Nedim Gürsel : Die magischen Verse

Der türkische Autor Nedim Gürsel kommt mit seinem Roman „Allahs Töchter“ nach Berlin. Eine Begegnung

Susanne Stemmler
Exilant und Kritiker. Nedim Gürsel lebt in Paris. Foto: AFP ImageForum
Exilant und Kritiker. Nedim Gürsel lebt in Paris. Foto: AFP ImageForumFoto: AFP

Bis vor kurzem fühlte er sich als Berliner. „Die Stadt fehlt mir schon jetzt“, sagt der seit kurzem wieder in sein Pariser Domizil zurückgekehrte Nedim Gürsel. Ein Semester lang war der an der Sorbonne türkische Literatur lehrende Romancier Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität. Er steht damit in der Reihe von Autoren wie seinem Landsmann Orhan Pamuk, dem somalischen Autor Nuruddin Farah, dem Mexikaner Carlos Fuentes und dem US-Amerikaner Paul Auster.

Der 1951 in Südostanatolien geborene Gürsel ist mit seinem umfangreichen Romanwerk, aber auch mit seiner Vita ein Prototyp des intellektuellen Kosmopoliten. Neben Yasar Kemal und Orhan Pamuk gilt er wegen seiner vielstimmigen Erzählweise als wichtigster Autor der Türkei. Gürsel gehört zu jener Generation der heute um die 60-Jährigen, die die diversen Militärputsche miterlebt haben und in den achtziger Jahren ins Exil gingen.

Sein soeben auf Deutsch erschienener Roman „Allahs Töchter“ kombiniert autobiografische Kindheitserinnerungen aus Manisa mit einer Neuerzählung des Lebens Mohammeds. Der kleine Nedim war fasziniert von der Sprachgewalt der Koranverse, die ihm sein frommer Großvater nahebrachte. „Für die Gläubigen in der Türkei“, sagt er bei einem Treffen in Berlin, „spricht Allah durch Mohammed, den Propheten, doch für sie ist das Arabische des Koran eine fremde Sprache. Auf mich wirkten diese fremden Worte magisch, auch wenn ich nichts verstand.“

Die komplexe Geschichte des Romans erstreckt sich vom 7. bis ins 20. Jahrhundert. Sie umfasst die vorislamische Zeit, in der Lat, Manat und Uzza, die drei Töchter Allahs, die zwischen ihm und den Menschen vermitteln, dem Monotheismus weichen mussten. Und sie reicht bis zur Verwicklung der Türkei in den Ersten Weltkrieg. Die Kindheit des früh verwaisten Jungen ist zugleich auch die Kinderstube des türkischen Nationalstaates. Der Roman schildert die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, das von den damals revolutionären Reformen Atatürks und einer europazentrierten türkischen Republik abgelöst wurde.

Der Großvater wurde im Ersten Weltkrieg für das Osmanische Reich in den Krieg um Medina von 1915 geschickt und musste an der Seite der Europäer gegen seine Glaubensbrüder kämpfen. Für diese Kriegsführung kritisiert der Autor Atatürk: „Der Krieg gegen die Bewohner Medinas, der Stadt des Propheten, ist eine schmerzhafte Erfahrung für eine ganze Generation.“

Der Roman folgt einem Prinzip Nedim Gürsels: Nie ist die Rede von einer allgemeingültigen Wahrheit oder Realität, immer geht es um eine Pluralität von Lebenswirklichkeiten. So ist es auch um den Glauben bestellt, der nicht in einer Auslegung existiert, sondern aus multiplen Interpretationen und Praktiken besteht. Aus diesem Grund interessiert ihn die vorislamische Zeit. Das reflektiert auch der Roman, der auf beinahe postmoderne Art multiperspektivisch erzählt: Mal sprechen die Töchter Allahs, mal der kleine Junge, mal der Großvater. Die Zeit vor der gewaltsamen Durchsetzung des monotheistischen Islam erscheint als Zeit der Toleranz, doch auch hier enthält sich der Erzähler eines Urteils, einzig die Begeisterung des kleinen Jungen für die Poetik der Koranverse scheint ihn mitzureißen. „Die Verknüpfung von Gewalt und Glauben“, so Gürsel, „hat leider eine traurige Aktualität.“

„Allahs Töchter“ ist eine fiktionalisierte Neuerzählung der Entstehung des Islam und damit eine umfassende Kritik dieser Religion auf der Basis ihrer profunden Kenntnis. Es ist eine Kritik von innen, nicht von außen. Es ist der Umgang eines Schriftsteller mit dem historischen Material, voller Witz, Ironie und Provokation. Das macht den zuweilen komplizierten Text interessant und erinnert an Salman Rushdies „Satanische Verse“. Gefragt, welche islamischen Traditionen ihn prägten, nennt Nedim Gürsel den „vom orthodoxen, zentral gepredigten Islam stets negierten anatolischen Islam. Es sind dies die mystischen Traditionen des Sufismus, die Derwisch-Bruderschaften mit ihren ekstatischen Praktiken, die den Taliban so verhasst sind, das Alevitentum mit den Sema-Trancen.“ Und fügt auf seine stets subtile ironische Art hinzu: „Die Problematik des Romans ist der Glaube, doch der Text zeigt nicht, wie man zu Gott gelangt, sondern wie man den Glauben verliert. Das sage ich bei allem Respekt vor der Religion, denn ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen.“

Doch dieser so freigeistige wie respektvolle Umgang mit dem koranischen Textmaterial und der Biografie des Propheten behagte den konservativen religiösen Kreisen in der Türkei ganz und gar nicht: Man warf Gürsel mangelnden Respekt vor dem Propheten des Islam vor. 2009 wurde gegen ihn ein Strafverfahren wegen „Verunglimpfung der religiösen Werte des Volkes“ eröffnet, ein Delikt, das nach Artikel 216 des türkischen Strafgesetzbuches „den sozialen Frieden bedroht“ und mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Gürsel wurde freigesprochen. Sein verschmitzter, aber nicht minder klarer Kommentar dazu: „Es hat mich doch sehr überrascht, dass man in einem laizistischen Staat wie der Türkei überhaupt der Blasphemie bezichtigt werden kann. Vor allem der Blasphemie nicht nur in Bezug auf den Islam, sondern gleich gegenüber allen monotheistischen Religionen! Dagegen musste ich mich wehren. Und überhaupt, die Fiktion, das Erzählen, die Welt des Romans ist meine Kompetenz – das ‚Amt für religiöse Angelegenheiten‘ kennt sich da doch gar nicht aus“.

Nedim Gürsel ist Verfolgung gewöhnt: 1980 verhindert der Militärputsch seine Rückreise in die Türkei aus dem Exil in Paris, wohin er bereits 1971 wegen politischer Verfolgung geflohen war. Sein erster Roman „Ein Sommer ohne Ende“ (1988) wird wegen Beleidigung der Sicherheitsorgane verboten und der Roman „Die erste Frau“ (1986) verletzt angeblich die öffentliche Moral. Kein Wunder, dass es angesichts dieser beharrenden Kräfte bislang noch kein Verleger gewagt hat, die „Satanischen Verse“ in der Türkei zu veröffentlichen.

Nedim Gürsel: Allahs Töchter. Roman. Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 346 Seiten, 24,95 €. Der Autor liest zusammen mit Frank Arnold am 18. April um 20 Uhr im Literaturhaus in der Fasanenstraße.

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