"Neue Intoleranz": Debatte in Berlin : Gedanken schwimmen vorbei

Bedroht die Einschränkung der künstlerischen Freiheit die Demokratie? Darum ging es bei der Diskussionsrunde zur "neuen Intoleranz" in Berlin. Spannende Thesen trafen auf müde Floskeln.

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Ruinen von Palmyra.
Najem Wali wirft den Europäern vor, sie hätten über die Zerstörungswellen kultureller Stätten im Nahen Osten durch den IS...Foto: dpa

Immerhin wissen wir jetzt, was eine „Fishbowl“-Diskussion ist. Es warten keine komfortablen Sessel auf die Diskutanten: Stattdessen werden sie stehend um zwei Tische vor dem vollen Auditorium der Allianz Stiftung am Potsdamer Platz versammelt. Das hält wach und fördert die Konzentration. Ein wahrhaft prominentes Podium sollte über „Die neue Intoleranz“ diskutieren; darunter die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, der künftige Volksbühnen-Intendant Chris Dercon, Johannes Ebert als Staatssekretär des Goethe-Instituts, der Schriftsteller Najem Wali, Daniel Birnbaum als Stockholmer Museumsdirektor und die aus dem Iran stammende Künstlerin Parastou Forouhar.

Insgesamt 13 Teilnehmer sind es mit den beiden Moderatoren Annemie Vanackere (Hebbel am Ufer) und Holger Liebs vom Kunstmagazin „Monopol“. Nach einer Stunde gehen die ersten sechs Teilnehmer, sieben neue erklimmen die Bühne. Doch so ein Fischglas ist, wie Aquaristen wissen, ganz schön schnell voll. So sind es am Ende dann doch zu viele Stimmen, die sich darüber austauschen wollten, wie die Einschränkung „künstlerischer Freiheit auch die Demokratie bedroht“.

Schaut Europa über die Zerstörungswellen des IS weg?

Spannendes und Floskelhaftes trifft aufeinander. Doch immer, wenn ein Statement persönlich ausfällt, wird es still im Saal. Etwa als Najem Wali, seit 34 Jahren Exilant in Deutschland, den Europäern vorhält, sie hätten über die ersten Zerstörungswellen kultureller Stätten im Nahen Osten 2011 durch den „Islamischen Staat“ geflissentlich hinweggesehen. Nicht wenige, so seine Klage, haben auch die entwendeten Antiquitäten gekauft – obwohl klar sei, dass sich die Miliz dadurch finanziere.

Ähnlich konzentriert hört das Publikum Parastou Forouhar zu. Die Künstlerin verließ den Iran in den achtziger Jahren. Seit der Ermordung ihrer Eltern, zwei oppositionellen Politikern, kämpft sie um ihr Haus in Teheran, das eine Stätte der Erinnerung bleiben soll. Jüngst wurde dort wieder eingebrochen, staatlich sanktioniert, vermutet Forouhar. Gleichzeitig wurde sie von offizieller Seite für die jüngste Biennale in Venedig vereinnahmt: Obwohl sie die Einladung für den Pavillon ablehnte, ist dort ihr Name zu lesen. Ihr Appell an die Biennale verhallte ebenfalls. Dort fühlt man sich für den iranischen Pavillon nicht zuständig.

Ist das nun Ignoranz oder falsch verstandener Toleranz? Werden wir hierzulande zu Komplizen, weil wir beschämt flüstern, statt die Stimme zu erheben? Johan Simons, bis vor Kurzem Intendant der Münchner Kammerspiele, referiert knapp über die Situation in seiner Heimat. Dort müsse man Theaterstücke inzwischen auf 90 Minuten zusammenstreichen, um überhaupt noch Fördergelder zu bekommen. Mehr überfordere den Zuschauer, hat der Staat entschieden. Simons stammt aus den Niederlanden.

Chris Dercon will erst einmal die Begriffe klären

Auch Marina Naprushkina hat einschlägige Erfahrungen gemacht. Die Künstlerin, Teilnehmerin der 7. Berlin Biennale, produziert statt Kunst inzwischen eine Zeitung für Anti-Propaganda. Damit versucht sie, in Weißrussland die Methoden der politischen Manipulation zu erläutern und ihre Leser wenigstens ein bisschen dagegen zu immunisieren. In Berlin kommt das Projekt gut an. Trotzdem läuft gerade die finanzielle Unterstützung aus. Neue Mittel und damit die nächste Ausgabe ihrer Zeitung sind nicht in Sicht.

Wo es öffentlicher Gelder gibt, etwa für internationale Theaterprojekte mit Roma, vermutet Veronica Knaup-Hasler vom Festival Steierischer Herbst ein finanzielles Feigenblatt für politisches Versagen. Und Chris Dercon will nach der ersten halben Diskussion erst einmal die Begriffe klären: Ihm ist die Verwendung der Begriffe Redefreiheit, Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit nicht differenziert genug. Dafür, so das Fazit, ist eine „Fishbowl“-Diskussion jedoch nicht gemacht. Es bleibt dann doch der Eindruck, als blieben die klugen, im Raum schwebenden Gedanken stumm hinter Glas.

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