Kultur : Münchner Filmfest: "Geheimnisse einer Stadt" (Interview)

Wenn ein Regisseur,ein Kritiker aufeinander tr

Ein ungewöhnliches Team: Michael Althen, 37, ist Filmkritiker der Süddeutschen Zeitung, Dominik Graf, 47, gehört mit Filmen wie "Die Katze" und "Die Sieger" zu den bekanntesten deutschen Film- und Fernsehregisseuren. "München - Geheimnisse einer Stadt" wird erstmals auf dem Münchner Filmfest gezeigt, das heute eröffnet wird. Es ist bereits ihre zweite Zusammenarbeit: Für den Dokumentarfilm "Das Wispern im Berg der Dinge", der vom Leben und Tod des Schauspielers Robert Graf erzählt, erhielten sie 1999 den Grimme-Preis.



Wenn ein Regisseur und ein Kritiker aufeinander treffen, gibt es meistens Probleme. Bei Ihnen beiden ist das anders: Sie machen gemeinsam einen Film.

Graf: Auch wenn mich meine Regiekollegen für diese Äußerung hassen werden: Ich lege großen Wert auf die Meinung guter Kritiker. Durch ihren Blick habe ich viel gelernt.

Althen: Kennen gelernt haben wir uns bei einem Interview vor zehn Jahren. Das Thema war: Warum München ...

die Stadt, in der Sie beide leben und aufgewachsen sind ...

Althen: ... als Stadt so wenig in deutschen Filmen vorkommt. Es ist ja absurd, aber am meisten sieht man von München in den Sexfilmen der siebziger Jahre, die "Schulmädchenreports", in denen kein künstlerischer Gestaltungswille den Blick verstellt.

Graf: Das gilt ja für den gesamten deutschen Film, für alle deutsche Städte. Die Kulisse spielte nie eine Rolle. Es gab eine kurze Phase mit Wim Wenders, Rainer Werner Faßbinder, die den Ort dezidiert vorkommen ließen. Aber dann kam meine Generation und drückte alles wieder weg. Nur noch der Plot war wichtig, wo er spielte, war egal. Wobei ich zugeben muss, dass es in Deutschland ein grundsätzliches Problem gibt. Ich weiß es aus eigenen Filmen: Jede noch so kleine Straße ist derart von Halteverbotsschildern vollgeknallt, dass es oft schwer fällt, ein attraktives Bild zu finden.

Ihr Film heißt "München - Geheimnisse einer Stadt". Es ist ein Essay geworden mit Spielfilm- und Dokumentarfilmelementen, weniger über München, mehr über das Wesen einer Stadt. Was war Ihre Idee dabei?

Althen: Am Anfang war es nur ein Gefühl. Man sieht in manchen Filmen, zum Beispiel von Antonioni, atemberaubende Stadtansichten, wo die Stadt mehr ist als nur Kulisse - Momente, die wir verlängern wollten. Es war klar, dass es um die Idee einer Stadt geht. Um das Porträt einer erträumten Stadt.

Graf: In der Literatur gibt es diese Verbindung von Topografie und Emotion, zum Beispiel bei Marcel Proust. Oder bei Patrick Modiano, der verschollenen Biografien anhand von verschollenen Orten nachgeht. Im Film gibt es nahezu keine Vorbilder.

Sie sind 37 und 47 Jahre alt. Welche Rolle spielt die Erinnerung, etwa an die Kindheit?

Althen: Wir sind beide große Anhänger von Listen. In diesem Fall hatte jeder ein paar Orte auf seinem Zettel, die er unbedingt vorkommen lassen wollte. Ich bin beispielsweise in Unterhaching aufgewachsen ...

einem hässlichen Münchner Vorort, der durch seinen tollen Fußballverein jetzt berühmt geworden ist ...

Althen:...dieser Ort musste also unbedingt rein. Merkwürdig, wenn man seinen alten Schulweg nachgeht und den Platz sucht, wo man immer Fußball gespielt hat. Plötzlich entdeckt man, dass das Garagentor fehlt, auf das man immer den Ball geschossen hat. Man denkt: Mir ist ein Stück Erinnerung geklaut worden. Die Vergangenheit strömt auf einen zu, und man glaubt, man ist der Einzige, der sie noch in sich trägt.

Macht einen das eher glücklich oder eher traurig?

Althen: Es macht einen melancholisch. Man ahnt auf einmal, dass die Stadt irgendwann nur mehr aus verlorenen Schauplätzen irgendwelcher Erinnerungen besteht.

Graf: Ich bin zehn Jahre älter als Michael, und je älter man wird, desto mehr spürt man, dass sich über die real existierende Stadt eine andere, unsichtbare Stadt legt. Das geschieht nicht an den touristischen Orten, in der Maximiliansstrasse oder auf dem Marienplatz. Es geht um andere Orte: Auf der Parkbank habe ich ein Mädchen geküsst, in dem Geschäft, wo mal ein Kino war, habe ich diesen bestimmten Film gesehen. Da war diese Party, an dem Platz hatte ich mal eine Depression. Es entsteht also eine Art Geisterstadt. Mit meinen 47 Jahren merke ich, dass das immer schlimmer wird. Wie wird das erst sein, wenn ich 70 bin?

Hat Sie die eigene Erinnerung auch betrogen? Man ist sich doch gelegentlich sicher, wie ein Ort ausgesehen hat. Dann stellt man fest, das stimmt gar nicht.

