Nachruf : Sibylle Bergemann: Bilder vom Rand der Welt

Bei Sibylle Bergemanns Modeshootings wurden aus den austauschbaren Models individuelle Porträts. Zum Tod der Fotografin.

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Mode ist Leben. Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann. Foto: imago/Christian Thiel
Mode ist Leben. Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann. Foto: imago/Christian ThielFoto: IMAGO

„Sie kann schreiben mit nahezu nichts“, hat der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom einmal über die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann gesagt. Tatsächlich liest der Betrachter ganze Romane in ihren Bildern. So vielschichtig sind ihre Aufnahmen, so voller Erzählungen über Schicksale, Zeit, Begleitumstände, dass man sie immer wieder anders, neu sehen kann. Sibylle Bergemanns Modeaufnahmen aus der DDR waren niemals allein Bilder von Mannequins in unterschiedlichen Kleidern. Ihre Motive stellten immer auch ein Stück Lebensrealität dar, die größtmögliche Wahrheit über ein Land, dem es an Glamour fehlte und das seinen bescheidenen Chic statt in Boutiquen in Konsumläden zum Kauf anbot.

Gerade mit der Darstellung dieser Doppelbödigkeit hat Bergemann als Modefotografin Bekanntheit erlangt und der bis 1995 erscheinenden Zeitschrift „Sibylle“ ihren Stempel aufgedrückt. Durch ihren späteren Mann, den Fotografen Arno Fischer, bei dem sie 1966 ihr Handwerk erlernt hatte, kam sie zu diesem Beruf. In den siebziger Jahren stieß sie mit ihm zum Fotografenteam der „Zeitschrift für Mode und Kultur“. In den Achtzigern war sie bereits eine feste Größe, durfte im Westen publizieren und in die Vereinigten Staaten reisen. Der ehrliche Blick, die eigene Perspektive schützte sie.

Bei Sibylle Bergemanns Modeshootings wurden aus den austauschbaren Models individuelle Porträts, kam ein Zeitkolorit herein, das jedoch nicht immer auf Wohlgefallen stieß. Kurzerhand wurden die herabhängenden Mundwinkel von „Marisa und Liane am Strand“ (Sellin, 1981) wegretuschiert. So grimmig durften die beiden Badeschönheiten in ihren schwarzen Strandkleidern nicht aussehen, das wirkte den Zensoren zu depressiv. Trotzdem zeigen ihre Bilder nicht nur die offizielle Seite Ost-Deutschlands: bröckelnde Häuserfassaden, trostlose Straßen, verrottende Industrielandschaften im Hintergrund verleihen der Inszenierung exquisiter Kleidung eine geradezu surreale Note.

„Mich interessiert der Rand der Welt, nicht die Mitte,“ hat Sibylle Bergemann einmal erklärt, „das Nichtaustauschbare ist für mich von Belang. Wenn etwas nicht ganz stimmt in den Gesichtern oder Landschaften.“ Diese Geduld im Blick ist auch ihrer Serie über die Entstehung des Marx-Engels-Denkmals zwischen 1975 und 1986 hinter dem einstigen Palast der Republik anzumerken. Berühmtheit haben ihre Bilder erlangt, in denen die Kolosse halbfertig, ohne Kopf zu sehen sind – der eine stehend, der andere sitzend, von Halteseilen umspannt. Aus dieser Momentaufnahme konnte der Betrachter seine eigenen Schlüsse ziehen über die Zustände in einem Land, das seine Ideale längst aufgegeben hatte.

Ein Jahr nach dem Fall der Mauer gründete Bergemann mit ihrem Mann und anderen namhaften „Sibylle“-Fotografen die inzwischen legendäre Agentur Ostkreuz. Neue Themenfelder eröffneten sich: Magazine schickten sie auf Reisen um die halbe Welt, auch begleitete sie über mehrere Jahre die geistig behinderten Schauspieler des Berliner Theaters RambaZamba bei ihren Proben. Vor drei Jahren würdigten sie das Braunschweiger Museum für Photographie und die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied sie seit 1994 war, mit einer großen Ausstellung. Der Titel: „Verblassende Erinnerungen“. Nach schwerer Krankheit ist die Fotografin Sibylle Bergemann nun im Alter von 69 Jahren gestorben.

Das Kino Babylon zeigt am 10. November (20.15 Uhr) Sabine Michels Film „Mein Leben. Die Fotografin Sibylle Bergemann“.

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