Kultur : Maria Theresia, live dabei

„Anno“: ein Internetprojekt von Österreichs Nationalbibliothek

Paul Kreiner

Eine Herkulesarbeit nach der anderen nimmt sich die Österreichische Nationalbibliothek in Wien vor: Kaum hat sie – in aller Stille – ihren Autorenkatalog von 1501 bis heute ins Internet gestellt, geht sie mit einem neuen Projekt online. „Anno“ heißt es: „Austrian Newspapers Online“. In diesem Rahmen sollen die österreichischen Zeitungen der letzten 300 Jahre erfasst und im Internet zur Verfügung gestellt werden.

Der Scan-Marathon begann im April; früher als geplant wurde im Sommer der Server freigeschaltet. Nach Angaben von Projektleiterin Christa Müller lassen sich derzeit mehr als 250000 Zeitungsseiten durchblättern, „jede Woche kommen 30000 dazu“. Um diesen gewaltigen Berg zu bezwingen, hat sich die Bibliothek klare Prioritäten gesetzt: „Beim Digitalisieren fangen wir mit Zeitungsbänden an, die vom Verfall bedroht sind. Und mit Zeitungen, die besonders häufig genutzt werden“, sagt Christa Müller.

Deshalb umfasst das „Einführungsangebot“ gleich zwei Tageszeitungen: die christsoziale „Reichspost“, in den Jahrgängen 1908 bis 1933; sowie den liberaldemokratischen, ungarisch-deutschen „Pester Lloyd“ (1908 bis 1922). Zeitdokumente allerersten Ranges: Sie beschreiben die Endzeit der Donaumonarchie, den Ersten Weltkrieg, den Kollaps des Reiches und die Entstehung des austrofaschistischen Ständestaats. Im Lauf der Zeit wird auf diese Weise ein historisches Panoptikum entstehen, das auf der Welt in Umfang und Zugänglichkeit seinesgleichen sucht: Die „Wiener Zeitung“ beispielsweise, vor exakt 300 Jahren gegründet als „Wiennerisches Diarium, Enthaltend Alles Denckwürdige/so von Tag zu Tag sich ... zugetragen“, gilt als die älteste noch bestehende Zeitung der Welt. Diese Hof- und Amtspostille wird in einigen Jahren vollständig digital zur Verfügung stehen – ebenso wie die revolutionären Blätter von 1848.

Man wird also die Karriere Maria Theresias sozusagen live verfolgen und den Wandel der Gedanken in Aufklärung und Restauration nachvollziehen können; man wird nachlesen können, wo der Wiener Kongress tanzte; auch Anzeigen von damals lassen sich studieren („Neueste Erfindung! Patent-Abort-Einsatz!“ – „Preussische Salonkohle!“). Greifbar werden die weltberühmten Wiener Kaffeehausliteraten  mit ihren Kolumnen und Aperçus  – und ebenso die ernsten Jahre zwischen Bürgerkrieg 1934, Hitler-Herrschaft und Zusammenbruch 1945.

Die Kosten des für Benutzer kostenfreien Projekts lassen sich nur schwer beziffern. Das Budget für die nächsten Jahre ist allerdings gesichert, auch wird eines Tages eventuell Volltextsuche möglich sein. Wie die Bibliothek das hinkriegen will? „Vielleicht vergeben wir Abschreibearbeiten in den Fernen Osten,“ so Müller. Schließlich ging bereits die Digitalisierung des Katalogs, zumindest der zuletzt noch verbliebenen Jahre 1930 bis 1991, mit chinesischer Hilfe vonstatten: preisgünstig und zur Zufriedenheit der Auftraggeber. Die 1,4 Millionen Zettel wurden in China mit einer Genauigkeit abgeschrieben, die die vertraglich vereinbarten 99,98 Prozent Fehlerfreiheit übertraf. Fürs Abschreiben der Zeitungen müssen die Chinesen nur noch lernen, Fraktur zu lesen.

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