Graf: Ich habe Straßen gesucht, von denen ich geschworen hätte, dass es sie gibt. Dabei haben sie nie existiert. Ich hatte auch ein genaues Bild von einer Kellerkneipe vor mir. Ich weiß noch, wie ich da immer saß. Das Lokal hat es nie gegeben. Vielleicht hat das auch mit dem Alkohol zu tun, den man damals nachts zuweilen zu sich nahm.

Was ist der rote Faden in dem Film?

Graf: Irgendwann war klar: Der rote Faden ist die Zeit, das Älterwerden in einer Stadt. Wie wird man in einer Stadt älter und alt?

Althen: Wir haben die klassischen München-Orte weggelassen, Hofbräuhaus, Biergarten, Frauenkirche und so. Nur in einem Punkt haben wir uns einen gewissen München-Patriotismus erlaubt. Das Wort Berlin kommt nicht vor. Einmal liefen im Hintergrund Fernseh-Nachrichten, und da war Berlin als Ortsmarke zu hören. Gott sei Dank haben wir das im letzten Moment noch gemerkt. Berlin wurde gelöscht.

Graf: Es geht uns auch um die Frage, wie die Identität des Ortes auf die Identität der Menschen wirkt. Ich habe das Buch von Richard Sennett gelesen über die Flexibilität in unserer Gesellschaft. Durch die neue Berufswelt, dem ständigen Zwang hin- und herzuziehen, heißt es da, wird es für Eltern unmöglich, bestimmte Werte an ihre Kinder weiterzugeben. Kontinuität, Heimat, Vertrauen - all das wird aufgelöst, wenn eine Familie ständig durch die Weltgeschichte flitzt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in dieser Zeit ein Film wie unserer entsteht: So etwas wie Heimatgefühl scheint nicht mehr greifbar zu sein, also hält man es lieber noch mal kurz mit der Kamera fest.

Das Wegziehen aus der Heimat kann man auch als Bereicherung sehen.

Althen: Ich habe auch das Gefühl, nach insgesamt zweieinhalb Jahren Beschäftigung mit unserer Idee: Für mich ist hiermit ein Kapitel abgeschlossen. Ich habe ja nie woanders gewohnt als in München, und jetzt sehe ich es als realistische Möglichkeit, auch mal wegziehen zu können.

Ihr Film beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Stadtentwicklung: Einmal geht es um ein futuristisches München, wie es sich Planer in den 70er Jahren ausgedacht haben, als durch die Olympischen Spiele eine faszinierende Modernität in die Stadt einzog.

Graf: Diese Entwürfe haben mein München-Bild geprägt. Es war ja nur konsequent, dass damals Hollywood-Science-Fiction-Filme wie "Rollerball" auf dem Olympia-Gelände gedreht wurden. Daher kommt aber auch eine Enttäuschung über das, was danach passiert ist. Denn heute sind wir hier in einem Provinzsalat eingedickt.

Eine andere Möglichkeit ist auch zu sehen: Modellbauten, die zeigen, wie die Nazis sich die Zukunft der Stadt vorgestellt haben.

Graf: Das ist ein provokanter Gedanke. Aber ich behaupte, dass jeder, der sich für Städte interessiert, lügt, wenn er sagt, er habe nie den Wunsch verspürt, diese Modelle einmal in die Wirklichkeit umgesetzt zu sehen. Einmal nur! Gerade in einer begrenzten Stadt wie München, die es nicht einmal geschafft hat, ein Hochhaus von 200 Metern zu bauen. Und plötzlich sieht man die Nazi-Entwürfe mit den Prachtstraßen und den Monumentalbauten: eine Stadt, neu sortiert. Darin möchte man nicht leben müssen, aber man würde es gerne mal gesehen haben.

Sie beide machen den Eindruck, als seien Sie sich über alles Wesentliche einig - blindes Verständnis nennt man das wohl. Wie arbeiten Sie denn zusammen?

Graf: Wir reden beide...

Althen: ...nur höchst ungern.

Graf: Wir kommunizieren per Fax.

Althen: Wenn einer eine Idee hat, schreibt er sie auf und faxt sie durch.

Und warum per Fax?

Graf: Die Formulierbarkeit von Ideen ist, denke ich, entscheidend. Man kann stundenlag zusammensitzen und zettelweise Notizen machen, aber wir haben festgestellt, dass dann alles ausufert. Lieber mit ein paar geschriebenen Sätzen Klarheit schaffen: Was geht, und was geht nicht?

Was hat den Kritiker am meisten bei den Dreharbeiten überrascht?

Althen: Ich wusste schon vorher, dass alles zäher abläuft, als viele sich denken - aber wie zäh, das hätte ich nie gedacht. Und was alles schiefgehen kann! Wie viel man vorhersehen muss, wie oft man einen Plan B aus der Tasche ziehen muss.

Graf: Die unzähligen Fehlerquellen.

Althen: Wie schnell man ins Schwimmen kommt, wenn man nicht hundertprozentig weiß, was man will. Dieser riesige Apparat am Set könnte tagelang vor hin sich werkeln, wenn man keine klaren Anweisungen gibt. Hier noch an einem Licht geschraubt, da muss noch was geklebt werden...

Graf: Du kanntest das bisher nur aus meinen Erzählungen und hast gedacht, ich sei ein bisschen hysterisch veranlagt.

Althen: Jetzt kenne ich diese Momente allergrößter Verzweiflung, wenn du dich fragst: Warum, verdammt, geht es nicht weiter?

Graf: Es stimmt schon, was Orson Welles gesagt hat: "Ein Maler braucht einen Pinsel, ein Dichter eine Schreibmaschine - ein Regisseur braucht jedoch eine Armee."

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