Malerin Leiko Ikemura : Ihr Bild von Japan

Kunst und Katastrophe: Eine Begegnung mit der Malerin Leiko Ikemura in ihrem Berliner Atelier.

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Der veränderte Blick. Leiko Ikemura vor ihrem Gemälde, das wie ein Menetekel für das Unglück von Fukushima erscheint.
Der veränderte Blick. Leiko Ikemura vor ihrem Gemälde, das wie ein Menetekel für das Unglück von Fukushima erscheint.Foto: Paul Zinken

Plötzlich rückt sie den Stuhl zurück und holt das Bild. Jetzt steht es da, an die Atelierwand gelehnt. Nächtliche Meerwellen sind zu sehen, die wie von innen glühen. Vielleicht ist es auch nur der Mond, der die See von oben bescheint. Im Hintergrund ragt eine Industrielandschaft auf, Lichter blitzen. Die gleiche Silhouette hat das Atomkraftwerk von Fukushima. Doch das kann nicht sein, denn Leiko Ikemura malte das Gemälde schon 2006. Bis vor einer Woche hätte man darauf nur ein Kriegsschiff wiedererkannt.

Es scheint, als habe die Japanerin etwas geahnt, wie es Künstlern als Seismographen der Gesellschaft gerne nachgesagt wird. Als die Berliner Galerie Loock vergangenen Herbst die düstere Serie mit Kriegsschiffen und Düsenjets der seit 20 Jahren in Berlin lebenden Künstlerin zeigte, riefen sie ein Gefühl von Krieg, Hiroshima, atomarer Bedrohung hervor. Nur schien das alles damals endlos weit weg, japanische Vergangenheit, die sich in die Psyche eingegraben hat.

Leiko Ikemura kann es selbst kaum fassen. Wenige Tage vor dem großen Beben waren noch die drei Kuratoren des Tokioter Nationalmuseums da, um mit ihr die Hängung ihrer Retrospektive Ende des Jahres zu besprechen. Auf dem großen Tisch ihres Kreuzberger Ateliers steht noch das Ausstellungsmodell. An den Pappwänden sind die verkleinerten Gemälde aufgespießt. Als Stellvertreter für ihre Skulpturen wurde geknautschtes Aluminiumpapier aufgestellt. Inzwischen haben sich die Kuratoren aus Tokio gemeldet: Ihnen sei nichts passiert. „Wir machen weiter“, sagt die Professorin für Malerei an der Universität der Künste, doch ist ihr die Verunsicherung anzusehen.

Normales Weiterarbeiten geht nicht mehr. Morgens und abends sieht sich die 59-Jährige immer wieder die Nachrichten an. Ihren Freunden und ihrer Familie haben weder das Erdbeben noch der anschließende Tsunami etwas antun können. Doch das Bild des explodierenden Atommeilers an der Küstenlinie hat sich eingebrannt. Es wurde über Nacht zur Ikone, ähnlich wie die Aufnahmen der brennenden Twin-Towers von New York. „Diese Bilder bedrohen und faszinieren zugleich“, beschreibt Leiko Ikemura ihre Anziehungskraft. „Bedauerlicherweise rütteln erst Katastrophen diese Emotionen wach.“

Mit gewisser Verwunderung verfolgt die Malerin die Reaktion ihrer Landsleute auf das Drama. Sie selbst ist viel zu lange fort und könnte nicht mehr mit dieser Gelassenheit auf ein solches Unglück reagieren, sagt sie. Geboren im Fischerdorf Tsu Mie verließ sie als Zwanzigjährige ihre Heimat, um in Spanien weiterzustudieren. Über die Schweiz und lange Jahre in Köln, wo sie noch heute ein Atelier unterhält, kam sie nach Berlin. Ihre Bilder verraten sogleich ihre japanische Herkunft: stille, weite Räume, in die schemenhafte Figuren gestellt sind, Kindfrauen, wie verpuppt. Nach einer Phase der nächtlichen Farben und melancholischen Motive hat sich der Horizont in ihren Bildern gelichtet und zu Landschaften hin mit angedeuteten Bergen und Seen geöffnet. Ob sich die Schweiz oder Japan darin verbirgt, weiß die Künstlerin selbst nicht zu erklären. Im Vordergrund des mehrteiligen Bildes, an dem sie gerade arbeitet, erhebt sich eine sphinxartige Figur. Inspiriert wurde sie von einem Mexikoaufenthalt, wo die Malerin überraschende Parallelen zu ihrer Heimat entdeckt hat: Beiden Ländern ist die große Vergangenheit, die Zerstörung ihrer Kultur gemeinsam, sogar physiognomisch besitzen Mexikaner und Japaner eine gewisse Ähnlichkeit.

