Neuer Essay von Achille Mbembe : Auf den Spuren des postkolonialen Rassismus

Europas imperialer Winter: Der kamerunische Historiker Achille Mbembe ergründet in seinem Essay "Ausgang aus der langen Nacht" das Erbe von Kolonialismus und Imperialismus in der Gegenwart.

Giacomo Maihofer
Entkolonialisierung. Studenten attackieren die Statue des britischen Politikers und Bergbaumagnaten Cecil Rhodes auf dem Gelände der Universität von Kapstadt. Nach monatelangen Protesten wurde das Standbild am 9. April 2015 entfernt.
Entkolonialisierung. Studenten attackieren die Statue des britischen Politikers und Bergbaumagnaten Cecil Rhodes auf dem Gelände...Foto: AFP

Als der karibisch-französische Intellektuelle Frantz Fanon 1960 beginnt, an seinem Buch „Die Verdammten dieser Erde“ zu arbeiten, weiß er, dass er sterben wird. Die Ärzte haben bei dem 36-jährigen Psychiater Leukämie diagnostiziert. Sie haben ihn aufgegeben, er sich aber noch nicht. Im Zweiten Weltkrieg hat er aufseiten der Forces françaises libres gegen die Nazis gekämpft. Er hat erlebt, dass die menschliche Würde für einen Schwarzen wie ihn, ein koloniales Subjekt, in den Augen der Franzosen nichts gilt. Er will zur Veränderung beitragen, zur Befreiung vom kolonialen Joch. Er schreibt.

In seinem Essay fordert er ein neues Denken, eine Abwendung von Imperialismus und Nationalismus: „Die große Nacht, in der wir versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns lassen.“ Sein Text wird zum Manifest von Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika und der 68er-Bewegung, zum Bezugspunkt des postkolonialen Denkens, das sich seit den siebziger Jahren entwickelt. Auch beim kamerunischen Historiker und Philosophen Achille Mbembe, einem ihrer momentan gefragtesten Denker, ist sein Echo noch deutlich zu hören.

Der Titel seines kürzlich erschienenen Essays „Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonialisiertes Afrika“ bezieht sich direkt auf Fanons Plädoyer. Mbembe fordert darin ebenfalls eine radikale Umorientierung: weg vom Pessimismus und Nihilismus Europas, hin zu einer neuen Welt, einem neuen Bewusstsein, einer kommenden Demokratie, wie er es nennt.

Star der akademischen Szene

Das sein Essay sechs Jahre nach dem französischen Original nun endlich in deutscher Übersetzung erscheint, ist kein Zufall. Spätestens seit der Veröffentlichung von „Die Kritik der schwarzen Vernunft“ vor zwei Jahren ist Mbembe auch hierzulande zum akademischen Star avanciert. Seine damalige These: Dem globalen Kapitalismus Europas, wie er im 15. Jahrhundert mit dem transatlantischen Sklavenhandel entstand, war von Beginn an ein rassistisches Denken eingeschrieben. Er schuf die Figur des „Negers“, eines dehumanisierten Menschen, der zum Handelsobjekt wurde, Kapitalquelle. In der Globalisierung unter Ägide des Neoliberalismus löse sich diese condition nègre vom Konzept der Rasse, werde zu einem „Rassismus ohne Rassen“, der immer größere Teile der Menschheit umfasse. Für das Buch erhielt Mbembe letztes Jahr den Geschwister-Scholl-Preis. Er habe, so die Jury, „nicht weniger vorgelegt als eine Neuvermessung der Geschichte der Globalisierung“.

Neu vermessen: Das ist es auch, was Mbembe in „Ausgang aus der langen Nacht“ versucht. Für ihn ist die Entkolonialisierung der Schlüsselmoment der Spätmoderne, die Wiederaneignung der humanistischen Ideale, ihre Transnationalisierung. Der Blick des Anderen wird nicht mehr durch den Verweis auf die Rasse eingeschlossen, die klaren Trennungen und Grenzen werden gesprengt. Damit ist auch klar: Die Entkolonialisierung ist kein abgeschlossener Prozess. Die Konfrontation von Afrika mit Europa – und in dem Zuge beider mit sich selbst – sei in einem Paradox gefangen, einer gemeinsamen Geschichte, die man doch nicht teile, einer Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten.

Afropolitanismus ist die neue Hoffnung

Im postkolonialen Afrika zeige sich das in einem Doppelbild von Elend und Hoffnung: autoritäre Restauration, soziale Gewalt, Kriege, ökonomischer Raubbau auf der einen Seite und die Neuorganisation von Gesellschaft und Kultur auf der anderen, der „Afropolitanismus“. Der Begriff ist heute zum dominierenden Selbstverständnis vieler Intellektueller, besonders Schriftsteller, mit afrikanischen Wurzeln geworden. Es ist der Slogan der Avantgarde der Auswanderer, er durchdringt jedoch langsam auch die Mittelschicht.

