Kultur : Nach Japan!

Mädchenschicksale: „Yuki und Nina“

Nantke Garrelts

Yuki wandelt zwischen den Welten. Zum Beispiel läuft sie durch einen Wald in Frankreich, wohin sie mit ihrer besten Freundin Nina (Arielle Moutel) vor den ungerechten Erwachsenen geflüchtet ist. Auf einmal steht sie am Waldrand. Zwei japanische Mädchen fahren auf Fahrrädern vorbei und laden sie zum Spielen ein – in ein Haus mit Schiebetüren und Strohmatten, wo eine greise Japanerin sie bewirtet. Irgendwann ist das Spiel vorbei, und Yuki (Noë Sampy) kehrt in den Wald zurück. Dort suchen ihr Vater (Hippolyte Girardot ) und Ninas Mutter (Marilyne Canto) die Ausreißerinnen bereits, um ihren Fluchtversuch zu beenden.

Fortwährend greifen die Erwachsenen in die Welt der beiden neunjährigen Freundinnen ein. „Yuki & Nina“ erzählt von einem klassischen Kinderschicksal dieser Tage. Yukis Eltern trennen sich, und das Kind wird aus der gewohnten Umgebung gerissen. Nur dass Yuki nicht einfach in eine andere Stadt zieht, sondern mit ihrer Mutter (Tsuyu Shimizu) nach Japan gehen soll. Was die Frage aufwirft: Ist sie Französin oder Japanerin? Oder noch existenzieller: Wie stark prägen uns die Eltern – und wie stark wird ein Mädchen von der Mutter geprägt? Im Abspann singt eine Frauenstimme auf Japanisch: „Die Eltern färben unser Herz“. Yuki ist hin- und hergerissen: Ihre Freundin, die energische Nina, überschüttet sie mit Schimpftiraden auf Französisch. Zu Hause aber, beim Abendessen mit ihrer Mutter, benutzt Yuki Essstäbchen wie eine Japanerin. Bei aller Prägung ist Yuki jedoch keineswegs eine Marionette mütterlichen Willens, sondern eine kleine Persönlichkeit.

Außergewöhnlich an diesem Film ist die Eigenständigkeit, die den Kindern zugebilligt wird. Der Franzose Hippolyte Girardot und der Japaner Nobuhiro Suwa schildern nach eigenem Drehbuch mit großem Respekt und in leisen Tönen das Drama einer Kinderfreundschaft. Lange Kameraeinstellungen geben Zeit, sich in die Gedankenwelt der Träumerin Yuki hineinzuversetzen. Japanisch zurückhaltend geht sie mit ihrem Schmerz um. Dezent bleibt der Film auch sonst – mit Direkttonaufnahmen und nahezu ohne Filmmusik. Am Ende filmt Yukis Mutter ihre Tochter mit einer neuen besten Freundin, um eine Videobotschaft an Nina in Frankreich zu schicken. Da ist Yuki schon in der anderen, der japanischen Welt angekommen. Nantke Garrelts

fsk und Hackesche Höfe (beide OmU)

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