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Märkisches Museum : Zeit, wo ist dein Geist?

11.04.2008 00:00 UhrVon Michael Zajonz
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Hohle Hallen. Bei der Ausstellungseröffnung im historischen Waffensaal. - Foto: dpa

Das Märkische Museum gibt es seit 100 Jahren. Doch es zählt zu den Stiefkindern der kommunalen Berliner Museumslandschaft. Eine neue Ausstellung sucht Wege zur „gefühlten Geschichte“.

Eine Woche vor der Eröffnung kam das Kaiserpaar. Zwei Stunden lang ließen sich Wilhelm II. und Auguste Viktoria am 3. Juni 1908 durch das vom Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfene Märkische Museum führen. Märkisch-goldene Zeiten. Mal sehen, ob Bundeskanzler oder Bundespräsident für die Wiedereröffnung des dann generalsanierten Traditionshauses am Köllnischen Park 2014 oder 2015 Zeit finden werden.

Was vor hundert Jahren als eines der spektakulärsten deutschen Museumsprojekte startete, gehört seit zwei Jahrzehnten zu den Stiefkindern der kommunalen Berliner Museumslandschaft. Sanierungspläne gab es schon zu DDR-Zeiten.

Seit über zehn Jahren wird am Stammhaus der 1995 vom Land Berlin gegründeten Stiftung Stadtmuseum tatsächlich gebaut – wie es Budget und politischer Wille der Senatsverwaltungen zugelassen haben. Das hieß oft: im Schneckentempo.

Es ist also eine Baustelle im Wartestand, die den Besucher der Ausstellung „Gefühlte Geschichte“ in Hoffmanns heiligen Hallen empfängt. Der scheidende Sammlungsdirektor Kurt Winkler – er geht ans Braunschweiger Stadtmuseum – eröffnet das Jubiläumsjahr mit einem Blick zurück auf die geniale Entstehungs- und Frühgeschichte des Hoffmann-Baus. Dahinter stehen Grundsatzfragen wie: Was macht die Qualität des Märkischen Museums aus, und was wollen wir heute noch davon wissen? Soll das als Gesamtkunstwerk konzipierte Haus künftig die Macht- und Schaltzentrale eines Museumsverbunds sein? Oder ist es das Denkmal einer großen Kultur- und Welterklärungstradition, das es zu schützen gilt, notfalls sogar gegen den Zeitgeist?

Neben der Sanierung des Museums steht auch der Ausbau des Marinehauses an

Das Märkische Museum als Institution gab es, als der Stadtbaurat sein Pasticcio aus brandenburgischer Backsteingotik und norddeutscher Renaissance errichten ließ, bereits seit über dreißig Jahren: 1874 war es als Märkisches Provinzial-Museum in den Amtsstuben des alten Köllnischen Rathauses gegründet worden. Um 1900 besaß man bereits rund 30 000 historisch relevante Stücke, von der Haifischmumie aus einer alten Apotheke über prähistorische Ausgrabungen bis zum Zunftpokal – gestiftet von Berlinern, die wie der Mediziner Rudolf Virchow das Provinzial-Museum als bürgerschaftliche Gründung unterstützten. Indem Hoffmann sein Konzept der kulturhistorischen Inszenierung aufs Gebäude selbst übergreifen ließ, schuf er ein Museum mit Vorreiterrolle.

Lauter Steilvorlagen, um den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Stattdessen: nichts als Baustellen. Hinreichend bekannt ist der Konstruktionsdefekt der 1995 durch Reiner Güntzer als Gründungsdirektor konzipierten Stiftung Stadtmuseum. Zu viele Häuser, Themen und Sammlungsteile, die vereinigungsbedingt zusammengewürfelt worden sind. An der Ausgliederung von Teilmuseen wie der Domäne Dahlem oder dem Sportmuseum laboriert man bis heute. Güntzers Nachfolger Winkler, von Mitte 2004 bis Anfang 2006 interimistisch im Amt, war vom damaligen Kultursenator Thomas Flierl aufgefordert worden, mit den Kollegen von der Berlinischen Galerie und dem Brücke-Museum nach dem Vorbild der Opernstiftung eine übergreifende Landesstiftung Berliner Museen zu entwickeln. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit wurde das Stiftungsprojekt 2006 überraschend abgeblasen. Alice Ströver, als Kulturexpertin der Grünen damals im Beirat der Stiftung Stadtmuseum, kommentierte das jähe Ende des Museumsverbunds als „typischen koalitionsinternen Streit zwischen Flierl und Wowereit.“ Ein Machtwort des Regierenden. Projektende.

