Neuer Roman von Sven Regener : Und wieder Kreuzberger Weltabgeschiedenheit

Sven Regeners „Wiener Straße“ ist West-Berlin noir, nur in bunt und komisch. Aber der Roman macht keine Anstalten, dem Kreuzberger Bohèmeleben neue Facetten abzugewinnen.

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Sven Regener mit Ehefrau Charlotte Goltermann.
Sven Regener mit Ehefrau Charlotte Goltermann.FOTO: IMAGO/FUTURE IMAGE

Am Ende dieses neuen Romans von Sven Regener landen Frank Lehmann und sein Café-Einfall-Chef Erwin Kächele noch in einem Getränkegroßmarkt, um für eine Vernissage Wein zu kaufen, den vom Preis her unschlagbaren Chateau Strunzinger, „jetzt mit Schraubverschluss, das ist praktisch, gerade für die Gastro.“ Ja, und der Getränkegroßmarktmitarbeiter Herr Müller, ein gut gelaunter Mann in den Fünfzigern mit deutlich gerötetem Gesicht, der sie betreut und mit ihnen ein paar Weine verkostet, ist begeistert, als er den Namen Lehmann hört: „Na, das freut mich aber! Ick koof bei Lehmann!“ Schließt jedoch, als er den Witz ein zweites Mal macht, lieber vorsichtig an: „Ist eh die Konkurrenz. Lassen wir die außen vor.“

Wer schon lange in Berlin wohnt, kennt ihn natürlich, den seit 1957 existierenden Getränkefachgroßhandel Lehmann mit seinem ewigen lilafarbenen Werbespruch – und freut sich wie Herr Müller. Wer sich überdies in der Romanwelt von Sven Regener auskennt, weiß nicht nur, dass Regener diesen Witz einfach irgendwann machen musste, sondern dass er mit „Wiener Straße“ – wie sein neuer Roman betitelt ist – und Szenen wie diesen ganz bei sich ist. In jener fernen Zeit, als die Mauer noch fest stand und man nirgendwo schöner und weltabgeschiedener leben konnte als in West-Berlin mit seinem „nach Schwefel und Kohl stinkenden Smoghorrorwetter“.

Regener mag von seinen altbekannten Figuren nicht lassen

Und noch schöner, noch weltabgeschiedener: in Kreuzberg. Genauer, in dem Kreuzberg, das seinerzeit 36 genannt wurde, so wie der Postzustellbereich, im Gegensatz zum etwas gediegeneren, prägentrifizierten Kreuzberg 61.

Wovon Sven Regener ebenfalls nicht lassen kann, einfach weil er sie gern hat, weil sie, so scheint es, gewissermaßen er selbst sind: von seinen Figuren. Als er mit dem Roman „Kleiner Bruder“ die Herr- Lehmann-Trilogie zum Abschluss gebracht hatte, ließ er 2013 mit „Magical Mystery Tour oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ einen Roman folgen, dessen Held, eben jener Karl Schmidt, in den Lehmann-Büchern keine ganz kleine Rolle spielt. Immerhin sind darin die achtziger Jahre passé. Der Schmidt-Roman ist in den Neunzigern angesiedelt, in der hohen Zeit von Rave und Techno (die schön kongeniale Verfilmung mit dem tollen Charly Hübner als Karl Schmidt ist gerade ins Kino gekommen).

Zentrale Schauplätze sind das Café Einfall und die ArschArt-Galerie

Insofern ist es keine Überraschung, dass das Figurenensemble von „Wiener Straße“ ein weitgehend bekanntes ist. Nicht nur Erwin Kächele und Herr Lehmann gehören zu den wichtigeren Figuren, auch Karl Schmidt hat einige Auftritte, und Marko, dem Taxifahrer, und H. R. Ledigt, einem weiteren Künstler und Schmidt-Konkurrenten, meint man gleichfalls schon begegnet zu sein.

