Martin Scorsese 70 : Das magische Auge

Gewalt und Leidenschaft: Martin Scorsese, der große amerikanische Filmemacher, wird 70.

Rainer Rother
Martin Scorsese wird 70.
Martin Scorsese wird 70.Foto: dapd

Seine Passion heißt Film. Als Regisseur, als Sammler, als Zuschauer: Für Martin Scorsese geht das zusammen. Unter all seinen Kollegen aus der Generation der film buffs ist er der Besessenste. Einen Hardcore-Cinephilen hat man ihn genannt, es ist ein ehrliches Kompliment. Denn Scorseses Filmwissen ist legendär, berühmt auch der kaum zu stoppende Redefluss, wenn er über seine Leidenschaft spricht. Und gern stellt er sich selbstironisch als Filmverrückten dar.

Etwa mit Cameo-Auftritten in seinen Filmen, als Fotograf („Zeit der Unschuld“), Kameramann („Hugo Cabret“), Regisseur („The King of Comedy“) oder als Scorsese himself, in seiner Rolling-Stones-Dokumentation „Shine a Light“. Aber auch im Werbefilm für spanischen Sekt, das Video ist Kult im Internet. Darin treibt er sein Engagement für Filmrestaurierung und die Vorliebe für stilistisch ausgefeilte Referenzen an die Klassiker in eine ungemein liebenswerte Selbstpersiflage. „Ja: Ich werde meinen eigenen Hitchcock-Film drehen. Aber er muss so aussehen, muss so sein wie der Film, den er damals gemacht hätte. Nur, dass wir ihn jetzt drehen.“

Etwas Entspanntes ist nun endlich um Scorsese. Er muss schon lange nichts mehr beweisen, nicht einmal der Oscar-Academy, die ihm 2007 nach fünf vergeblichen Anläufen den Oscar für die beste Regie verlieh, für seinen Thriller „Departed“. Und wer hätte je gedacht, dass Scorseses Kino familientauglich werden könnte wie zuletzt mit „Hugo Cabret“? Wobei das Paris-Märchen um einen im Bahnhof lebenden Waisenjungen als mildes Alterswerk missverstanden wäre. Kaum ein 3-D-Film nutzt die Möglichkeiten der neuen Technik so ingeniös, zugleich ist der Film mit Verweisen auf Jean Renoirs Rekreationen vergangener Epochen aufgeladen und ehrt Georges Meliès als Magier der Kino-Pioniertage. Typisch Scorsese.

Kein Scorsese-Film ist nur das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Zum Beispiel „Taxi Driver“, sein erster großer internationaler Erfolg, der Robert De Niro und Jodie Foster zu Stars machte und Paul Schrader als Autor durchsetzte: einerseits ein brutales Massaker, andererseits die Bestandsaufnahme danach. Darin liegt das Doppelgesichtige seiner Filme: Sie sind effektives Kino und Reflexion über dessen Instrumente, voller Gewaltszenen und zugleich die Analyse der Darstellungsmittel. Auch ist Scorseses Kino sowohl Erbe als auch Kritik der Filmgeschichte. In „Die letzte Versuchung Christi“, einem seiner Lieblingsprojekte mit geringem Publikumserfolg, finden sich Authentizitätszeichen des historischen Films ebenso wie Darsteller, die mit New Yorker Akzent sprechen – eine Gratwanderung. Oder „New York, New York“: visuell und auf der Tonspur wie die Musicals der 40er oder 50er Jahre, aber ohne deren Romantik, dafür mit moderner Nervosität ausgestattet. Oder „Aviator“: ein Biopic über Howard Hughes, eine Hommage an einen Exzentriker – und Reflexion über die Obsession des Filmemachens.

In seinem eigenen Film. Martin Scorsese in einer Kleinstrolle in "Hugo Cabret" (2011).
In seinem eigenen Film. Martin Scorsese in einer Kleinstrolle in "Hugo Cabret" (2011).Foto: promo

Seine Filme sind Autorenfilme. Aber sie entstehen nicht neben, sondern in der amerikanischen Filmindustrie. Scorsese will nicht so sehr, wie im europäischen Modell, seine Geschichten erzählen, er will Geschichten auf seine Weise inszenieren. Die langjährige Zusammenarbeit mit Vertrauten verleiht ihm dabei eine sichere Basis. Auf die De-Niro-Phase folgte die Leonardo-DiCaprio-Periode; auch die Kameramänner Michael Chapman, dann vor allem Michael Ballhaus und Robert Richardson, verleihen seinem Oeuvre einen unverkennbaren visuellen Stil, ebenso wie die Sets von Dante Ferretti.

