Neues Album von Bon Iver : Wenn Roboter weinen

Justin Vernon gelingt mit seinem dritten Bon-Iver-Album "22, A Million" ein futuristisches Folk-Soul-Meisterwerk.

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Bon Iver bei der Berliner Albumpräsentation. Justin Vernon (hinten) lässt sich ungern fotografieren.
Bon Iver bei der Berliner Albumpräsentation. Justin Vernon (hinten) lässt sich ungern fotografieren.Foto: Michelberger Hotel

Eine Reisewarnung für Griechenland kam kürzlich aus dem US-Bundesstaat Wisconsin: „Fahre nicht allein außerhalb der Saison auf die griechischen Inseln,“ sagte Justin Vernon Anfang September bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung seines neuen Bon-Iver-Albums. Er habe versucht, sich in dem Land selbst zu finden, was gründlich misslang. Richtig schlecht habe er sich dort gefühlt, so der 35-jährige Musiker.

Griechische Tourismusstrategen werden diese Negativwerbung verschmerzen können. Abgesehen von den von der Flüchtlingskrise betroffenen Inseln im Osten der Ägäis lagen die Besucherzahlen dieses Jahr deutlich über denen des letzten. Zudem betraf die Warnung des amerikanischen Reisenden ja nur die Off-Saison. Und höchstwahrscheinlich lag es gar nicht so sehr an Griechenland, sondern vor allem an ihm selbst, dass er sich dort schlecht fühlte. Kurz nach seiner Rückkehr lag er jedenfalls weinend in den Armen seines alten Freundes Trever Hagen, ausgebrannt und völlig fertig – da hatte sich wohl einiges angestaut.

Hagen beschreibt es in einem langen, einfühlsamen Text auf der Website von Justin Vernons musikalischem Hauptprojekt Bon Iver als „inneren Sturm, eine pathologische Angst“. Was war geschehen? Ein Traum war in Erfüllung gegangen und hatte sich in einen Albtraum verwandelt. Aus dem Jungen, der mit ein paar Kumpels eine Band gründete und von Jazz- Standards über Ska bis hin zu wilden Improvisationen alles Mögliche ausprobiert hatte, war ein Star geworden, der Grammys verliehen bekam und den Kollegen wie Kanye West oder James Blake zur Mitarbeit an ihren Alben einluden. Er tourte mit seiner Band um die Welt, gründete sein eigenes Festival im heimischen Eau Claire, hatte allerlei Nebenprojekte – und spürte den Druck, einen Nachfolger des herausragenden zweiten Bon-Iver-Albums von 2011 aufzunehmen.

Grollende Beats, wühlender Bass

Also fuhr er allein nach Griechenland. Dieses Prinzip des einsamen Rückzugs in schwerer Zeit hatte zu Beginn seiner Karriere schon einmal funktioniert: Nach der Trennung von Band und Freundin lebte Justin Vernon im Winter 2006/07 vier Monate lang in einer Holzhütte seines Vaters, erholte sich vom Pfeifferschen Drüsenfieber und arbeitete am ersten Bon-Iver-Album „For Emma, Forever Ago“, das er 2007 zunächst im Selbstverlag herausbrachte. Die darauf versammelten betörend schönen Folk-Songs brachten ihm viel Kritikerlob und zahlreiche Fans ein, was sich vier Jahre später mit dem zweiten Album noch einmal potenzierte.

Auch wenn die Rückzugsstrategie diesmal nicht richtig aufging, bekam Justin Vernon in Griechenland zumindest einen Anstoß: „Ich hatte ständig diesen Refrain im Kopf: ,This feeling might be over soon’“, sagte er bei der Albumvorstellung in Eau Claire, Wisconsin. Und diese Zeile hat es – verkürzt auf „It might be over soon“ – tatsächlich auf die neue Platte von Bon Iver geschafft. In einen quietschigen Micky-Mouse-Tonfall hochgepitcht eröffnet sie den ersten Song von „22, A Million“. Dazu ist ein gelooptes Vokalsample zu hören, das wie eine zum Gebet rufende Klangschale tönt und ein Ausschnitt aus Mahalia Jacksons Interpretation des Gospelsongs „How I Got Over“. Zusammen mit dem vervielfachten Gesang Vernons, seinen wenigen warmen E-Gitarren-Akzenten und einem kurz vorbeitänzelnden Saxofon entsteht eine Atmosphäre meditativer Nachdenklichkeit. Keine drei Minuten dauert diese feine Overtüre, die sogleich vom wütend-grollenden Beat und dem ultratief knurrenden Bass des zweiten Songs „10 dEAThbREast“ hinweggefegt wird. Bei der Live-Präsentation mit fünfköpfiger Besetzung im Hof des Berliner Michelberger Hotels am Mittwochabend wühlte sich diese Rhythmusspur, die auch gut auf Kanye Wests Aggro-Platte „Yeezus“ gepasst hätte, geradezu in die Mägen des Publikums. „Das ist total verrückt“, kommentierte ein hübscher Hipster den Song, der in Tat Bon Ivers größte bisher gemessene Entfernung von seinen zarten Singer-Songwriter-Anfängen darstellt.

