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NS-Debatte : Erwin Strittmatter: Das unbefragte Schweigen

20.02.2009 00:00 UhrVon Dirk Becker
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War mit 27 bei der Ordnungspolizei der SS. Erwin Strittmatter (1912 - 1994). Foto: p-a/dpa

Neue Erkenntnisse zu Erwin Strittmatters Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Zumindest eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Erwin Strittmatter war nie Mitglied der SS. Doch er wäre es gern geworden. Im vergangenen Sommer hatte sich der Literaturwissenschaftler Werner Liersch in einem ausführlichen Beitrag in der „FAS“ mit Erwin Strittmatters militärischer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg beschäftigt und die spätere Behauptung des DDR-Schriftstellers, er habe als Kompanieschreiber nur „Handlangerdienste“ übernommen, als selbst gestrickte Legende entlarvt.

Strittmatter, 1912 in Spremberg in der Niederlausitz geboren, war im März 1941 zur Ordnungspolizei eingezogen worden, die der Waffen-SS unterstellt war.

Liersch behauptet, dass Strittmatter durch die Einsätze seiner Einheit, dem SS-Polizei Gebirgsjäger Regiment 18, von Geiselerschießungen und Übergriffen auf die Zivilbevölkerung in Slowenien und Griechenland gewusst haben muss. In seiner für die SED geschönten Biografie verschwieg Strittmatter dies.

Eva Strittmatter, die Witwe des 1994 verstorbenen Schriftstellers, wollte in der Debatte die Deutungshoheit nicht dem Literaturwissenschaftler Liersch überlassen. Sie beauftragte den Historiker Bernd-Rainer Barth mit einem Gutachten. Am Mittwoch stellte Barth im Literaturforum im Berliner Brecht-Haus die Ergebnisse seiner Nachforschungen vor. Barth zeigt, dass Strittmatter, Autor von „Der Laden“, „Der Wundertäter“ und „Ole Biedenkopf“, stärker in die Verbrechen der militärischen Polizeieinheiten im Zweiten Weltkrieg verstrickt war, als es selbst Liersch vermutet hatte.

Barth fand heraus, dass Strittmatter sich Anfang 1940 als 27-Jähriger bei der Waffen-SS beworben hatte. Der Historiker begründet dies jedoch nicht mit Kriegsbegeisterung, sondern mit Strittmatters persönlicher Situation. „Der wollte nur raus“, so Barth. Strittmatter arbeitete im Chemiewerk der Thüringischen Zellwolle AG in Schwarza, lebte getrennt von seiner ersten Frau. Die Arbeit war gesundheitsschädigend, aber so kriegswichtig, dass der Facharbeiter Strittmatter als „unabkömmlich“ galt und vom Wehrdienst freigestellt war. Nur durch eine Aufnahme bei der Waffen-SS hätte Strittmatter, so Barth, dieser Situation entkommen können. Obwohl er den Eignungstest bestand, wurde Strittmatter nicht genommen. Daraufhin soll er einen Konflikt mit seinem Meister provoziert und den Status „unabkömmlich“ verloren haben. Anfang März 1941 wurde er zur Ordnungspolizei einberufen. Diese war zwar der Waffen-SS unterstellt, was aber nicht automatisch die SS-Mitgliedschaft nach sich zog.

Strittmatters Behauptung, er sei von Anfang an nur als Kompanieschreiber tätig gewesen und habe nie einen Schuss abgegeben, weist Barth zurück. „Die Schreibaufgaben waren höheren Dienstgraden vorbehalten.“ Dokumente weisen nach, dass Strittmatter zwei Spezialausbildungen im Partisanenkampf erhielt und in Slowenien und Griechenland eingesetzt wurde. So war Strittmatter ab August 1941 in der slowenischen Oberkrain stationiert und hier an der von Heinrich Himmler, dem Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei, angeordneten „Bandenbekämpfung“ beteiligt.

Von Ende Oktober bis Ende Dezember 1941 war Strittmatters Einheit in Krakau stationiert. Bernd-Rainer Barth geht davon aus, dass die Einheit hier mit der Bewachung des jüdischen Ghettos beauftragt war. Inwieweit Strittmatter an Kampfhandlungen oder gar Erschießungen beteiligt war, kann auch Barth nicht klären, da die Einsatztagebücher der Einheiten nicht erhalten sind.

Der Dortmunder Historiker Ralph Klein, der über die SS-Gebirgsjägereinheiten im Zweiten Weltkrieg forscht, findet hierzu klare Worte. Zwar lasse sich nicht belegen, dass Strittmatter selbst zur Waffe gegriffen habe. Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass die Soldaten in den Einheiten, die eine spezielle Infanterieausbildung erhielten, auch zu so genannten Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden. „Wobei der Begriff Partisanenbekämpfung irreführend ist“, sagt Klein. Es handelte sich um den Kampf gegen wehrlose Menschen. „Hier wurden hilflose Frauen und Kinder umgebracht, aber keine Partisanen.“

Die Frage, warum Strittmatter seine Kriegserlebnisse gegenüber der SED verschwieg, wird an diesem Abend gar nicht gestellt. Lieber spekuliert man darüber, warum in der DDR nicht nachgefragt wurde. Barth erklärt diese Zurückhaltung mit einer Art Schlussstrich-Politik ab 1948. „Es ging weniger um die Vergangenheit, ausgenommen natürlich Verbrechen. Was zählte, war die Loyalität zur Partei, zum neuen System.“ Hinzu kommt, dass aufgrund des überschaubaren Personals und fehlender Dokumente eine solche Überprüfung in größerem Umfang gar nicht möglich war.

Anders als Liersch, der behauptet, dass Strittmatter seinen Lesern nie etwas über seine militärische Vergangenheit offenbarte, findet Barth in dessen Werk zahlreiche Anspielungen. „In seiner Literatur hat er mehr verraten als gegenüber der SED.“ Barth ist sich sicher, dass Strittmatters Feldpostbriefe über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg Aufschluss geben könnten. Doch die Witwe Eva Strittmatter hat ihm bisher den Einblick verweigert.

Am kommenden Mittwoch setzen Liersch, der Historiker Jörg Friedrich und Irmtraud Gutschke, die Literaturredakteurin des „Neuen Deutschland“ die Diskussion auf einem Potsdamer Podium im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte fort.

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