Im vergangenen Oktober präsentierten Kulturstaatssekretär André Schmitz und Franziska Nentwig, seit zwei Jahren Generaldirektorin des Stadtmuseums, einen ehrgeizigen Plan: Für insgesamt 36,5 Millionen Euro will das Land nicht nur das Märkische Museum bis 2014 denkmalgerecht fertig sanieren, sondern bis 2012 auch das benachbarte Marinehaus zur Komplementäradresse von Hoffmanns Museumsburg ausbauen. Gelingt der Zweischritt, verspricht er – weit über Berlin hinaus – ein großer Wurf zu werden. Derzeit arbeitet man an den Vorgaben für einen Architekturwettbewerb.

Nicht nur die Strukturprobleme wurden von den Mitarbeitern kritisiert

Eine offene Situation, in der Haus und Mannschaft umso mehr zusammenspielen sollten. Im vergangenen Dezember jedoch lud der Betriebsrat zu einer Personalversammlung, bei der sich viele Mitarbeiter sehr kritisch über Strukturprobleme und den Führungs- und Kommunikationsstil der Direktion äußerten. Im Vorfeld hatte man anonyme Beschwerdebriefe gesammelt (ein nachträglich verfasster liegt dem Tagesspiegel vor), deren Tenor Betriebsratsmitglied Lothar Schirmer so zusammenfasst: „Wichtige Zukunftsfragen werden nicht diskutiert, sondern oben beschlossen.“

Was wünscht man sich also, und was darf man erwarten von einem Stadtmuseum der Zukunft? Jenseits der Floskel vom „Metropolen-Museum“, mit dem Franziska Nentwig so gern klingelt. Die Antwort ist einfach. Man kann sie derzeit besichtigen, in der Ausstellung „Gefühlte Geschichte“: in Gestalt der wunderbaren Fotografien von Ernst von Brauchitsch, entstanden 1908 kurz nach der Ersteinrichtung. Sie zeigen eine Museumswunderwelt, wie man sie im Bode-Museum gerade glücklich wieder entdeckt hat. Kein Zirkus der Wechselausstellungen, sondern ein Schöpfen aus dem Kern: der Sammlung. Und die ist im Märkischen Museum, obgleich ganz anders geartet als in den Staatlichen Museen auf der Museumsinsel, eine Schatzkiste. Trotz einer Finanzsituation, die keine Ausstellung, keinen Abendvortrag mehr ohne das Einwerben von Drittmitteln zulässt, haben die Mitarbeiter des Stadtmuseums immer wieder gezeigt, dass sie aus beinahe Nichts etwas machen können. Etwa bei der Ausstellung „Berliner Eisen“ im Ephraim-Palais letztes Jahr. Ein Thema, nicht unbedingt „sexy“, aber was für eine originelle Perspektive. Im Idealfall: das Große im Kleinen. Oder umgekehrt.

Ludwig Hoffmann wünschte sich für die lauschigen Ecken seines Museums: „Hier in aller Ruhe, dachte ich, könne vielleicht ein Schauspieler seine Rolle lernen, ein Dichter seine Verse schmieden, oder vielleicht auch einmal ein junges Pärchen in glücklichen Zukunftsträumen schwelgen.“ Das Märkische Museum ist eine Herausforderung: auch an den Mut zum scheinbaren Antizeitgeist. Macht es als Herz so stark wie möglich. Und macht es vor allem nicht beliebig.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, bis 1. Februar 2009. Begleitpublikation (Verlag M) im Museum 17,90 Euro.

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