Matthies ringt um Worte : "Shitstorm" ist Anglizismus des Jahres

Ein  Favorit hat gewonnen: "Shitstorm" ist zum Anglizismus des Jahres gekürt worden - von einer Jury, die belegen will, dass Anglizismen die deutsche Sprache bereichern können.

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Bernd Matthies.
Bernd Matthies.Foto: Mike Wolff

Alle Worte, Unworte und Sprachschänderworte des Jahres sind zum festen Ritual geworden, ohne der Erkenntnis über Sprache an sich noch wesentliche Aspekte hinzuzufügen – es zäumt  nun mal jeder sein Steckenpferd auf. Noch neu im Reitstall ist der „Anglizismus des Jahres“, den eine Jury von Sprachwissenschaftlern um den Hamburger Hochschullehrer Anatol Stefanowitsch jetzt zum zweiten Mal ausgewählt hat. Ihr Ziel ist es, mit dieser Wahl die These zu belegen, dass Anglizismen die deutsche Sprache generell nicht gefährden, aber gelegentlich durchaus bereichern können und zu geschätzten Lehnwörtern werden. Der erste Anlauf („leaken“) war prinzipiell gelungen, wenn man sich auch mit etwas Abstand fragen muss, ob das Wort nicht doch zu sehr von kurzlebiger Aktualität getragen war und zusammen mit der Wikileaks-Hysterie einfach wieder verschwindet.

Beim Anglizismus 2012 – „Shitstorm“ – dürfte dieser Einwand nicht zählen. Es hat sicher ein  Favorit gewonnen, ein Wort, das ausschließlich als Substantiv auftritt und deshalb keine Probleme hat, sich sämtlichen grammatischen Strukturen der deutschen Sprache anzupassen. Hier die Erkärung der Jury: „Es bezeichnet eine unvorhergesehene, anhaltende, über soziale Netzwerke und Blogs transportierte Welle der Entrüstung über das Verhalten öffentlicher Personen oder Institutionen, die sich schnell verselbstständigt und vom sachlichen Kern entfernt und häufig auch in die traditionellen Medien hinüber schwappt.“

Ist das ein neues Wort für ein neues Phänomen? Die neue Art des Protests unterscheide sich „in Art und Ausmaß deutlich von allem, was man in früheren Zeiten als Reaktion auf eine Äußerung oder Handlung erwarten konnte“, sagt Jurymitglied Michael Mann und seine Kollegin Susanne Flach ergänzt: „Das Wort Shitstorm ermöglicht eine klare Bedeutungsdifferenzierung gegenüber Wörtern wie Kritik, Protest, Sturm der Entrüstung.“

Das kann ich nicht ganz unterschreiben, denn „Sturm der Entrüstung“ scheint mir doch sehr nahe am Phänomen „Shitstorm“ zu liegen; allerdings transportiert diese Wortkombination nicht die Information, dass es sich in erster Linie um ein Internet-Phänomen handelt.

Unwort des Jahres
"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013: Unter den Schlagwort lief in den vergangenen Wochen und Monaten eine Debatte um Einwanderer aus Osteuropa. Darin wurde Migranten aus Rumänien und Bulgarien pauschal der Vorwurf gemacht, Sozialleistungen in Deutschland erschleichen zu wollen. In die engere Auswahl kam auch der von der CSU eingebrachte Begriff "Armutszuwanderung".
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14.01.2014 10:27"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013: Unter den Schlagwort lief in den vergangenen Wochen und Monaten eine Debatte um...

Stefanowitsch räumt ein, es handele sich um einen gewollt derben Ausdruck aus dem amerikanischen Slang, doch der klare Lehnworteindruck federe diese Derbheit so weit ab, dass das Wort im öffentlichen Sprachgebrauch akzeptiert sei. Das ist sicher eine richtige Beobachtung, die erklären mag, weshalb die einfache deutsche Übertragung „Scheißesturm“ schlicht nicht in Frage kommt. Aber warum ist das so? „Shitstorm“ funktioniert ja im angelsächsischen Sprachraum offensichtlich ganz ohne Abfederung. Hier liegt meines Erachtens ein Grundsatzproblem, denn wir erleben ja bei vielen Anglizismen und englischen Lehnwörtern, dass eine Eins-zu-eins-Übersetzung zwar möglich wäre, aber vom Sprachgefühl her inakzeptabel erscheint. Hat jemand eine Erklärung?

Auf den zweiten Platz setzte die Jury das Wort „Stresstest“, das schon „Wort des Jahres“ war. Das Interessante daran ist vor allem, dass zwei eingebürgerte Worte durch Zusammensetzung ein neues Kompositum ergeben. Bisher sei das Wort „Stress“ in der deutschen Sprache auf psychische Belastungen beschränkt gewesen, meint Susanne Flach.

Sehr viel strittiger ist zweifellos das drittplazierte Wort, das sicher nicht nur bei mir erst einmal ein „Häh?“ ausgelöst hat. „Circeln“ erschließt sich nur jenen, die sich mit dem sozialen Netzwerk Google plus auskennen und wissen, dass man damit einer Kontaktliste hinzugefügt wird – das Äquivalent zum Befreunden bei Facebook. Es hat sicher eine eigenständige Bedeutung neben dem deutschen, anders konnotierten „Einkreisen“, aber ob es auch eine Zukunft hat?

Anglizismen – eine Gefahr? Stefanowitsch nimmt seine diesjährige Suche zum Beweise, dass nicht: Es gab knapp 60 Vorschläge, von denen man nur 17 als neu genug und ausreichend verbreitet eingestuft habe, „und selbst unter denen waren noch Grenzfälle“. Das ist ein sachlicher Ansatz, der die Lage sicher zutreffender charakterisiert als die aus dem Bauch heraus formulierte Anglizismen-Angst.

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