Dazu kommen die Hausbesetzer der sogenannten Arsch-Art-Galerie. Leute wie P. Immel, der Chef vom „Janzen“, Kacki, sein Adjutant, der früher Karsten 1 war, nun nur noch Kacki heißt und nicht weiß, wie er das finden soll. Karsten 2, Karsten 3, Jürgen 1, Jürgen 2, Jürgen 3 und noch ein paar andere, darunter mit Kächeles Nichte Chrissie und deren Mutter gar zwei Frauen in dieser doch von Männern dominierten Szenewelt.

Einer der zentralen Schauplätze ist abermals das Café Einfall, Kächeles Kneipe, in realiter das Madonna, wo Frank Lehmann noch nicht Beck’s Bier ausgibt, sondern erstmal nur die Klos putzt. Zwischen der ArschArt-Galerie und dem Einfall wogt das Geschehen dieses Romans größtenteils hin und her, endend in einem großen Finale im Kunsthaus Artschlag, in welchem dann besagte Vernissage stattfindet, sich alle begegnen und Chateau Strunzinger aus dem Plastikbecher trinken.

Das Buch ist eine kabarettistische Nummernrevue

Was aber erzählt Sven Regener für eine Geschichte? Kann man überhaupt von einer solchen sprechen? Es sind vielmehr Szenen, die er aneinanderreiht. Wie schon „Kleiner Bruder“ erinnert „Wiener Straße“ an eine Nummernrevue, eine kabarettistische, die immer so weiter gehen könnte, wenn knapp 300 Buchseiten nicht das Format sprengen würden. Es geht um eine kaputte Kaffeemaschine im Einfall, eine uralte, antiquarisch wertvolle, und – nicht nur in dieser Szene – um das Zusammentreffen von zwei sehr verschiedenen Welten. Hier die eingesessenen „Ick-Koof-bei-Lehmann“-Berliner in persona von Handwerkern und Polizisten, dort die Kreuzberger Künstler, Möchtegernkünstler, Punks und Hausbesetzer.

Oder es geht um die weltbewegende Frage, wer in der ArschArt-Galerie das Sagen hat. Oder Regener schildert, wie die ArschArt-Jungs von einem Team des ZDF aufgesucht werden, angeführt von einem österreichischen Jungjournalisten. Ach ja, und im Einfall versucht man selbstgebackenen Kuchen zu verkaufen, P. Immel und Kacki haben Höhenangst, Erwin wird Vater und fühlt die Schwangerschaft seiner Freundin nach, in dem er einen künstlichen Schwangerschaftsbauch trägt. Solche Sachen, halt das aufregende Leben in den frühen achtziger Jahren zwischen Wiener und Ohlauer Straße.

Die Zeiten des alten West-Berlin scheinen auserzählt

Das ist mitunter schon komisch. Regener ist ein Meister des Dialogs, nicht minder ein Meister des schnodderigen, alltäglichen, nichtsdestotrotz kunstvollen Nebenherschreibens. Und Settings kann er bauen wie kein zweiter: die ArschArt- Jungs mit ihren orangenen Bauarbeiterhelmen und den weißen Overalls (wahlweise umgekehrt) auf dem Dach ihres Hauses meint man gestochen scharf vor sich zu sehen, das Einfall mit seiner Theke, seiner Kuchenglasecke und seinen Klos sowieso.

Doch diese Zeit, sie scheint gerade nach den vielen Erinnerungsbüchern der vergangenen Jahre – von Wolfgang Müllers „West-Berlin“ über „Die ersten Tage von Berlin“ oder „Berlin Heart Beats“ bis hin zu den Romanen von Regner selbst – inzwischen auserzählt. West-Berlin noir, die soundsovielte, nur in bunt und komisch. Und Regener macht keine Anstalten, dieser Zeit neue Facetten abzugewinnen. Vielleicht wollte er mit seinem historischen Roman noch einmal explizit zum Ausdruck bringen, wie klein diese Welt war, wie fern von allem, gerade in bestimmten Subkulturen. Aber so langsam könnte Sven Regener als Schriftsteller doch eine neue Platte auflegen. Ist jetzt mal gut, zumindest mit diesem Kreuzberg.

Sven Regener: Wiener Straße. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2017. 296 S., 22 €.

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