Der ruhende Pol dieser verschworenen Arbeitsgemeinschaft ist Thelma Schoonmaker, Cutterin alle Scorsese-Filme seit „Raging Bull“. Das Dogma des unsichtbaren Schnitts, das Primat der Kontinuität, die Forderung nach der Unmerklichkeit formaler Aspekte galten Scorsese von Anfang an wenig. Mit „Raging Bull“ gab er das Korsett des Klassischen endgültig auf. Berühmt für seine eigenhändigen Story- boards, die ganze Szenenfolgen im Detail konzipieren, nimmt er gleichzeitig immerzu neue Inspirationen auf.

Scorsese ist der letzte Vertreter des New Hollywood. An der Remythologisierung des amerikanischen Films, der Etablierung neuer Heldengestalten, wie Spielbergs „Weißer Hai“ und George Lucas’ „Krieg der Sterne“ sie initiierten, nahm er nicht teil. Seine Figuren sind Typen wie Travis Bickle, nicht Verwandte von Luke Skywalker. Und seine Darstellungsweise hat immer etwas Distanzierendes, sie will nicht überwältigen, auch nicht in der Inszenierung der Gewalt. Anders als im Actionkino wirkt sie verstörend bei ihm, peinigend, nicht spektakulär. „Der Pate“ zeigt eine andere Mafia und andere Mafiosi als Scorseses „Goodfellas“ – Verbrechen verklärt er nie zur Legende.

Fünf Jahrzehnte im Filmgeschäft: Der Sohn einer Einwandererfamilie wuchs in Little Italy auf, ein kränkliches Kind, ein New Yorker Wunderknabe, der mit dem Kurzfilm „The Shave“ europäische Festivals eroberte, seit „Mean Streets“ als Amerikas Bester gehandelt wurde, mit „Taxi Driver“ arriviert schien und bald als Kassengift galt. Seine Karriere stand mehrfach vor dem Ende; die Filme, die als seine persönlichsten gelten, hatten mitunter desaströse Einspielergebnisse. Mit „Raging Bull“, gedreht ohne jedes Schielen auf die Publikumsgunst, spielte er gleichsam Russisches Roulette. Alles oder nichts, tatsächlich gelang ihm der Neubeginn.

Er könne Fortsetzungen und Remakes nicht leiden, hat er einmal gesagt. Aber er variierte Klassiker der Filmgeschichte, und sie brachten ihm neben den Mafia-Filmen „Goodfellas“ und „Casino“ den Publikumserfolg. Dabei bestechen „Die Farbe des Geldes“, „Kap der Angst“ oder „Departed“ nicht zuletzt durch ihre konsequente filmische Form. In Deutschland war sein erfolgreichster Film übrigens „Shutter Island“, mit 1,45 Millionen Besuchern 2010. Er selbst sagte einmal, er wisse nie, ob ein Film wirklich gut geworden sei. „Ich weiß nur, ob er richtig ist. Ich weiß dann, dass ich ihn so gemacht habe, wie er gemacht werden sollte.“ Immer sind seine Filme: richtig.

Martin Scorsese, dieser treue Diener seiner Leidenschaft, wurde auch zum erfolgreichsten Lobbyisten des Filmerbes. 1980 mobilisierte er Regiekollegen aus aller Welt, darunter Stanley Kubrick, Nagisa Oshima, Hans-Jürgen Syberberg und sogar Leni Riefenstahl im Protest gegen instabile Farbmaterialien, die im Lauf der Jahre rotstichig werden. Die derart bedrängte Industrie reagierte und entwickelte farbstabiles Material. Zehn Jahre später gründete er die Film Foundation, 2007 folgte die World Cinema Foundation, mit deren Unterstützung bereits hunderte Filme restauriert wurden.

Scorsese, der am heutigen Sonnabend seinen 70. Geburtstag feiert, hat die Filmgeschichte verändert, sie in Dokumentationen zum amerikanischen und italienischen Film interpretiert – und sie als passionierter Erbverwalter vervollständigt. Welch fruchtbare Passion!

Rainer Rother leitet die Deutsche Kinemathek in Berlin, die am 10. Januar im Filmmuseum (Potsdamer Str. 2) die weltweit erste Scorsese-Ausstellung eröffnet und Objekte aus dem persönlichen Archiv des Regisseurs sowie aus Sammlungen von Robert De Niro, Paul Schrader u. a. präsentiert. Das Arsenal startet dazu am 6. Dezember eine Retrospektive mit 20 Filmen.

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