletagebau

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Foto: Dittrich Verlag
Foto: Dittrich Verlag

Vom Weltraum aus betrachtet, wirkt es, als habe jemand „eine riesige rostbraune Plane über die Erde ausgelegt, die alles Leben erstickte“, schreibt Kerstin in ihrer letzten Mitteilung an ihre Schwägerin Lale. Die Grube verschlang eingelebte Dörfer: Garzweiler, Belmen, Priesterath, Elfgen. Seinen Anfang nahm der Raubzug 1952, als sich die Bergbaubetreiber das Recht sicherten, im Tagebau Braunkohle abzubauen. Schon zehn Jahre später durfte auf dem zunächst 66 Quadratkilometer fassenden Gebiet nicht mehr gebaut werden. Es begann die Auslöschung einer einst blühenden Landschaft.

„Die Grube“ heißt schlicht der Roman, mit dem die 1930 in Rostock geborene Schriftstellerin Ingrid Bachér den untergegangenen Dörfern und ihren Bewohnern ein Denkmal setzt – ein Stück geronnener Erfahrung aus ihrer nordrhein-westfälischen Umgebung: Bachèr lebt in Düsseldorf.

Erzählt wird das Schicksal der Familie Aschoff, die seit den sechziger Jahren weiß, dass die riesigen Schaufelradbagger sich irgendwann den Hof holen werden und auch das nahe gelegene Garzweiler. Als Vater Aschoff 1983 stirbt, nimmt er seinem Sohn Simon das Versprechen ab, den Hof nicht an den Bergwerkskonzern zu verkaufen. Simon bleibt mit seiner Frau Kerstin, dem Sohn Pitt, seiner Schwester Lale und zwei Angestellten auf dem Hof, widersteht den Lockangeboten der Betreiber, denn er liebt, mehr noch als das Anwesen, die Erde und das, was in ihr wächst.

Aus der Rückschau Lales, die „wie in einem Fernrohr“ alles viel schärfer sieht, steigen die Szenen eines gemeinsamen Kampfes und einer gemeinsamen Niederlage auf. Anlass ist eine amtliche Todeserklärung. Seit 18 Jahren gilt Lales Bruder Simon als verschollen. Nur sie und drei nahe Freunde wissen um sein Ende. So begibt sich Lale in ein langes, antwortloses Gespräch mit dem toten Bruder, das Rechenschaft abgeben soll über die zäh fließende Zeit, in der die Bewohner Garzweilers ihrem Schicksal entgegensahen.

Mit der „strategisch geübten“ Übernahme des Landes durch Rheinbraun, das später zum RWE-Konzern gehören wird, verändern sich die dörflichen Beziehungen. Der Ausverkauf erzeugt Druck, Angst und Misstrauen. Während ein Teil der Bewohner möglichst günstig verkaufen will, um anderswo eine neue Existenz aufzubauen, halten andere verzweifelt an Haus und Acker fest. Mit der Zeit fräsen sich die Bagger immer tiefer durch das Land, es entsteht eine Mondlandschaft, die von Touristen besucht wird. Zuerst sind es einzelne Häuser, dann die öffentlichen Gebäude, es folgt die Kirche, deren Türme sich – ein erhebender Augenblick – ihrer „Hinrichtung“ zu widersetzen scheinen, schließlich werden die Gebeine aus dem Friedhof geholt.

Simon organisiert die Bürger, wälzt Gutachten, hofft, doch noch eingreifen zu können. Der Höhepunkt des Widerstands ist kurz vor der Wende, im August 1989, auf einer großen Bürgerversammlung erreicht. Dorthin schickt der Konzern seine Arbeiter, die für die Kohle und ihre Arbeitsplätze demonstrieren. Das „Recht auf Arbeit“ kollidiert mit dem „Recht auf Heimat“, „Braunkohle muss bleiben“ tritt gegen „Garzweiler muss bleiben“ an. Doch „die Krake hat einen großen Magen“. 1987 wird Garzweiler II genehmigt, dem 18 weitere Dörfer weichen sollen. Die in 64 Millionen Jahren entstandene Braunkohle wird gierig aus der Erde geschabt, ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. In die aufgelassenen Häuser ziehen Asylbewerber als „Zwischennutzer“. Für sie gehört Vertreibung zum Alltag, die Gefahr ist gering, dass sie Wurzeln schlagen.

Bachérs Anklage ist unmissverständlich, und die Schilderungen der Urenkelin von Theodor Storm sind am überzeugendsten dort, wo sie das „ausgebalgte Erdtier“ beschreibt und die Hilflosigkeit von Menschen, die gelernt haben, an Recht und Gesetz zu glauben und sich verwalten zu lassen. Mitunter wirkt die Geschichte pathetisch, doch Lale sagt: „Pathos ist unerlässlich.“ Man müsse es nur „ins Grandiose steigern, um der Bedeutung eines Abschieds gerecht“ zu werden.

Auch Borschemich, wo Lale nach der Auslöschung Garzweilers und Simons Tod Zuflucht gefunden hat, wird es bald nicht mehr geben. Die Dörfer fallen, so wie Simon gefallen ist in einem ungleichen Kampf. Obwohl die Geschichte des Aschoffschen Hofes und seiner Bewohner fiktiv ist, sind die Ereignisse historisch verbürgt. Herausgekommen ist ein beklemmendes Stück Prosa, das im besten Sinne die Bezeichnung realistisch verdient. Ulrike Baureithel











— Ingrid Bachér:

„Die Grube“. Roman.

Dittrich Verlag,

Berlin 2011.

173 Seiten, 17,80 €

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