Noel Gallagher : Bruder, du fehlst

Nach der Oasis-Trennung mach Noel Gallagher die bessere Figur als sein Krawallbruder Liam. Doch beim Konzert in der Berliner Max-Schmeling-Halle fühlt er sich sichtlich unwohl in der Rolle des Frontmanns. Macht nichts: Die Fans singen einfach selbst.

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Don't look back in anger. Noel Gallagher spielte in Berlin viele Oasis-Songs
Don't look back in anger. Noel Gallagher spielte in Berlin viele Oasis-SongsFoto: dpa

Das Wichtigste vorneweg: Noel Gallagher ist als Frontmann einer Rockband kein Ersatz für seinen Bruder Liam. Er ist ein mittelmäßiger Sänger mit kaum vorhandener Bühnenpräsenz, der in gitarristentypischer Schiefhaltung beinahe regungslos hinter dem Mikro verharrt. Von einer roh polternden Viermannband, die sich Noel Gallagher’s High Flying Birds nennt, lässt er sich durch die Songs schubsen. Noel wirkt schüchtern, auf eine Peter-Falk-artige Weise zerknittert, manchmal beinahe verzagt – aber auch, was Liam niemals war: sympathisch. Ein liebenswerter Schluffi, der erst nach einer Viertelstunde ein „Good Evening“ über die Lippen bringt. Das alles ist erkennbar nicht sein Ding. Nicht umsonst hat er in Interviews zugegeben, dass er sich am liebsten wieder mit Liam vertragen würde.

Als Performer hat Noel der lässig-aggressiven Arroganz seines jüngeren Bruders wenig entgegenzusetzen, aber dafür besitzt er einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil in der Post-Oasis-Phase: Er ist der mit Abstand bessere Songschreiber. Und als Autor fast aller Hits der erfolgreichsten britischen Band der neunziger Jahre steht es ihm zu, das Erbe zu verwalten. So werden die Stücke seines im vergangenen Herbst erschienenen Soloalbums zwar wohlwollend beklatscht, und einige von ihnen, etwa das bewährt beatleske „The Death Of You And Me“ oder das nach „Wonderwall“ klingende „If I Had A Gun ...“, lösen sogar Begeisterung aus.

Doch dass die Mehrzahl der vielleicht 5000 Zuschauer in der Max-Schmeling-Halle nicht ihretwegen gekommen ist, merkt man, als Gallagher nach einer halben Stunde endlich den ersten Oasis- Hit anstimmt: „Supersonic“ wird mit einem Aufschrei des Entzückens begrüßt, Noels tapferer Gesang geht im kollektiven Fan-Choral beinahe unter. Fast noch erstaunlicher ist, dass selbst apokryphe Oasis-Stücke wie die B-Seite „Talk Tonight“ oder „Little By Little“ aus dem wenig geliebten Album „Heathen Chemistry“ ähnlichen Enthusiasmus entfachen.

Bei Noel Gallaghers Solosachen gibt es auch Durchhänger: Songs wie „Freaky Teeth“ oder „(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine“ sind nicht nur kompositorisch zweite Wahl, sie leiden zudem unter der grobmotorischen Umsetzung, wobei sich besonders Schlagzeuger Jeremy Stacey als Prügelknabe hervortut. Andererseits zählen „AKA ... What A Life“ mit seinem nervösen Stone-Roses-Beat und das mit einem Kinks-Gedächtnis-Piano eingeleitete „Soldier Boys And Jesus Freaks“ zu den Höhepunkten des 90-minütigen Auftritts. Als Zugabe dann das komplette Fanbeglückungspaket: vier Mal Oasis. Im dritten Stück, „The Importance Of Being Idle“, bricht Gallaghers Gesang im Refrain weg. Völlig egal, denn bei „Don’t Look Back In Anger“ singt dann wirklich die ganze Halle jedes einzelne Wort mit. Die Songs von Oasis sind das Weltkulturerbe einer Generation. Bei Noel sind sie in guten Händen, aber der Phantomschmerz über das Ende dieser Ausnahmeband bleibt.

Auf der After-Show-Party in einem Club in Friedrichshain soll übrigens Noels Bruder Platten aufgelegt haben. Nicht Liam, sondern Paul, der Älteste der Gallagher-Gang. Vielleicht kann er ja zwischen den beiden vermitteln. Jörg Wunder

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