Maxine Kazis : Tanz für mich allein

Maxine Kazis war früher Tänzerin und macht jetzt lockeren deutschen Elektropop. Gerade ist ihr Debütalbum erschienen. Ein Treffen.

Julius Heinrichs
Sängerin Maxine Kazis kam in der Schweiz zur Welt. Seit zwei Jahren wohnt sie in Berlin.
Sängerin Maxine Kazis kam in der Schweiz zur Welt. Seit zwei Jahren wohnt sie in Berlin.Foto: Ferran Casanova

Das mit dem widersprüchlichen Charakter liegt wohl am Sternzeichen, sagt sie: Waage nämlich. Da gibt’s ja auch zwei Seiten. Jetzt gerade, da wird dieser Widerspruch sichtbar: Maxine Kazis sitzt auf dem Boden, Beine von sich gestreckt, Zigarette im Mund, Oberkörper gerade. Sie strahlt Selbstbewusstsein auf 100 Meter aus. Und diese so selbstsicher wirkende Frau sagt jetzt: „Ich bin sehr unsicher.“ Sie, die gerade heute noch bei der Polizei war, weil jemand sie begrapscht hat. In der Münchener S-Bahn war das.

Auch ihr Musikvideo zu „Hinfalln Aufstehn Weitertanzen“ zeigt den mutmaßlich sternzeichenbedingten Widerspruch. Die selbstbewusste Kazis singt darin gegen ihre Tänzerinnen-Vergangenheit an. Denn eigentlich wollte Kazis, die wirklich so heißt, immer schon Tänzerin werden. Für eine Tanzausbildung zog die gebürtige Schweizerin nach Hamburg. Dort trainierte sie ehrgeizig, viel zu sehr sogar. Ständig unzufrieden mit sich selbst, aß sie weniger und weniger und entwickelte eine Essstörung. Nach einer Fußverletzung wechselte sie zur Schauspielerei. Drei Jahre lang stand sie danach auf den Bühnen des Schauspielhauses Kiel, wo sie erstmalig mit ihrem heutigen Produzenten Peter Plate zusammenarbeitete.

Er holte sie vor zwei Jahren nach Berlin. Ihre Essstörung hat sie mittlerweile im Griff, ihre Selbstwahrnehmung ebenfalls – nicht immer, aber meistens. Trotzdem geht es auf ihrem Debütalbum „Die Evolution der Maxine Kazis“ häufig um Selbstzweifel, Selbstzerstörungsdrang und Angstgefühle. Allerdings angereichert mit derart zuckersüßem Beat-Gewaber, dass diese Inhalte gerne auch mal untergehen. „Wir wollten ein Anti-Album machen“, sagt Kazis. „Nur mit dem, was uns wirklich gefällt. Es ging nie darum, einen Hit zu schreiben.“

In der Mitte ist das Album am stärksten

Nur saß eben auch Peter Plate inklusive seines Teams mit im Boot, einst 50 Prozent des Schlager-Pop-Duos Rosenstolz, heute vor allem Texter, Komponist und Produzent für Sarah Connor, Helene Fischer und Bibi und Tina. Plate und Kazis schrieben alle Songs und Texte gemeinsam, teilweise auch mit Unterstützung von Ulf Sommer, der bereits bei Rosenstolz mitkomponiert und -produziert hat. Ganz ohne Hits geht’s da eben nicht, ein Anti-Album sowieso nicht. „Zug nach Berlin“, das Kazis euphorischen Berlin-Neustart vertont, klingt daher wie ein Sommerhit. Es gibt Dächer über der Stadt, gute Laune und keinen Bock auf Sorgen. Möglich, dass der Song mit seinem fließend-leichten Groove gut ankommt, aber besonders ist er nicht. „Tanz für mich allein“, ein Soundtrack zum Selbstfinden und Ausbrechen, klingt dagegen stellenweise entweder als dürften die Lollipops noch mal ein Comeback feiern oder als singe Silbermond jetzt auch zu deftigen Ballermann-Beats. Kurzum: Die meisten Lieder klingen so glatt, dass sie ganz angenehm dahindüdeln und bum-bum-bumsen, aber das war’s dann auch. Allerdings erfrischend: der von den Achtzigern und Neunzigern beeinflusste Elektropop-Sound, vor allem bei dem Lied „Du fehlst mir jetzt schon“.

