Kultur : Muskelmythen

Musikfest: Salonen und das Philharmonia Orchestra

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Aha, ein Musikfest-Abend über Damen in Führungsposition und dirigierende Frauen, über einen Bruder, der seine Schwester vergewaltigt, und einen Mann, der mit fünfzig ein Violinkonzert schreibt. Allerdings müsste offiziell etwas anderes darüber stehen, vielleicht „Ein fast ganz finnisches Konzert mit fast hundertprozentig geglückten Werken“. Genauer gesagt, findet in der Philharmonie ein Podiumsgespräch statt, und danach spielt das Philharmonia Orchestra London unter Esa-Pekka Salonen die „Geharnischte Suite“ von Busoni, Salonens eigenes Violinkonzert und eine Tondichtung des jungen Sibelius, „Kullervo“, nach dem finnischen Epos „Kalevala“, mit Jukka Rasilainen als Kullervo und Monica Groop als dessen Schwester.

Übrigens ein sehr langes Konzert: Um kurz vor elf erst stolpert man aus der Philharmonie, berückt und befremdet zugleich von der letzten Szene, in der Kullervo, „Sohn Kalervos, mit den strahlendblauen Strümpfen“, sich in sein Schwert stürzt, nachdem er bemerkt hat, dass er gerade die Schwester „unter seine Decken“ gezwungen hatte. Posaunen und Tuba dröhnen bis zum Anschlag, wenn der Held nun stirbt, der Stockholmer Männerchor Orphei Drängar, hervorragend einstudiert von Cecilia Rydinger Alin, lässt noch einmal ein mythisches, muskelspielendes Raunen und Sagen hören.

In seiner Intensität gemahnt all das an ein Wort von Michael Stegemann im Podiumsgespräch: Er sehe das Stück „vielleicht sogar auf Augenhöhe mit Schönbergs ‚Gurre-Liedern’“, jedenfalls töne diese Musik nach jemandem, der „in Stein gemeißelt seinen eigenen Weg gehen will“. „Bravo“, sagt da ein Zuhörer, und Eleonore Büning, die das „Quartett der Kritiker“ mit freundlicher, aber strenger Hand anleitet, fügt hinzu, dass sie das „fast blanko unterschreiben“ würde. Dennoch. Selbst Salonen mit seinem brennend punktgenauen Dirigat und einer Konzentration, die dem Stück von Anfang aufhilft, kann sich nicht über Sonderbarkeiten hinwegsetzen wie die Escher- Treppen-artige Harmonik, die nach oben führt und doch nur eine Falltür offeriert, nicht mal einen Trugschluss. Busonis Suite mit ihrem absackenden, seltsam ungeformten „Grabdenkmal“-Satz hätte man sich derweil sparen können, und das Violinkonzert mit Leila Josefowicz, eine einzige, hochgespannte Kadenz-Rennstrecke für die Geige, mit einem kurios über seinen Höhepunkt hin verlängerten Schlusssatz, geht in dem „Kullervo“-Spektakel fast unter. Christiane Tewinkel

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