Nina Hagen : "Gott hat noch nicht fertig mit mir"

Singen, scherzen, Nebelkerzen werfen: Nina Hagen hat ihren "Personal Jesus" gefunden. Begegnung mit einer Erweckten.

von
Kreuz im Ohr. Nina Hagen hat sich letztes Jahr taufen lassen.
Kreuz im Ohr. Nina Hagen hat sich letztes Jahr taufen lassen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bisschen Angst ist schon dabei. Davor, dass die einstige Ufologin und Gurujüngerin wirr redet, dass sie den schrillen Talkshowschreck raushängen lässt, dass sie salbungsvoll christliche Phrasen drischt, dass sie die unergründliche Sphinx, die zickige Rockdiva, den ewigen Clown oder das kleine Mädchen gibt. Alles schon da gewesen, alles dokumentiert.

Bisschen Ehrfurcht ist auch dabei. Denn es ist Nina Hagen: Stimme, Selbstinszenierungsprofi, Rockröhre, Punklady, Freak, Fernsehstar, Gottsucherin, Achtziger-Queen, Ost-West-Ikone, Schauspielerin, Politaktivistin, Charitylady.

Die Exzentrikerin, die es mit ihrem durchgeknallten Gequatsche, ihrer mädchenhaft-nuttigen Aufmachung und ihrer Fernsehpräsenz allen viel zu leicht macht, die Augen zu verdrehen. Die Musikerin, die im Osten Kult war und dann Ende der Siebziger im Westen mit der Nina Hagen Band unglaublich freches Zeug auf Deutsch gesungen hat. Die Impulsgeberin des Rock und Punk, die in den neunziger und den nuller Jahren wenig originelle Musikstile durchdekliniert hat: von Swing bis Schlager, von Brecht/Weill bis Zarah Leander. Die Provokateurin, die bei jeder Gelegenheit Plakate gegen Atomwaffen oder Pelzzucht schwenkt und im Fernsehen zeigt, wie man onaniert. Kurz, die 55-jährige Frau, der es in 35 Jahren Sex, Drugs and Rock’n’Roll nie am Mut gefehlt hat, laut zu sein.

Sie kann aber auch, und das ist vielleicht der größte Schock, brav und zurückgenommen sein. Wie auf ihrem neuen Album „Personal Jesus“. Und wie im ARD-Hauptstadtstudio, wo sich die taschenbepackte Nina Hagen auf dem Weg vom Radiostudio ins Restaurant artig fürs Gitarretragen bedankt und schon mal erzählt, dass mit der CD ein Herzenswunsch in Erfüllung gehe und sie diese in ihrem Heimstudio in Los Angeles selbst produziert habe. Erst mal ohne Plattenvertrag.

Gut sieht sie aus. Die Dienstkleidung aus superhohen Lackstiefeln, Tütü, Mähne und Fächer sitzt, die Sprechstimme schwankt zwischen Rod Stewart, Pumuckl und Tom Waits. „Nina Hagen!“, kreischt jemand. Kaum sitzt sie, klopft schon ein Fan ans Fenster, die Wirtin bringt das Gästebuch. Wo Hagen ist, ist eine Welle. Und eine Mission.

Als Album hat sie diese Mission in 13 Gospels abgepackt, Spirituals, Traditionals und Country- oder Cajun-Songs, die traditionell arrangiert und mit Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug, Geige, Banjo oder Pedal Steel Guitar instrumentiert sind. Zusammen mit ihrer im März bei Pattloch erschienenen, von Bibelzitaten, Jesusliebe und Ausrufezeichen überquellenden Erleuchtungsbiografie „Bekenntnisse“ stellt sich die im letzten Jahr evangelisch getaufte Künstlerin damit als feurige Christin dar. Das sei sie übrigens schon immer gewesen, zumindest seit ihr mit 17 bei einem Nahtoderlebnis auf LSD Jesus in Ost-Berlin begegnete, mault Nina Hagen: „Ihr habt mir nur immer unterstellt, Hindu oder Buddhist zu sein.“