Leiko Ikemura ist eine Globetrotterin des Kunstbetriebs, die in ihren Werken die gesammelten Eindrücke amalgamiert und doch den Bezug zur japanischen Bilderwelt bewahrt. So versteht sie durchaus die Haltung der Menschen angesichts der Katastrophe. Sie selbst hat als Kind immer wieder kleinere Tsunamis erlebt, einmal wurde das Haus der Eltern weggespült. „Den festen Boden, der in Europa vorausgesetzt wird, gibt es bei uns nicht“, sagt sie über die latente Erdbebengefahr. „Das ist eine Wahrheit, auch im philosophischen Sinne.“ Daraus resultiere bei den Japanern eine besondere Bescheidenheit, ein anderes Verhältnis zu Mensch und Natur. Das Unmögliche ist vorstellbar, auch wenn niemand mit einem Unglück jetzigen Ausmaßes gerechnet habe.

Dass die Bedrohung durch das zerstörte Atomkraftwerk ebenfalls wie ein Schicksal hingenommen wird, will die Künstlerin jedoch nicht verstehen. Ausgerechnet in einem so kleinen Land, das bis heute das Trauma von Hiroshima nicht verarbeitet hat, musste diese Katastrophe passieren. Wenn der Wind dreht, ist ein Drittel der Insel nicht mehr bewohnbar, fürchtet sie. „Japan ist wie ein Experiment,“ versucht Ikemura das Unglaubliche in Worte zu fassen. Umso besser weiß sie, dass sich hinter der aufrecht gehaltenen Fassade, der großen Disziplin und scheinbaren Emotionslosigkeit angesichts des Dramas tiefste Gefühle verbergen.

Gewiss, das Hinnehmen des Unglücks bedeutet nicht gleich Akzeptanz der tödlichen Bedrohung durch die Atomenergie, doch aus der Ferne kann Leiko Ikemura die Passivität der Japaner nicht mehr verstehen. Die Protestbewegungen in Deutschland stehen ihr mittlerweile näher. So fragt sich die Künstlerin, was sie selbst noch machen kann, nach einem solchen Einschnitt. Weitermalen? „Wenn alles auf dem Prüfstand steht, dann müssen wir auch in der Kunst umdenken, gerade dort“, fordert sie. „Welche Bedeutung besitzt Kunst noch in einem solchen Moment?“, will Leiko Ikemura wissen. „Wenn Matisse während des Krieges nur Blumen malt, dann ist auch das eine Haltung.“ Und dann kommt die zierliche Japanerin in Fahrt: „Kunst ist schon viel zu lange keine Bremse mehr, sondern Teil des Business’, des kapitalistischen Produktionsprozesses.“

Nun sucht Leiko Ikemura nach Möglichkeiten, diese Fragen mit anderen zu diskutieren und zugleich ihren Landsleuten zu helfen. Am liebsten würde sie eine Benefizauktion mit anderen japanischen Künstlern organisieren, außerdem Gesprächsrunden planen. Mit den Kunst-Werken steht sie bereits in Kontakt. So schmerzlich es ist: „Diese Zäsur könnte helfen, die Position der Kunst zu stärken, die läppisch geworden ist.“ Zumindest diese Hoffnung schöpft Leiko Ikemura aus dem Unglück.

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