Literarische Legende : Im Sumpf des Stumpfsinns

Szenen aus dem Angestelltenleben: Der Holländer J. J. Voskuil beschreibt in seinem Roman „Das Büro. Direktor Beerta“ das ganze Elend eines Lebens am Schreibtisch.

Jochen Jung

Ende der neunziger Jahre kam es auf der Frankfurter Buchmesse für einige deutschsprachige Verleger zu einer wunderlichen Begegnung: Es konnte einem nämlich passieren, dass einen der überaus temperamentvolle niederländische Verleger Wouter van Oorschot besuchte, um einem mit größter Euphorie von einem Roman mit dem Titel „Het Bureau“ eines gewissen J. J. Voskuil vorzuschwärmen, von dem bei ihm in rascher Folge Band nach Band erschien, Tausende Seiten über nichts als das Leben in einem Büro. Das Ganze sei in den Niederlanden ein unglaublicher Erfolg, bald eine halbe Million Exemplare, aber: Man möge doch bitte unbedingt die Finger davon lassen, es sei ein Buch für Holländer, der Rest der Welt könne und werde es nicht begreifen.

Aber auch in Deutschland gab es jemanden, der von dem Wunderwerk begeistert war, der Übersetzer und Niederlandist Gerd Busse, der immer wieder in deutschen Zeitungen darauf hinwies und dem es nun, nach über einem Jahrzehnt, gelungen ist, doch einen deutschen Verlag dazu zu gewinnen, es wenigstens mit einem ersten Band zu versuchen, den er auch übersetzt hat. Es handelt sich um rund ein Sechstel des 5000-seitigen Gesamtromans, den der Autor in nur vier Jahren geschrieben hat. Und nun?

Das Büro war ja immer schon, im Film wie in der Literatur, ein Parade-Schlachtfeld für menschliche Ranküne, für Machtspiele, für Neid, aber auch für Stumpfsinn und Ödnis. Kaum ein Arbeitsplatz – und es ist ja längst der gewöhnlichste von allen – hat einen schlechteren Ruf.

Von Herman Melvilles „Bartleby“ und Gustav Freitags „Ahnen“ bis zu „Mad Men“ oder Christoph Bartmanns kompetenter Darstellung „Leben im Büro“ hat man uns das Büro als eine Welt vorgeführt, in der sich der Mensch am deutlichsten als das animal male zeigt, das er ist. Von da aus gesehen ist Voskuils Büro geradezu harmlos.

Der 1926 in Den Haag geborene und 2008 in Amsterdam gestorbene Autor war selber 30 Jahre lang in einem Institut für Volkskunde in Amsterdam angestellt, und die Welt seines Romans ist in großen, vor allem aber in kleinen Zügen die, die er selber erlebt hat. Man ist angepasst, aber jeder auf seine Weise, das heißt, alle sind die gleichen Büromäuse, haben aber auch etwas Eigenes, und wenn es nicht die Topfpflanze ist oder das Urlaubsfoto, dann bleiben immer noch die eigenen Macken und Zwänge, Restemanationen einer privaten Existenz, die in Kümmerform Individualität überleben lassen.

Das Besondere an diesem speziellen Büro sind aber nicht so sehr Intrige und Missgunst, sondern nach Absicht des Autors – und hier erlauben wir uns noch einmal das schöne altmodische Wort – die kafkaeske Unsinnigkeit allen Treibens in diesen Räumen und überhaupt.

Maarten Koning, das alter ego des Autors dieser Autoergografie, ist zutiefst davon überzeugt, dass alles, was er und seine Kollegen tun, vollkommen unsinnig und überflüssig ist, dass sie aber alle zugleich ihren Aufgaben nicht gewachsen sind. Es ist dieses Dilemma, aus dem sich zum einen ein ziemlich unlustiger Charakter, zum andern aber auch eine wenig heitere Weltbetrachtung ergibt, eben eine unterschwellig katastrophische Kafkaeskität – und Maarten bemüht sich redlich, das zu vermitteln.