Zur Ehre Gottes hat sie neben dem allmählich totgecoverten Depeche-Mode- Hit „Personal Jesus“ und der Elvis-Presley-Nummer „Help me“ hier eher unbekannte Songs der Gospeltruppe Dixie Hummingbirds ausgegraben. Mal abgesehen vom rollenden Nina-Hagen-R, singt sie diese nur für Freunde amerikanischer Traditionals spannende Musik ohne jeden dramatischen Gestus. „Schnickschnack kann ich live machen“, sagt Hagen, „auf Platte bekommt jedes Lied nur, was es braucht.“ Auf eine neue, einzigartige Interpretation von „Personal Jesus“ kommt es ihr dabei nicht an. So denke sie nicht, sagt sie. „Ich gebe mein Bestes und sage dann: Herr, Dein Wille geschehe.“ Und überhaupt: Sie wolle einfach nur zu den Generationen von Menschen gehören, die Gott mit dieser Musik preisen.

Warum dann nicht ein deutsches Kirchenlied? Die liebe sie auch, sagt Hagen, trotzdem hat sich die meist in L. A. und gelegentlich in Berlin lebende Sängerin bei ihrem ersten Album mit christlichen Liedern für ihre große musikalische Liebe Amerika entschieden. Schon als junger Mensch in der DDR habe sie immer Teil von Amerika sein wollen, erzählt die Tochter von Eva-Maria Hagen und Stieftochter von Wolf Biermann. „Da hab ich im West-Fernsehen immer ‚New York, New York‘ gesehen und war begeistert.“

Anrührend und kein bisschen irre klingt und liest sich das, wenn sie von dem frechen, freiheitsliebenden Mädchen erzählt, das sie war. Der Blick schweift aus dem Fenster, der Wortschwall verebbt, die Medien-Persona kommt ihr abhanden, und zurück bleibt die mit Schminke gepanzerte und in Sekundenstille weich und ungeschützt wirkende Nina Hagen. Ein freundliches, ein bisschen verloren wirkendes Wesen.

Klar posaunt sie ihr Bekenntnis zum Christentum mit den Vuvuzelas von Jericho hinaus, womit nicht das Gospelalbum, sondern ihre öffentlichen Auftritte und eben die spirituelle Fibel „Bekenntnisse“ gemeint sind. Eine religiöse Gehirnwäsche hat sie trotzdem nicht erlitten. Missionieren auf Teufel komm raus und religiösen Fanatismus nennt sie Verbrechen gegen die Menschheit.

Die Hagen weiß immer noch genau, wo der Feind steht. Deshalb hat sie auch so lange mit der Taufe gewartet. „Ich dachte lange, das Christentum sei vom Bösen unterwandert.“ Wie bitte? „Ja, bei George W. Bush gab’s ein Todesurteil nach dem anderen, Folter und Krieg hat der gutgeheißen – das ist nicht christlich.“ Und was ist christlich? „Pazifist sein, die Schöpfung bewahren, nicht stehlen, für Demokratie kämpfen, sich selbst und andere respektieren, frei sein und lieben.“ Nicht mit Liebe zu geizen, ist überhaupt die Botschaft, die die neue alte Nina Hagen mit der Hilfe des Herrn als ihre ureigene erkannt hat. „Gott hat noch nicht fertig mit mir“, sagt sie, und dass sie erst am Beginn ihrer Karriere stehe. Eine Ankündigung, die ein bisschen Furcht auslöst, aber auch ein bisschen Ehrfurcht.

Nach Erzählen, Scherzen, Bramabarsieren, Singen, Liedtexte-Rezitieren, Nebelkerzen-Werfen und Klarheit-Schaffen ist die Zeit mit Nina Hagen um. Sie muss jetzt endlich ihren Obstsalat mit Joghurt essen. Was bleibt? Eine erstaunliche Künstlerin, die ihre Wahrheit zumindest fürs Erste gefunden hat, ein wunderliches Buch und eine mittelmäßige Platte. Zum Abschied sät die Sphinx noch einmal Verwirrung und ruft: „Sie haben doch verstanden, ja? Ich bin auch ein säkularer Mensch. Die Freiheit nehm ich mir.“ Noch eine mehr zu den vielen.

- „Personal Jesus“ kommt am 16. Juli bei Universal heraus. „Bekenntnisse“ ist im Plattloch Verlag erschienen (280 S., 18 €).

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben