Lukas Bärfuss' Roman „Koala“ : Auf Erden nicht zu helfen

Wütend, verzweifelt, aufrichtig: Lukas Bärfuss erzählt in seinem mutigen Buch „Koala“ vom Scheitern seines Bruders.

Nicole Henneberg
Lukas Bärfuss. 2004 wurde er zum Dramatiker des Jahres gekürt.
Lukas Bärfuss. 2004 wurde er zum Dramatiker des Jahres gekürt.Foto: dpa

Dies ist kein Roman, auch wenn es so auf dem Cover steht – aber ein sehr mutiges Buch, streng, kompromisslos, dabei voll formaler Brüche und emotionaler Sprünge. Als Leser fragt man sich, warum ein erfahrener Erzähler und Dramatiker diese radikale Geschichte so karg und stellenweise fast tonlos geschrieben hat. Dafür berührt der sehr private, aufrichtige Ton des Buches, das sich über weite Strecken dem Erzählen verweigert, umso mehr. Ist es also eine Trauerarbeit? Ein Requiem? Oder eine Selbsttherapie, die den steinigen Weg der eigenen Rettung nachzeichnet?

„Helden sind wir alle auf die gleiche Art. Schwach sein und scheitern dagegen – das ist etwas sehr Persönliches und Liebenswürdiges“, erklärte Lukas Bärfuss in einem Interview. Der Mensch, von dessen Scheitern er hier erzählt, ist sein Bruder, von dem er, wie er nach dessen Selbstmord eingestehen muss, kaum etwas wusste. Einer der wenigen Fakten: In einer angsterfüllten Initiationszeremonie hatte sein Bruder – dessen richtigen Namen man nicht erfährt – bei den Pfadfindern den Namen „Koala“ erhalten, den der Erzähler sich nicht erklären kann, dem er nachlauscht und der für ihn zur Einstiegsluke in diese Geschichte wird.

Es gibt noch eine zweite. Denn in Bärfuss’ Schweizer Heimatstadt hatte auch Heinrich von Kleist eine Zeit lang gelebt, und der Autor wurde im November 2011 zu einem Vortrag über ihn eingeladen – es sollte die letzte Begegnung mit dem Bruder werden, der den Ort nie verlassen hatte. Kleist wollte hier Bauer werden, auf einer Insel im Flüsschen Aare, doch diesen Plan, vermutet Bärfuss, hatte er wohl nur gefasst, um daran zu scheitern.

Die kunstvoll nüchterne Sprache Heinrich von Kleists hat bei dieser Geschichte Pate gestanden, und die unerhörte Konsequenz seiner Selbsttötung am Kleinen Wannsee, nach dem Mord an seiner Seelenfreundin Henriette Vogel, liefert dem Autor einen entscheidenden Hinweis: Auch sein Bruder musste wohl zu dem Schluss gekommen sein, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen war“, und legte ohne jede Gefühlsaufwallung und ohne jeden Fanatismus sein Leben ab wie ein überflüssiges Kleidungsstück. Zum Sterben stieg er in die Badewanne, um keinen Schmutz zu verursachen – als wäre „die größte Zumutung eines Selbstmörders nicht sein Tod, sondern der Schmutz, den er hinterlässt“, kommentiert der Erzähler bitter.

Autor und Erzähler sind hier weitgehend identisch, das sprechende Ich ist Lukas Bärfuss selbst, geboren 1971 in Thun. Und im ersten Teil des Buches kämpft er sichtlich mit seiner sprachlosen Trauer: In Sätzen, die wie versteinert wirken, beschreibt er knapp die Rückkehr in das Städtchen, nach seinem Vortrag über den Selbstmörder Kleist, um etwas über den nächsten Selbstmörder, seinen Bruder, zu erfahren, der sich mit einer Überdosis Heroin das Leben genommen hat. Er beobachtet sich dabei, wie er, aus der Hauptstadt angereist, alles zu vermeiden sucht, „was geschmeidig, anmutig oder gebildet erscheinen könnte“, und wie ihm sofort die Sätze im Mund verklumpen.

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