Anders als in früheren Strömungen wird nicht mehr der Rückbezug zu einer im Kolonialismus verlorenen Vergangenheit gesucht. Afrika wird als Ort ohne Zentrum begriffen, Herkunft als ein Fetisch mit fatalen Folgen. Statt ihm zu huldigen, nimmt man die Durchmischung, die Kreolität und Hybridität der eigenen Identität an. Mbembes eigene Biografie ist ein typisches Beispiel dafür: Er studiert erst in Kamerun Geschichte, dann in Paris an der Sorbonne, wird Assistenzprofessor in New York, von wo aus er später nach Yale geht und sich schließlich in Südafrika niederlässt. In der Verschmelzung der Kulturen, die er in Johannesburg beobachtet, sieht er auch das Fenster zur neuen Welt, zum transnationalen Humanismus, auf den auch einst Fanon seine Hoffnung richtete. Doch das Land der Born Free, wie die Post-Apartheid-Generation in Südafrika genannt wird, leidet heute immer noch unter massiver sozialer Ungleichheit, besonders zwischen Schwarz und Weiß. Ist es nicht eher das Spiegelbild des Optimismus, so begrüßenswert er auch ist, als ein Fenster, das sich hier zu erkennen gibt?

Europa verharrt in einem imperialen Winter

Mbembes Blick auf Europa ist schärfer. Während seiner Jahre in Paris wird er ein vehementer öffentlicher Kritiker des republikanischen Neokonservatismus, besonders des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Frankreich habe die Entkolonialisierung zwar letztendlich zugelassen, sich selbst aber nicht entkolonialisiert, schreibt Mbembe. Die Geschichte des republikanischen Humanismus ist jedoch ohne seine „wilde Bestie“, den Kolonialismus, nicht zu denken. Die universellen Menschenrechte, die die Nationalversammlung 1791 verabschiedet, wird jenen mit anderer Hautfarbe vorenthalten. In Frankreichs wichtigster Plantagenkolonie Haiti bleibt der „Code Noir“ in Kraft.

Dieser „monströseste Text der Moderne“, wie ihn der französische Politikwissenschaftler Louis Sala-Molins einst nannte, lässt die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Sklaverei bestehen, aus der sich die Schwarzen mit einer blutigen Erhebung selbst befreien müssen. Ähnlich verhält es sich mit dem „Code de l’indigénat“, der 1875 eingeführt wird und bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus gilt. Das unter Zeitgenossen als „Knüppelcode“ kritisierte Dekret regelt den Unterschied zwischen Staatsbürger und Untertan, ihrer jeweiligen Rechte und ist somit für das republikanische Verständnis des Citoyen konstitutiv. Es wird kontinuierlich so bleiben: Das Bewusstsein der französischen Nationalität entwickelt sich aus der Exklusion, der Kodifizierung des Anderen als minderwertig und dem Postulat der eigenen Überlegenheit, dem damit verbunden Zwang, zu missionieren.

Doch statt sich seiner Geschichte zu stellen, verharrt Frankreich in einem „imperialen Winter.“ Auch französische Historiker kritisieren mittlerweile eine „imperiale Kultur.“ Immer wieder wurde nicht nur die Rolle des Kolonialismus und Imperialismus marginalisiert, sondern auch eine Revision seiner Bedeutung versucht: Als 2005 eine öffentliche Debatte über größere Zusammenhänge begann, wollte die Regierung per Gesetz eine positive Deutung des Kolonialismus in Schulbüchern durchsetzen. Sie scheiterte am Widerstand der Öffentlichkeit. Doch auch 2007 forderte Sarkozy weiterhin ein Ende der Schwarzmalerei der kolonialen Vergangenheit: „Viele zogen nur los, um zu heilen, zu unterrichten.“

Gegenwärtige Folgen der Dekolonisation

Auch heute stehen National- und Kolonialgeschichte zum Teil unverbunden nebeneinander. Das verhindert, Kolonialismus, Rassismus und Nationalismus im Zusammenhang zu sehen, wie er sich in der französischen Gesellschaft überall findet: Der Aufstieg des Front National in den siebziger Jahren war eng geknüpft an die Rückkehr der französischen Siedler aus Algerien, der pied-noirs, und ihrer Ablehnung gegenüber Migranten aus Nordafrika. Die wiederkehrende Kopftuch-Debatte zehrt von Stereotypen, die Edward Said, ein Mitbegründer der postkolonialen Theorie, in seinem Werk „Orientalismus“ geißelte und dekonstruierte. Die französischen Vorstädte der Banlieue schreiben die koloniale Vergangenheit in den urbanen Raum und die soziale Ordnung ein.

Was Mbembe kritisiert und viele Historiker und Soziologen analysieren, lässt sich in gewissem Maße auf viele ehemalige europäische Kolonialreiche übertragen. In Großbritannien hielt man sich lange an die minimal impact theory. Ihr zufolge hat das Empire, das zu seinem Höhepunkt ein Viertel der Welt umfasste, in der Metropole kaum Auswirkungen gehabt. Heute fragen Historiker, ob nicht der Brexit auch eine letzte Manifestation der anhaltenden Nationalisierung Großbritanniens infolge des Verlustes seines Kolonialreiches war. In Deutschland hat der Globalhistoriker Sebastian Conrad vor einigen Jahren dargelegt, dass der Nationalismus, der für das Deutsche Reich bis zum Ersten Weltkrieg konstituierend war, sich stark aus der Auseinandersetzung mit den Kolonien entwickelte.

Mbembes Werk markiert eine bedeutende Etappe in der Debatte um die Nachwirkungen des Kolonialismus. Die lange Nacht, aus der Fanon einst weisen wollte, haben weder Afrika noch Europa hinter sich gelassen. Es geht nur gemeinsam.

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonialisiertes Afrika. Aus dem Französischen von Christine Pries. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 300 S., 28 €.

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