Martin-Kippenberger-Retrospektive : Jeder Künstler ist ein Mensch

Der Hamburger Bahnhof öffnet sich mit "sehr gut | very good" dem Riesenwerk des Martin Kippenberger – und wagt eine posthume Verbeugung, die jedoch einerseits für die Berliner zu spät kommt, andererseits überstürzt wirkt. Es fehlt Vertiefung und die Erklärung der Querbezüge in diesem an Anspielungen so reichen Werk.

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Der Zyklus „Acht Bilder zum Nachdenken, ob’s so weitergeht“ von 1983. Die Arbeiten bestechen nicht zuletzt durch den Einsatz verschiedener Materialien: Acryl, Münzen, Öl und Silicaon auf leinwand.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
06.03.2013 09:10Der Zyklus „Acht Bilder zum Nachdenken, ob’s so weitergeht“ von 1983. Die Arbeiten bestechen nicht zuletzt durch den Einsatz...

Es hat verdammt lang gedauert. Jetzt hat er es in die Hauptstadt geschafft. Ein Museum feiert ihn, zelebriert seinen runden Geburtstag. Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt? Berlin hat es endlich vollbracht, Martin Kippenberger in den Kanon der Kunstgeschichte aufzunehmen – 16 Jahre nach dem frühen Tod des damals 44-Jährigen. Der Ausstellungstitel „sehr gut/very good“ spielt mit dieser Ambivalenz. Die ironische Bestnote gilt für beide Seiten: für den Künstler wie den Hamburger Bahnhof mit seiner Werkschau zu Kippenbergers Sechzigstem, die heute Abend eröffnet wird.

Superleistung, 1 A, es lobt einen ja sonst keiner – kalauert diese Überschrift. Würde Kippenberger noch leben, so hätte er noch einen daraufgesetzt, das ist gewiss. „Titel kloppen“ war nur eines seiner vielen Talente, denen das Berliner Museum für Gegenwart eine Bühne gibt.

„Sehr gut / very good“ zitiert eine Bilderreihe von 1991/92, die – abseits der eigentlichen Schau in den Rieckhallen – im ersten Stock des historischen Bahnhofsgebäudes zwei Säle einnimmt. Kühl, fremd, geradezu konzeptuell sind sie, echte Außenseiter – und doch von einer Komplexität, einer Frechheit, einem umwerfenden Esprit, eben klassische Kippenberger. In den elf vollkommen weißen Leinwänden, fugenlos eingelassen in die blanke Museumswand, sind Beschreibungen seiner Bilder durch einen Sechsjährigen mit kindlicher Schrift und Rechtschreibfehlern in weißer Lackschrift aufgetragen: „Ein Raum foller Lichter“, „Ein neues Gebeude“, „Ein Alter der auf das Bild kotzt“.
Schmunzeln, Ärgern, Staunen, Emphase und Entdecken verborgener Schönheit evozieren diese als Projektionsflächen dienenden monochromen Gemälde, eine typische Abfolge von Gefühlsregungen bei der Betrachtung eines Kippenberger-Werks. Man meint sogar, den Künstler lachen zu hören, wie er sich über den Museumsbetrieb lustig macht, den White Cube und dessen Aura des Aseptischen, denn seine Bilder, Skulpturen, Installationen gleichen sonst eher Rumpelkammern, vollgestopft mit den Turbulenzen des Lebens.

Die 300 Arbeiten umfassende Werkschau im Hamburger Bahnhof erzählt nicht nur die Geschichte seines überbordenden Schaffens, als Maler, Bildhauer, Schauspieler, Musiker, Tänzer, Club-Betreiber, Publizist und Entertainer, sondern auch die seines schmerzlichen Fehlens. Ähnlich stellt sich bei Beuys-Retrospektiven jedes Mal die Frage, ob ein solches Unternehmen überhaupt gelingen kann ohne die Anwesenheit dieser prägenden Persönlichkeit. Die Antwort des Kunstbetriebs lautet eindeutig: ja, sogar besser noch. Das zeigt sich am kometenhaften Anstieg seiner Preise seit dem Tod, bis hin zum Millionenrekord 2009 für das von einem Plakatmaler angefertigtes Gemälde der „Paris Bar“, außerdem an all den posthumen Würdigungen in London, Wien, Eindhoven, Düsseldorf, Los Angeles und New York. Das Museum, mit dem der provokative Künstler zu Lebzeiten auf Kriegsfuß stand, auch wenn er sich nach dessen Anerkennung sehnte, hat in ihm seinen neuen Helden.

Martin Kippenberger selbst ließ keinen Zweifel daran, dass er sich auf Augenhöhe mit den Großen der Kunstgeschichte sah. Kess inkorporierte er Beuys in sein Werk, indem er dessen Filzanzug für ein Fotoshooting trug. Der setzte kurzerhand seinen Stempel „Wählt die Grünen“ auf das Plakat, als wollte er das letzte Wort behalten. Auch Picasso wurde von Kippenberger einverleibt, indem er wie der Jahrhundertkünstler in Feinrippunterhosen auf den Selbstporträts posierte. Am Ende nahm er es sogar mit dem Historienmaler Géricault auf und schuf einen Zyklus zum „Floß der Medusa“. Die ergreifenden Fotografien des gealterten, aufgedunsenen Künstlers in den Posen der Überlebenden und die auf dieser Grundlage entstandenen intensiven Selbstporträts gehören zu den letzten Werken des Künstlers, der hier ganz offensichtlich sein eigenes Ableben vor Augen hatte. Dass dieses Wechselspiel zwischen ihm und kunsthistorischen Größen in der Berliner Ausstellung eine so wichtige Rolle spielt, wirkt nicht nur wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung des Künstlers, sondern auch wie eine weitere Rechtfertigung des Museumsbetriebs. Es ist zugleich eine Anrufung seiner wichtigsten Zeugen, um die Würdigung zu legitimieren.

Für Berlin kommt diese Hommage einerseits zu spät, es ist seine erste in der Stadt, zugleich wirkt sie überstürzt. War zunächst vorgesehen, auf Kippenbergers Schaffen in der Mauerstadt zwischen 1978 und 1981 vornehmlich einzugehen, wo er nach der Hamburger Studienzeit und einem Florenz-Aufenthalt sein künstlerisches Vokabular entwickelte, wird nun die ganze Spannbreite vorgeführt.

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