Mathilde ter Heijne im Haus am Lützowplatz : Gallery Weekend: Handarbeit

Im Haus am Lützowplatz "näht" die Künstlerin Mathilde ter Heijne für eine begehbare Installation Quilts aus der ganzen Welt zusammen.

Laura Storfner
Maschinenkunst. Die Installation "It will be!" entstand mithilfe karitativer Vereine an den Nähmaschinen zahlloser Frauen.
Maschinenkunst. Die Installation "It will be!" entstand mithilfe karitativer Vereine an den Nähmaschinen zahlloser Frauen.Foto: Mathilde ter Heijne

Es ist voll im Atelierhaus in der Weddinger Wiesenstraße. Bunte Sitzsäcke und Kissenbezüge in Dreiecksform stapeln sich in Mathilde ter Heijnes Studio. Manche sind in Umzugskartons verpackt, andere liegen lose auf dem Fußboden. Am Fenster arbeiten drei Frauen konzentriert an Nähmaschinen, während die Künstlerin die Kissen sortiert. Sie sind der Stoff, der ihre Ausstellung „It Will Be!“ zusammenhält. Über 200 Exemplare hat sie von Frauen (und teils auch von Männern) aus der ganzen Welt zugeschickt bekommen, gestaltet wurden sie in Handarbeitsgruppen, Flüchtlingsunterkünften, in Büros von NGOs und in ihrem eigenen Atelier. Der engste Partner im Projekt ist der Berliner Verein Mama Afrika, der sich gegen weibliche Genitalverstümmelung in Guinea einsetzt.

Ein paar Tage später trifft man sich im Haus am Lützowplatz wieder. Die Stoffdreiecke breiten sich nun als fliegender Blumenteppich in den Räumen aus, mal schweben sie knapp unter der Decke, mal hängen sie tief im Zimmer. In diesen offenen, geodätischen Kuppeln haben die Bauherrinnen das Wort. Ter Heijne ist es gelungen, kleine temporäre autonome Zonen zu schaffen. Soziale Freiräume, in denen die üblichen Systemgesetze nicht greifen: Unter ihrem Dach bekommen Frauen eine Stimme, die gehört wird. „Diese kleinen Teile, diese Quilts, haben sich zu etwas Großem und Machtvollem zusammengesetzt,“ sagt ter Heijne, während Besucher auf den Sitzsäcken Platz nehmen.

Subversion durch Nutzwertlosigkeit

„Für mich war es spannend, die Handarbeit als eine Disziplin, die man sehr stark mit weiblicher Tradition verbindet, subversiv zu denken. Das Nähen hat in diesem Projekt keinen Nutzwert mehr, es wird stattdessen zu performativer Kunst.“ Über mehrere Monate hinweg sind aus Prototypen individuell gestaltete Einzelstücke entstanden: Die Vorderseiten zieren Blumenapplikationen, die Rückseiten Sprüche und Botschaften. Mal sind sie religiös, mal politisch, teilweise provozierend, immer persönlich: Sie reichen von „I dreamed about God, SHE was visible“ bis „Think pink“.

Bekannt wurde die Niederländerin, die seit mehr als zehn Jahren in Berlin lebt, mit Arbeiten zur Rolle der Frau. Sie widmete sich dem Volksstamm der Mosuo, der in einer matriarchalischen Gesellschaft lebt, gab Frauen einen Raum, die in der Geschichtsschreibung keinen Platz gefunden haben, und rückte für die Fotoserie „Domestication“ häusliche Gewalt schmerzlich detailliert ins Bild. Obwohl ihre Protagonistinnen weiblich sind, geht es weniger um den Gegensatz zwischen den Geschlechtern als um den Ausbruch aus patriarchalen Strukturen. Wo andere lautstark girlpower einfordern, letztlich jedoch Einzelkämpferinnen bleiben, setzt ter Heijne auf Kollaborationen. Mit Näherinnen aus Istanbul produzierte sie 2010 das erste textile Gemeinschaftskunstwerk „Olacak!“. Es wurde in Freiburg unter dem Titel „It will be!“ wieder aufgenommen und findet nun in Berlin seine Fortsetzung.

Man könnte ter Heijnes Arbeit als Aufruf deuten, sich das traditionell Weibliche, den Kitsch und das Klischee, von dem sich die feministische Avantgarde befreien wollte, erneut selbstbestimmt anzueignen. Stark wirkt ihre Arbeit aber gerade, weil sie keinen theoretischen Unterbau nötig hat. „Mich erinnern die Kissen an mein altes Wohnzimmer in Bosnien“, erzählt Atifa, die Stoffstücke zurechtgeschnitten hat. Sie ist Mitglied der Weddinger Kiezmütter, eines Projekts des Vereins Kulturen im Kiez, der sich für Familien im Viertel engagiert. „Die Kiezmütter sind Vermittlerinnen, Ansprechpartnerinnen und Freundinnen,“ erklärt Ina Rieck als Koordinatorin der Gruppe. „Als wir von Mathilde ter Heijnes Projekt erfahren haben, war schnell klar, dass wir gemeinsam anpacken wollen.“

Wie lässt sich kollektive Kunst vermarkten?

Wie kann ein Gemeinschaftsprojekt wie ter Heijnes, das an die Blütezeit der partizipatorischen Kunst der neunziger Jahre anknüpft, heute auf dem Kunstmarkt bestehen? „Würde jemand die gesamte Installation kaufen wollen, müsste man klären, ob dieses Projekt überhaupt als ,fertiges‘ Kunstwerk zu haben ist. Oder ob der Prozess und die Anwesenheit der Menschen die Arbeit ausmachen“, meint ter Heijne. Gemeinsam mit den Näherinnen plant sie daher eine Versteigerung, auf der die Stoffdreiecke einzeln angeboten werden. Der Erlös würde an die Gruppen gehen, die die Auktion organisieren. Wenn die Idee nicht umgesetzt wird, sollen die Kissen trotzdem weitergegeben werden – als Geschenk.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9; bis 5.6., Di–So 11–18 Uhr

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