Kultur : Mein Gott, dein Gott, ogottogott

Culture-Clash-Groteske: „Alles koscher!“

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O je! Mahmud (Omid Djalili) erfährt, dass er nicht Moslem, sondern Jude ist. Foto: Senator
O je! Mahmud (Omid Djalili) erfährt, dass er nicht Moslem, sondern Jude ist. Foto: Senator

Mittelalte Männer in der Krise sind ein beliebtes Komödienthema, zumal sie sich für unterschiedliche Subformen des Genres eignen. Aber ob Psychothriller oder Abenteuerfilm, ob romantische oder Buddykomödie, zumeist werden die schwer gebeutelten Helden auch als ihres eigenen Glückes Schmiede beschrieben und daher mit milder Ironie behandelt.

Das geht Mahmud, dem Helden von „Alles koscher!“ auch nicht besser, sondern eigentlich schlechter: Der cholerische Londoner Familienvater pakistanischer Herkunft und muslimischen (Un-)Glaubens gerät in einen derben Schabernack, als er nach dem Tod seiner Mutter plötzlich entdeckt, dass er als Jude geboren wurde. Mehr Groteske als Satire verteilt der Film Spott und Hohn gleichmäßig über Muslime, Juden und Christen, über Fundamentalisten und Liberale, und am Ende steht die versöhnliche Botschaft, dass Gott immer derselbe ist und religiöse Regeln überall der Interpretation von Gottes irdischen Stellvertretern oder denen, die sich dafür halten, unterliegen.

Zuvor aber ist die Identität des armen Mahmud (Omid Djalili) schwer erschüttert, und von seinem bestgehassten Nachbarn Lenny, einem jüdischen Amerikaner, lässt er seine Tauglichkeit als Jude überprüfen, denn davon hängt es ab, ob er seinen todkranken, leiblichen Vater noch kennenlernen kann. Mahmud, der bisher den vielen religiösen und ethnischen Schattierungen seiner Londoner Mitbürger äußerst gleichgültig gegenüberstand, empfindet plötzlich das bunte Gewusel um ihn herum als verwirrend, ihr unbekümmertes Nebeneinander als bedrohlich. Verschleierte Frauen, ein Inder mit Turban, eine Gruppe orthodoxer Juden mit Schläfenlocken, zwei Nonnen und die ethnisch heterogenen Mitglieder eines Gospelchors in wallenden Gewändern kreuzen seinen Weg. Und zu Hause wird es nicht besser: Da absolvieren seine Frau, eine Fitnesstrainerin im Muscle Shirt, und ihre Kundin im Niqab ihr Workout, spielt seine kleine Tochter Heiligen Krieg, und schließlich bittet sein Sohn Rashid um Verständnis für seine Verlobung und die daran geknüpften Bedingungen. Rashid möchte nämlich ausgerechnet die Stieftochter eines fundamentalistischen Predigers heiraten, der darauf besteht, die Familie seines künftigen Schwiegersohnes auf ihre Strenggläubigkeit hin zu überprüfen.

Dem 1975 geborenen Regisseur Josh Appignanesi und dem Drehbuchautor David Baddiel ist bei allen Übertreibungen, Verzerrungen, trotz aller Slapstick-Elemente und Schenkelklopf-Pointen eine nachdenkliche Komödie gelungen, die locker die Abgründe des religiös konnotierten Mainstream-Diskurses in Westeuropa überspringt und eine freundliche Sichtweise auf alles fremdartig Scheinende nahe legt. Hingucken, heißt die Devise, dann verschwinden nämlich die Unterschiede zwischen einer Kippa und einer Takke oder einem Nonnenhabit und einem Tschador. Daniela Sannwald

In acht Berliner Kinos, OmU: Filmkunst 66, Rollberg, OV: Cinestar Sony Center

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