Statt der überschaubaren Zahl von Instrumenten, die damals auf „For Emma, Forever Ago“ zu hören war, reizt Vernon jetzt die kompletten Möglichkeiten seines Studios aus. Die Gitarren hat er größtenteils gegen Synthesizer eingetauscht, Klaviere dürfen noch gelegentlich mittun, genau wie Banjos. Diese Entwicklung zu einem moderneren, technischeren Klangbild hatte schon auf dem Vorgängeralbum „Bon Iver“ begonnen. Nun dreht der die Knöpfe einfach noch ein Stückchen weiter, ohne sich dabei allerdings in Spielereien zu verlieren oder es zu übertreiben. Jeder Effekt, jedes Sample, jeder Streicher- und Bläsereinsatz in diesen zehn Liedern wirkt bewusst und klug gesetzt.

Größte Innerlichkeit durch extreme Künstlichkeit

Mehr denn je verzerrt, verdoppelt und zerkratzt Justin Vernon dabei seine Gesangsspuren, was den Eindruck von Verletzlichkeit seiner ohnehin hochemotionalen Musik noch verstärkt. Ähnlich wie James Blake, dem er ja bei dessen letztem Album behilflich war und das ergreifende Duett „I Need A Forest Fire“ sang, scheint er an einer Art futuristischem Soul-Ansatz zu arbeiten. Größte Innerlichkeit durch extreme Künstlichkeit. Auf die Spitze treibt er es in der Autotune-A-capella-Nummer „715 Creeks“, die so klingt, als weine ein liebeskranker Roboter sich am Flussufer die Augen aus dem Blechschädel. Absolut anrührend.

Einen angenehmen Kontrast dazu bilden Stücke wie „29# Strafford APTS“ oder das abschließende „00000 Million“, die eine fast normale Folkanmutung haben. Man fragt sich da: Was ist eigentlich aus Kollegen wie den Fleet Foxes und Grizzly Bear geworden? In diesen beiden Fällen sind auch die Texte nicht so enigmatisch wie auf dem Rest des Albums, dessen Cover von gezeichneten Symbolen übersät ist. Was die Zahlen und Sonderzeichen in den Songtiteln bedeuten, erklärt Trevor Hagen zumindest teilweise. Die 22 stehe für Justin Vernon. „Eine Zahl, die so oft in seinem Leben aufgetaucht ist, dass sie ein bedeutsames Muster ergeben hat“, schreibt er. Sie symbolisiere die Reflektion über seine Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Wobei die Million im Albumtitel diese Masse der anderen versinnbildliche.

Dass es auf dem Album überdies um seine Beziehung zu einem höheren Wesen geht, zeigen nicht nur die vielen Soul- und Gospelsamples. Mit „33 GOD“ gibt es auch einen Song, der direkt darauf verweist und das angebliche Sterbealter von Jesus im Titel trägt. Zudem ist er genau drei Minuten und 33 Sekunden lang. Ausgehend von einem einfachen Klaviermotiv, bäumt sich das Stück getrieben von einem wuchtigen Schlagzeug und mehreren Samples immer wieder auf, um mit der Frage „Why are you so far from saving me?“ aus Psalm 22 zu enden. Aber Rettung bringt nur die Musik selbst: Einer der stärksten Songs ist „666“, eine Teufelsaustreibung mit strahlender E-Gitarre und Falsettgesang. Großes Erlösungskino.

„22, A Million“ erscheint bei Jagjaguwar/Cargo. Live beim Michelberger Music Festival, Funkhaus Nalepastraße 1./2. Oktober ab 14 Uhr

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