"Minna von Barnhelm" am Schlosspark Theater : So weit die Stiefel tragen

Mit Ring und Reifrock: Thomas Schendel inszeniert „Minna von Barnhelm“ am Schlosspark Theater.

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Kennt er wirklich den Weg? Oliver Mommsen als Major Tellheim, Katharina Schlothauer als Minna von Barnhelm.
Kennt er wirklich den Weg? Oliver Mommsen als Major Tellheim, Katharina Schlothauer als Minna von Barnhelm.Foto: Derdehmel/Urbschat

Vom Siebenjährigen Krieg, der gerade erst vorüber ist, spürt man hier nicht viel. Wie eine Höhle, ein Uterus, eine Polsterung gegen die Zumutungen des Lebens nimmt sich dieser hochbürgerliche, klug in der Tiefe gestaffelte Salon aus. Eine Komfortzone – doch ob sich jemand mit dem schweren Mobiliar und der trotz dunkler Ockertöne kopfschmerzerregend gemusterten Tapete wirklich wohlfühlt? Selbst fürs Schlosspark Theater ist dies eine verblüffend historisierende Inszenierung von Lessings 1767 erschienenem Lustspiel „Minna von Barnhelm“. Denn eigentlich wird auch in Steglitz vieles in modern-zeitlosem Stil inszeniert, etwa 2016 Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“.

Der damalige Regisseur Thomas Schendel ist jetzt auch wieder am Start, es ist seine zwölfte Inszenierung am Haus. Daria Kornysheva hat ihm die Großmutterkulisse gebaut und dazu zeittypische Kostüme entworfen: Kniehosen, Westen, Herrenröcke und ein Paar riesiger Stiefel für Major von Tellheim, die ihn an die Vergangenheit ketten. Erst am Ende, wenn ihm Minna unter Stöhnen und Ächzen diese Stiefel auszieht – es gleicht einem Geburtsvorgang –, taut der Major auch innerlich auf. Ab und zu schüchterne Celloklänge. Es liegt viel symbolischer Staub auf diesen Möbeln, und dass der Zuschauer daran nicht erstickt, verdankt er den Darstellern, die entschlossen und frisch gegen den Raum anspielen, ihn zum Beiwerk machen. Zur Kulisse.

Etwa Just, Tellheims Diener (Anton Spieker). Anders als bei seinem Herrn hat der Krieg an ihm keine körperlichen Versehrungen hinterlassen, dafür umso mehr seelische. Ein bärbeißiger Steppenwolf, aggressiv und unberechenbar, quasi die Rohfassung Tellheims. Der bei Oliver Mommsen in veredelter Form auftritt, aber genauso wenig verbergen kann, welch tiefe Verstörungen und Verwundungen der Krieg bei ihm aufgerissen hat.

Oliber Mommsen schreit, krakeelt, schnurrt dann wieder wie ein Kätzchen

Nicht nur ist sein Arm lahm, weil man ihn der Kooperation mit den unterlegenen Sachsen bezichtigt, ist er auch unehrenhaft aus der preußischen Armee „verabschiedet“ worden. Die kuriosen Folgen, die das bei ihm hat, das verquere Verständnis von Ehre, die ständigen Zurückweisungen aller Geldangebote, etwa seines ehemaligen Wachtmeisters Paul Werner (Oliver Nietsche) – sie sorgen immer noch für Interpretationsbedarf.

Es sind die unverstandenen, blinden Flecken des Stücks, die – ganz im Sinne von Walter Benjamins Erzähltheorie – dafür sorgen, dass „Minna von Barnhelm“ seine erzählerische Kraft bis heute bewahrt hat. Oliver Mommsen legt das Unheimliche und Rätselhafte der Figur frei. Er schreit, krakeelt, teilt aus, schnurrt dann wieder wie ein Kätzchen. Ein Borderliner auf der Bühne.

Bekanntlich erlöst ihn vor allem die Liebe einer Frau. Vor Minna, seiner Verlobten, ist Tellheim wegen mangelnder Liquidität und daraus resultierender Scham geflohen. Jetzt reist sie ihm nach und wird vom Wirt (Harald Heinz, eher lustlos, verschenkt das komödiantische Potenzial der Figur) just in jenem Zimmer einquartiert, das der Major ihretwegen gerade räumen musste. Katharina Schlothauer, vor einem Jahr bei „Vor Sonnenuntergang“ noch eine feenhaft lächelnde, arglos schöne Inken Peters, spielt Minna als gereifte Frau im Reifrock. Das Spitzbübische blitzt ihr immer noch aus den Sternenaugen, und kein Trick ist ihr zu schade, um den Geliebten wiederzugewinnen, vertauschte Verlobungsringe inklusive. Ringe, man weiß es, sollten bei Lessing später noch eine wichtige Rolle spielen.

Abräumerin des Abends ist aber Maria Steurich als Franziska, Minnas Sidekick. Weil sie mit burschikoser Herzlichkeit die auseinanderstrebenden Fäden des Stücks zusammenhält. Und dabei mit entwaffnender Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit sächselt – endlich muss der geschundene Dialekt, dessen Reputation durch Pegida und AfD nicht besser geworden ist, mal nicht als dramaturgisches Surrogat zur Gewinnung billiger Lacher herhalten. Sondern darf einfach Mundart sein.

Als Riccaut de la Marlinière (Mario Ramos) hereinstolziert, ein Offizier, so gockelig wie sein Name, ruft Franziska erschrocken aus: „Was ist das? Will das zu uns?“ Es steht so bei Lessing, aber man liest leicht darüber hinweg. Im milden Dresdener Tonfall Steurichs aber kommt zum Vorschein, wie schnörkellos schön Lessings Sprache sein kann. Und wie viel Humor und Welttheater in ihr steckt.

Weitere Vorstellung vom 26.–28. Januar und 11.–18. Februar

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