Musik aus Maschinen : Klappern auf dem dritten Weg

Gegenprogramm zu Kraftwerk: Das Berliner Duo Gamut Inc versucht sich auf seinem ersten Album „Ex Machina“ an der Versöhnung von Mensch und Maschine.

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Mit Geduld, Schraubenzieher, Säge und Klangbastlerlust. Das Duo Gamut Inc, von links nach rechts bestehend aus Maciej Sledziecki und Marion Wörle (Mensch) sowie Laptop, Physharmonica, Carillon und Bowjo (Maschine).
Mit Geduld, Schraubenzieher, Säge und Klangbastlerlust. Das Duo Gamut Inc, von links nach rechts bestehend aus Maciej Sledziecki...Foto: Thilo Rückeis

Es schabt, brummt, bimmelt und klappert gewaltig in der Musik von Gamut Inc, einem Berliner Duo, das selbst gebastelte Maschinen zum Erklingen bringt. Marion Wörle, die Computermusikerin und gelernte Architektin, und Maciej Sledziecki, der studierte Gitarrist, denken sich keine Instrumente aus, die dann für eine Firma in Serie gehen, sondern ertüfteln sich schrullige Unikate, die putzige Namen wie Carillon „C3“, Bowjo „B1“ und Physharmonica tragen. Alle genannten Gerätschaften entwickeln existierende Instrumente weiter. Das Carillon ist ein Glockenspiel, die Physharmonika ein automatisiertes Akkordeon und das Bowjo ein elektromagnetisch angetriebenes Tabletop-Banjo.

Im Musikzimmer ihrer Wohnung in Mitte stehen all die Gerätschaften, mit denen Gamut Inc ihr erstes Album „Ex Machina“ eingespielt haben. Hört man das satte Schnarren, Dröhnen, Pfeifen und Saugen, stellt man sich höllenhafte Riesenmaschinen vor – und ist dann überrascht, wie kompakt die Klangerzeuger in Wahrheit sind. Wörle, auch unter dem Künstlernamen Frau W bekannt, und der gebürtige Pole Sledziecki erklären, dass ihre Kisten auch gar nicht größer sein dürften, da sie für Auftritte auf Festivals und in Galerien sonst kaum zu transportieren wären. Entstanden sind ihre elektro-akustischen Zwitter im Rahmen des 2013 in Berlin, Köln, Krakau und Warschau über die Bühne gegangenen polnisch-deutschen Musikfestivals Avant Avantgarde.

Sie wollten ausdrücklich mechanisch-elektronische Hybride erschaffen. Der Kölner Instrumentenbauer Gerhard Kern half ihnen dabei. Kern, so berichten die beiden, sei ein begnadeter Tüftler, dessen Fähigkeiten sich immer weiter herumsprechen würden. Inzwischen habe er für die Musikhochschule Tokio sogar eine automatisierte Marimba gebaut.

Die neue Platte von Gamut Inc. erscheint ausschließlich auf Vinyl

Die Musikmaschinen von Gamut Inc werden via Laptop-Software angesteuert und bedient. „Akustische Musik, die klingt wie Elektronik, das hat uns interessiert“, sagt Marion Wörle. Die Physharmonica etwa wird von einem Gebläse über eine Art überdimensionierten Staubsaugerschlauch angetrieben, wenn die Geräte angeworfen werden, geschieht dies nicht geräuschlos, sondern es pumpt und rattert gehörig.

Mit dem Rechner moduliert Maciej Sledziecki nun die Luftzufuhr. Sledziecki kann dabei mehr Klappen bedienen als jeder menschliche Akkordeonspieler. Sie drehen fast durch, dann aber hört man wieder langgezogene Pfeifgeräusche. Keine Frage, es geht bei dieser Musik auch um den Menschen, den Laptopmusiker, der diese Klangkisten spielt. Die Musik des Berliner Duos wird letztlich ganz klassisch komponiert.

Was Gamut Inc machen, erinnert an Steampunk, jene popkulturelle Bewegung, die sich einer Retro-Future-Ästhetik hingibt, in der sie Verschmelzung von Altem und Neuem feiert. Dazu passt, dass Gamut Incs Platte „Ex Machina“ ausschließlich auf Vinyl erscheint. Es gehört aber mindestens so sehr in die Kreise experimenteller zeitgenössischer Musik, in denen die beiden ihre Arbeit – auch solo – bisher vor allem präsentiert haben.

Ausdrücklich beziehen sich Marion Wörle und Maciej Sledziecki auf die lange Tradition von Musikmaschinen, angefangen bei der vergleichsweise schlichten Spieluhr, als deren Erweiterung das sogenannte Orchestrion im 19. Jahrhundert anzusehen ist, ein riesiger Musikautomat, dessen Aufgabe es war, ganze Orchestermusiken mechanisch nachzuspielen. Es lässt sich aber auch ein Bezug auf große amerikanische Klangerneuerer des 20. Jahrhunderts wie etwa Harry Partch herstellen, der nicht müde wurde, ständig neue Instrumente zu erfinden, um seine Klangvisionen umzusetzen.

Ausdrücklich nennt Maciej Sledziecki auch Conlon Nancarrow, einen amerikanischen Komponisten, der für elektro-mechanische Selbstspielklaviere komponiert hatte. Gerade wenn Sledziecki seine Physharmonica spielt und in übermenschlichem Tempo die Akkordeonklappen öffnen und schließen lässt, erinnert das an Nancarrows Kompositionen, die teilweise in Rekordmanier über die Tasten rattern.

Gamut Inc versuchen sich an einer Art dritter Weg. Mit den technisch-elektronischen Möglichkeiten unserer Zeit machen sie fast schon klassisch zu nennende elektro-akustische Musik. Technik soll hier nicht das Menschliche ersetzen wie bei Kraftwerk. Marion Wörle sagt, dass Fehler und Störgeräusche zum Konzept gehören: Die Maschine soll keineswegs die Fehleranfälligkeit des Menschen kompensieren.

Vielleicht lässt sich das, was Gamut Inc versuchen, ein wenig mit dem Glaubenskrieg in der Technogemeinde vergleichen. Auch dort wird diskutiert, ob es der richtige Weg ist, nur noch mit Software zu produzieren. Wo bleibt das Atmen der Analogsynthesizer, fragen manche, wo verstecken sich die unerwarteten Geräusche, wenn der Strom unregelmäßig durch die Kabel fließt. Gamut Inc zeigen einen Weg auf, wie Mensch und Maschine produktiv weiter zusammenarbeiten können, ohne dass dabei einer von beiden überflüssig wird.

Das Vinylalbum „Ex Machina“ von Gamut Inc erscheint am 30.1. beim Label Satelita (www.satelita.de) erschienen. Weitere Infos, Bilder und Hörproben unter www.gamut-ensemble.de Record Release-Konzert: N.K., Elsenstr. 52, Neukölln, Do 15.01.2015, 21. 30 Uhr

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