Nachlass von August Sander : Abgezogen

Wem gehört der Nachlass von August Sander - der SK Stiftung Kultur in Köln, der Galerie Hauser & Wirth oder doch dem MoMa in New York?

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Otto Dix und seine Frau Martha, fotografiert von August Sander. Um dessen Nachlass ist ein Streit entbrochen.
Otto Dix und seine Frau Martha, fotografiert von August Sander. Um dessen Nachlass ist ein Streit entbrochen.Foto: dpa / picture alliance

Einigermaßen befremdet reagierte die SK Stiftung Kultur in Köln auf die jüngste Pressemitteilung der Galerie Hauser & Wirth. Darin steht, dass sie nunmehr den „Nachlass (estate) von August Sander in Zusammenarbeit mit dessen Urenkel Julian Sander“ repräsentiere. Tatsächlich befindet sich der Nachlass im Eigentum der Kölner Stiftung, die ihn von Gerd Sander, dem Enkel des berühmten Kölner Fotografen, erworben hat. „Dieses 1992 übernommene Konvolut“, teilt die SK Stiftung Kultur mit, „umfasst fasst 10 700 originale Negative, circa 3500 Vintages, die originale Korrespondenz, die Privatbibliothek sowie Mobiliar und Teile der photographischen Ausrüstung. Die Stiftung erwarb zudem sämtliche am Werk von August Sander bestehenden Nutzungsrechte.“

Ist eine solche Richtigstellung schon ungewöhnlich genug, so ist in diesem Zusammenhang von Interesse, dass das New Yorker Museum of Modern Art im Jahr 2015 Abzüge aller 619 Aufnahmen erworben hat, die August Sander für sein zu Lebzeiten unveröffentlichtes Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ anfertigte und sammelte. Die Abzüge stellte Gerd Sander zur Verfügung, der freilich die Negative der Kölner Stiftung veräußert hatte. Das MoMA organisiert nun über fünf Jahre eine Reihe von Konferenzen, die sich der Untersuchung von Sanders Hauptwerk widmen. Freilich muss dies nicht erst entdeckt werden – immerhin seit 2002 liegt die Gesamtausgabe der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ in einer siebenbändigen Ausgabe vor.

Fragen an Sanders Werk bleiben

Trotz vielfältiger Publikationen gibt es jedoch Fragen an Sanders Werk. Die weniger bekannte Sammlung von 407 Fotografien, die Sander unter dem Titel „Köln wie es war“ zusammengestellt und seiner Wahlheimat Köln verkauft hat, bot die Grundlage für mittlerweile bereits drei vollständige Werkausgaben. Dabei wurden jedoch Unregelmäßigkeiten wie retuschierte oder doppelte Abzüge unkommentiert übernommen.

Unlängst hat sich der Medienwissenschaftler und Mitherausgeber einer dreibändigen Anthologie von Fotografien Kölns, Reinhard Matz, mit der Publikations- wie auch Rezeptionsgeschichte Sanders beschäftigt und das Bild vom „neusachlichen“ Fotografen, wie es seit der mit einem Text von Alfred Döblin versehenen Buchausgabe „Antlitz der Zeit“ geläufig ist, kritisch untersucht. Dabei macht Matz den Unterschied zu tatsächlich an der Sehweise der Avantgarde orientierten Zeitgenossen deutlich: Anders als diese „trifft Sander offenbar das Sentiment der heutigen Kölner für ihre Stadt“, schreibt er und bemerkt spitz an anderer Stelle seines sorgfältig recherchierten Buches: „Die ,Erinnerungsarbeit‘ an das Vorkriegsköln leistete vorrangig eine Generation, die es von Angesicht gar nicht kannte, und der Hype um das ,schöne alte Köln‘ entwickelte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts.“

All das tut der Bedeutung Sanders zwar keinen Abbruch, legt aber nahe, dass zwischen der Arbeit und den Intentionen des Fotografen und der interessegeleiteten Wahrnehmung der Nachgeborenen klar unterschieden werden muss.

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