Die Geschichte wird im Jahrestakt erzählt und beginnt 1956. Maarten tritt, nachdem er ein kurzes Gastspiel als Lehrer wieder aufgegeben hat, in das Institut ein und beginnt seine „Forschungen“ über das Wichtelmännchen und über den Umgang mit der Nachgeburt von Pferden, später dann auch über den Kornschreck und die Roggenmutter.

Dazu werden Fragebögen verschickt und ausgewertet, gelegentlich Befragungen vor Ort durchgeführt, Karteikarten angelegt und die Ergebnisse kartografiert. Kongresse müssen besucht und immer wieder Sitzungen abgehalten werden, neue Mitarbeiter werden eingestellt, andere gehen oder sterben, Kaffee wird gekocht, man fragt im Sommer, wie es im Urlaub war, und wünscht sich im Winter ein gutes Neues Jahr. Dazwischen ruft Direktor Beerta: „Die Welt ist für das Mittelmaß da!“

Aber es gibt dann auch – einzige Rechtfertigung für die unersprießlichen Stunden im Büro – ein sogenanntes Privatleben. Nicolien heißt Maartens Frau, sie hätte es am liebsten, er würde überhaupt nicht arbeiten und seine Tage mit ihr auf dem häuslichen Sofa verbringen, und er kommt ihr, wenn auch für sie nicht ausreichend, mit seinem ausgeprägten Karriereunwillen sehr entgegen.

Ihnen gönnt Voskuil den einen oder anderen loriotnahen Dialog, ohne dass der Witz dort oder sonstwo in diesem Buch einen erlösenden oder die Perspektive auf das Ganze ironisch relativierenden Effekt hätte.

Die Menschen, die man in diesem Büro kennenlernt, sind so, wie sie uns geschildert werden, fast alle so uninteressant, wie es die meisten Menschen nun einmal sind, und da man ja selbst zu denen zählt, möchte man nicht unfreundlich über sie urteilen. Dass man derart vergessen kann, dass es sich hier doch um einen Roman und nicht um reale Menschen handelt, zeigt vielleicht eine geheime Stärke des Buches.

Es gibt außerdem den einen oder anderen wachen und genauen Blick auf urbane Stillleben am Rand der Stadt, zudem einige überraschende Tagebuchnotizen Maartens, es gibt ein paar offene Worte über Chefgebaren und die seelische Konstitution der Untergebenen, es gibt einen jungen Mitarbeiter, der das Büro wegen mentaler Probleme verlassen muss und einen gelegentlichen Blick auf Abseitiges erlaubt, aber es kommt nicht zu scharfer Durchleuchtung der ganzen Bürosituation, zu früh ist da das Einverständnis mit dem Leser hergestellt worden. Außerdem traut sich die Sprache zu wenig Eigenständigkeit zu und dem Erzählen zu wenig Kühnheit.

Stattdessen liest man unzählige nicht enden wollende (oder könnende?) flach ausgewalzte Dialoge, die nichts klären, nichts entscheiden, nichts weiterbringen, und es hilft nichts, dass sie womöglich genau das zeigen wollen. Vor allem aber gibt es unendlich viele Seiten, die man vergisst, schon während man sie liest. Man weiß ja, dass das Büroleben sehr zäh, sehr schleppend, ja sehr langweilig sein kann, aber man weiß eben auch, dass es verboten ist, langweilig über Langweiliges zu schreiben. Die Holländer wissen das auch. Warum ist dann für unsereinen die Vorstellung, dass es noch über 4000 solche Seiten gibt, nahezu ein Albtraum? Weil, wie Wouter van Oorschot schon sagte, das eben nur die Holländer begreifen.

J.J. Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Roman. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C. H. Beck Verlag, München 2012. 848 Seiten, 25 €.

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