Newcomer : Michael Kiwanuka: Unterwegs zu mir

Retro-Soul plus Folk: Der britische Songwriter Michael Kiwanuka und sein Debütalbum „Home Again“.

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Reisender Klangforscher. Der 25-jährige Musiker Michael Kiwanuka.
Reisender Klangforscher. Der 25-jährige Musiker Michael Kiwanuka.Foto: Sam Butt/Universal

Ein kleiner schwarzer Junge mit einem großen Gitarrenkoffer steigt in einen Londoner Bus. Ein älterer schwarzer Teenager hilft ihm und sagt überrascht: „Das ist eine Gitarre.“ „Yeah“, antwortet er, worauf der andere Junge entgegnet: „Ist das nicht eher etwas für weiße Kids?“

Michael Kiwanuka, der Junge mit der Gitarre, hat diese Anekdote dem englischen „Guardian“ erzählt, um zu zeigen, wie seltsam er sich als Teenager gefühlt hat. Rappen, Singen oder Beatboxen – das sind die standesgemäßen Ausdrucksformen für schwarze Jugendliche. An Nylonsaiten herumzuzupfen, ist für sie nicht vorgesehen. Wer es dennoch tut, ist ein Alien. Deshalb war es für den heute 25-jährigen Sohn ugandischer Einwanderer immens wichtig, dass er Jimi Hendrix entdeckte. Erst las er dessen Namen auf einem T-Shirt und dachte, es müsse sich um irgendeinen weißen Rockmusiker handeln. Doch dann sah Kiwanuka Hendrix in einer TV-Dokumentation. Der Fan von Gitarrenbands wie Nirvana, Radiohead oder Blur war begeistert: Endlich hatte er ein Vorbild mit der gleichen Hautfarbe.

Betörend sanfter Bariton

Von dieser Rock-Vergangenheit ist auf Michael Kiwanukas soeben erschienenem Debütalbum „Home Again“ allerdings nicht viel zu hören. Es dominieren Einflüsse, die später hinzukamen: Soul und Folk. Grandios eröffnet wird die Platte von der Single „Tell Me A Tale“, durch deren Intro eine Querflöte trillert. Ein jazziges Schlagzeug, ein Bass und ein Bläserriff kommen dazu, bevor sich der Song nach einer Minute komplett verwandelt. Ein Backbeat setzt ein, die Gitarre kommt nach vorn, und Kiwanuka singt sehnsuchtsvoll „Lord, I need loving, good, good loving“.

Das in Super 8-Optik gehaltene Video zu dem äußerst elegant arrangierten Stück entstand in Hamburg und Berlin. Man sieht, wie Kiwanuka über den Mauerpark-Flohmarkt schlendert, in eine BVG- U-Bahn einsteigt und in einem Café Gitarre spielt. „Wir haben das an einem freien Tag auf Tour gedreht. Es freut mich, dass ich den Song jetzt hier spielen kann“, sagt Michael Kiwanuka vor ein paar Wochen bei einem kleinen Showcase im Roten Salon der Volksbühne, wo er mit einer dreiköpfigen Band einen Einblick in „Home Again“ gibt. Und schon nach den ersten Zeilen ist jedem Zuhörer klar: Dieser kleine, vollbärtige Mann hat eine Ausnahmestimme. Mit seinem betörend sanften Bariton kann er das Publikum flächendeckend mit Gänsehaut überziehen und mit Ohrwürmern infizieren.

Das nächste große Retro-Ding

Dabei wollte der im Norden Londons aufgewachsene Musiker lange Zeit gar nicht singen. Er sah sich nur als Gitarrist, spielte in Cover-Bands und war später Session-Musiker. Außerdem studierte er eine Zeit lang Jazz an der Royal Academy of Music und Popular Music an der Westminster University. Als er erste Demoversionen eigener Stücke aufnahm, wollte er damit eigentlich andere Sänger gewinnen, weil er seine eigene Stimme nicht mochte. Doch dann bekam er so viel positives Feedback für das Material und sogar Konzerttermine, dass er sich dazu durchrang, selber zu singen.

Zusammen mit dem Produzenten Paul Butler nahm Kiwanuka drei EPs auf, die nun die Basis des Albums bilden. Sie sind einer der Gründe für den kleinen Vorabwirbel, der den Sänger seit Anfang des Jahres umtost. So wurde er bei der renommierten Newcomer-Umfrage der BBC auf den ersten Platz gewählt, trat in der TV-Show von Jools Holland auf und wurde Dritter bei den Brit Critics Choice Awards. Seither gilt er als das nächste große Retro-Ding.

Der Blues mit ihm

Von Kollegen wie Aloe Blacc oder Mayer Hawthorne, die ebenfalls dem Soul der späten Sechziger und frühen Siebziger nacheifern, hebt sich Kiwanuka durch die folkigen Elemente ab, die er mit der Gitarre hinzufügt. So erinnert das Picking zu Beginn der spirituell angehauchten Ballade „I’m Getting Ready“ stark an Leonard Cohen. Auch Kiwanukas Liebe zum Dylan-Sound lässt sich auf „Home Again“ erahnen. Im Vordergrund aber stehen die souligen Referenzen, allen voran zu Bill Withers. Dessen „I Don’t Know“ von 1972 covert Kiwanuka regelmäßig auf Konzerten. Im Roten Salon spielt er es als Zugabe – und es passt perfekt zu seinem Set, das auch an Al Green und Van Morrison erinnert.

Die zehn wieder von Paul Butler produzierten Stücke des Albums sind mit Streichern, Bläsern, Orgeln und Background- Chören reichhaltig, aber niemals übertrieben ausgestattet. Sie klingen fokussiert und gleichzeitig lässig, selbst Gospel- und Jazzanklänge wirken wie mit leichter Hand eingestreut. Die Platte strahlt eine herzerwärmende Stimmung aus, was in erster Linie an Kiwanukas Gesang liegt. Spätestens beim letzten Song, dem leidenschaftlich vorgetragenen „Worry Walds Bestie Me“, muss man ihm verfallen und den Blues mit ihm haben, um sich nach fünf Minuten – wie durch Zauberhand – wieder davon befreit zu fühlen.

„Home Again“ erscheint bei Universal. Konzert: 23.4., 21 Uhr, Postbahnhof Berlin

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