Nur sind da eben auch diese vier Ausnahmen auf dem Album, genauer: die Mitte und das Schlusslied. In „Dreck“ besingt die 26-jährige Maxine Kazis alles, was sie fertigmacht (Wodka, Rauchen, Sex, kein Sex, Essen, deine Mutter, ihr Arsch und einiges mehr). Der Song hat eine solch mitreißende Dynamik, dass es sich ratzfatz ins Großhirn wummst. Und wenn dieser wandelnde Widerspruch dann singt „Ich hab mich völlig ruiniert“, klingt das so frisch, so gute Laune machend, dass man aufspringen will, um zu sagen: Ja, ja, ja, völlig ruiniert, genau, juhu, endlich singt das mal einer.

"An den Penissen komme ich eh nicht vorbei"

Oder „Ex“. Maxine Kazis verarbeitet darin ihre On-Off-Beziehungen. Zudem Hunger, Schulfächer und akute Geilheit. „Das Lied war in 20 Minuten geschrieben und wurde danach nicht mehr angefasst“, sagt sie. Das kann auch mächtig schiefgehen, hier aber nicht: Der Dreieinhalbminüter ist lautmalerisch, dreckig, provokant und hat ebenfalls einen leichten Achtziger-Jahre-Touch. Übrigens: Was reimt sich auf Ex? Richtig, Sex. „Ist ja auch was Schönes. Und ist doch auch schön, wenn man viel davon hat“, sagt die Kreuzbergerin dazu. Richtig, aber was ist mit dem perversen Teil der Social-Media-Nutzer? Für die ist so was ja gefundenes Fressen. Derzeit scheint es ja in Mode zu sein, schönen Sängerinnen, in deren Liedern es um Sex geht, unkommentiert Penisbilder zuzuschicken. Da bleibt Maxine Kazis cool: „An den Penissen komme ich eh nicht vorbei. Das macht mir nichts aus“, sagt sie.

Was ihr aber sehr wohl etwas ausmacht, sind offensichtlich ihre Exfreunde. In dem Stück „U3“ besingt sie zum dritten Mal einen solchen. Und der steigt in diesem Lied also in die Berliner U-Bahn-Linie 3. Schon wieder so ein Titel, der für einen deftigen Ohrwurm sorgt. Ebenso „Wer wird uns sehen“ über die Frage, was ist, wenn ein Partner mal nicht mehr da ist. Die musikalische Auflösung am Ende des Lieds fehlt jedoch. Der Titel plätschert einfach aus. Im dazugehörigen Video ist ein Frauenpaar zu sehen – Kazis und ihre ehemalige Tanzlehrerin. Einen tieferen Sinn hat das nicht, bis auf den, dass Kazis mit Erwartungen brechen wollte. Denn meist sind bei solchen Liedern heterosexuelle Paare zu sehen. Bei Kazis eben nicht. Das macht sie besonders, dieser Drang zum Bruch mit dem Populären in populärer Musik.

Klar singt auch sie viel über Liebe und Trennung und gute Laune. Aber da ist mehr: Da sind auch Monogamie (die macht sie monoton), Bisexualität („Nur Frauen sind auch keine Lösung“), ihre Essstörungen und der Kampf gegen die Angst. Vor allem aber ist da ein ganzer Haufen Potenzial. Erste Magazine haben Maxine Kazis bereits als das „nächste Wunder des deutschen Pop“ gelobt. Das ist übertrieben. Dafür hat Kazis Album zu viele Ausfälle. Aber ein starker Talentbeweis ist es allemal.

„Die Evolution der Maxine Kazis“ ist bei Pop-Out Musik (Universal) erschienen. Konzert: 11. Dezember, 20 Uhr, Privatclub, Skalitzer Str. 85–86

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