Lucrecia Martels „Offene Türen, offene Fenster“ : Wir Waisen

Schön träge wie ein später Sommertag: Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel erzählt in „Offene Türen, offene Fenster“ von drei trauernden Schwestern und macht daraus ein minimalistisches Seelenstillleben.

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Marina (María Canale), Sofia (Martina Juncadella) und Violeta (Ailín Salás).
Drei Schwestern: Marina (María Canale), Sofia (Martina Juncadella) und Violeta (Ailín Salás).Foto: One Filmverleih

Manchmal, in seinen besseren Momenten, erinnert der Film an Lucrecia Martels „La ciénaga“ (Der Sumpf, 2001). Die Trägheit. Der späte Sommer. Das Nebeneinanderher von Leuten in einem großen Haus. Dass sie nur das Nötigste anhaben in der Hitze auch, sehr intim das alles, sehr unöffentlich. Und gleichzeitig stehen Türen und Fenster offen, drinnen ist draußen ist nirgendwo.

Nur dass die Argentinierin Lucrecia Martel damals eine seelenkalte Familiengeschichte rund um ein krankes Gehäuse gebaut hat und an die Ränder eines vermoost versumpften Pools, düster verdruckste Dramen inklusive. Da erzählt Milagros Mumenthaler, Jahrgang 1977 und auch sie Argentinierin, eine viel schmalere Story. Drei Schwestern. Ein Nachbarsjunge. Das große Haus der unlängst an einem Infarkt weggestorbenen Großmutter, einer Uni-Professorin, auf deren Nachttisch noch die Pillenpackungen liegen. Sommer und am Ende ein bisschen Herbst und Winter noch dazu.

Martel erzählt von der großen Abwesenheit

Nur die Körper der Schwestern Marina (María Canale), Sofia (Martina Juncadella) und Violeta (Ailín Salás) sind da umeinander und ihre meist gleichmütigen Stimmen, der Rest atmet Abwesenheit. Die Abwesenheit der Großmutter, bei der sie aufwuchsen (nur einmal scheint sie auf, in Marinas Traum). Die Abwesenheit der Eltern, deren Gerümpel in der Garage steht. Fehlen sie, und wenn ja, wem und warum? Im Presseheft gibt die Regisseurin einen vagen Hinweis. Als ihre Eltern vor der argentinischen Militärdiktatur ins Ausland flohen, war sie selber gerade erst geboren. Aufgewachsen in der Schweiz, suchte sie als junge Erwachsene ihre Wurzeln. Und machte aus der Stimmung der ersten zwei Jahre in der fremden Heimat einen Film.

Ist „Offene Türen, offene Fenster“ (Originaltitel: Abrir puertas y ventanas) gut? Zum Beispiel, weil dieses superminimalistische Seelenstillleben 2011 in Locarno den Goldenen Leoparden gewann und die Darstellerin der Marina auch noch den Schauspielerpreis? Eine langsame Bewegungsetüde, die derart auf das Prinzip Abwesenheit setzt, dass sie sich selber schon während des Zeigens zu verflüchtigen scheint?

Der Film ist ein Traum, der im Wachwerden verschwimmt

Eher ein Traum ist dieser Film, dem die Regisseurin seither keinen zweiten hat folgen lassen, einer, der im Wachwerden verschwimmt. Erzählen lässt er sich kaum; nur geht dann der Tag unter seinem Einfluss dahin, im Nebeneinander der Leute, in ihren gleichförmigen Stimmen, es könnte ein träger Tag in einem Sommer sein, der nicht enden will, ein Tag, an den sich Kopf und Herz nicht erinnern, aber die Haut.

b-ware ladenkino, Babylon Mitte, Brotfabrik und fsk (alle OmU)

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