Nachruf : Glamour und Gosse

Ganz unten und oben mit Bukowski und Burroughs, mit Zappa und Dylan: Der Übersetzer und Schriftsteller Carl Weissner ist tot.

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Foto: p-a / Erwin Elsner Foto: picture-alliance / Erwin Elsner
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Als vor zwei Jahren mit „Manhattan Muffdiver“ erstmals von ihm auch ein Roman auf Deutsch erschien, im Wiener Milena Verlag, antwortete Carl Weissner auf die Frage, warum dieser Roman denn mit einem Bericht von der Beerdigung Charles Bukowskis ende: „Dass muss man nicht so verstehen, dass ich von Bukowski nicht loskomme, sondern es hat einen eher praktischen Grund: Ich brauchte noch zwanzig Seiten Text. Und diese Reportage (...) war der einzige deutsche Text, den ich in der Schublade hatte.“

So viel Nonchalance und Pragmatismus in allen Ehren – doch natürlich konnte Carl Weissner von dem legendären, 1994 gestorbenen Gossen- und Saufpoeten Bukowski nicht einfach so loskommen. Er wollte das auch gar nicht. Weissner hatte diesen schließlich Mitte der sechziger Jahre selbst entdeckt, 1970 mit dem Band „Aufzeichnungen eines Außenseiters“ erstmals übersetzt und dann derart verkauft und gefördert, dass Bukowski insbesondere in den Siebzigern und Achtzigern in Deutschland zu einem viel gelesenen Autor wurde. Fiel der Name Bukowski, wurde einen Atemzug später auch schon der Name von Weissner genannt. Anders herum verhielt es sich genauso. Überhaupt liest sich der E-Mail-Roman „Manhattan Muffdiver“ wie ein Buch, mit dem Weissner auch ein Selbstporträt schreiben wollte. Mit seiner poetischen Raserei, seinen Prosaminiaturen, Textsplittern und harten Schnitten ist der Roman aber vielmehr noch eine Verbeugung vor den von ihm bewunderten amerikanischen Beat- und Underground-Poeten. Für den 1940 in Karlsruhe geborenen Weissner war es eine einzige Offenbarung, als er während seines Anglistikstudiums in englischen und amerikanischen Literaturzeitschriften Texte und Gedichte von Burroughs und Bukowski entdeckte. Er kontaktierte seine Helden und druckte sie dann selbst in seinem Literaturmagazin „Klactoveedsedsteen“, später in „UFO“ und „Gasolin 23“, die er unter anderem mit Jörg Fauser und Jürgen Ploog herausbrachte. Zwei Jahre, von 1967 bis 1969, lebte er selbst in Manhattans Lower Eastside, „umgeben nur von Bohème-Junkies“, wovon er in seinem 2011 erschienenen Buch „Die Abenteuer von Trashman“ erzählt. Bei seiner Rückkehr hatte er endgültig sein Herz an den US-Literatur-Underground und die englische Sprache verloren. Eigene literarische Ambitionen stellte Weissner in Folge zurück, lieber kümmerte er sich um die Verbreitung seiner Entdeckungen. Er übersetzte Burroughs, Ginsberg und Bukowski, Nelson Algren, J. G. Ballard, Andy Warhol, Frank Zappa und fast das gesamte Werk von Bob Dylan, in der legendären Zweitausendeins-Ausgabe. Er übersetzte so, wie Bukowski es einmal sagte, „dass es klang wie von einem Deutschen, nicht wie von einem Übersetzer“, bemüht um Griffigkeit, Härte und Kanten.

Eigene Bücher schrieb er auf englisch, sie erschienen in den USA, nicht aber in Deutschland. Was nicht Carl Weissners ganz großes Problem war, ihn aber doch ein wenig auch zu stören schien, bei allem Erfolg, den er als Übersetzer und später als Herausgeber der Werke Burroughs und Jörg Fausers (ebenfalls bei Zweitausendeins) hatte. „Mein Produkt ist stilistisch um Klassen besser als die Erzeugnisse der Konkurrenz, und das gilt automatisch als affig“, ist sich der Icherzähler von „Manhattan Muffdiver“ sicher. So war er zuletzt zwar weiterhin als Interpret und Vorleser von Burroughs- und Bukowski-Texten unterwegs, schrieb aber auch viel Eigenes. Er sitze gerade an drei Romanen gleichzeitig, verriet Weissner 2010 nach der Veröffentlichung von „Manhattan Muffdiver“. Am Dienstag ist Carl Weissner im Alter von 71 Jahren tot in seiner Wohnung in Mannheim aufgefunden worden. Gerrit Bartels

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