Kultur : Östliches Hakenkreuz

Wolfgang Kaufmanns eindrucksvolle Studie über das „Dritte Reich“ und Tibet

Hannes Schwenger

Es mag eine Fußnote zur Geschichte und Ideologie des „Dritten Reiches“ sein – aber mit fast tausend Seiten eine der längsten und skurrilsten: Wolfgang Kaufmanns Studie über Tibet als vermeintliche „Heimat des östlichen Hakenkreuzes“. Peter Brandt, ältester Sohn Willy Brandts und Historiker an der Universität Hagen, hat sie als Dissertation mit Bestnote angenommen und wünscht ihr „gebührende Aufmerksamkeit“ als künftiges Standardwerk. Mit Recht, denn Kaufmann geht der deutschen Tibet-Begeisterung bis in den letzten Winkel nach: Sein materialreicher Querschnitt durch Wahn und Wirklichkeit nationalsozialistischer Politik zeichnet ein plastisches Bild von Großmachtambitionen, ideologischen Widersprüchen, Rassenwahn und Wissenschaftskarrierismus im Staat Hitlers und Himmlers.

Der oberste Dienstherr der SS war mit seiner Stiftung „Ahnenerbe“ wichtigster Patron der deutschen Bemühungen um die Erforschung und politische Einbindung des Landes auf dem „Dach der Welt“. Himmlers Chef-Tibetologe Ernst Schäfer hielt Tibet für ein „Rückzugsgebiet uralter arischer Völkerstämme“, während Hitlers Chef-Ideologe Arthur Rosenberg Tibet als Beispiel einer nichtarischen „entarteten“ Priesterherrschaft bezeichnete. Hitler selbst zeigte eher Abneigung gegen die lamaistische Führung, trotz zweier von Himmlers Leuten beschafften Grußbotschaften des tibetischen Regenten an den „deutschen König Herrn Hitler“. Er hat sie nicht einmal beantwortet.

Eine deutsche Expedition unter Himmlers Schützling Schäfer hatte das Land kurz vor Kriegsausbruch erkundet und dabei außer rassekundlichen auch kartografische, pflanzen- und tierkundliche Daten und Proben gesammelt, die später als „kriegswichtig“ etikettiert werden konnten. So versuchte die SS, aus tibetischen Pflanzen winterhartes Getreide und für die Ostfront widerstandsfähige tibetische Pferde nachzuzüchten. Politisch kriegswichtig erschien die deutsche Tibet-Mission erst mit dem Kriegseintritt Englands, das den Zugang nach Tibet weitgehend kontrollierte, und im Hinblick auf den wachsenden Einfluss Japans, das trotz der „Achse Tokio-Berlin“ dort bereits als künftiger Konkurrent Deutschlands um die Weltherrschaft beargwöhnt wurde.

Wie Herrenmenschen hatten sich allerdings auch die Deutschen in Tibet geriert, die gelegentlich ihre Sherpas schlugen, tibetische Mädchen zu Aktfotos nötigten und nach dem Genuss tibetischen Biers ein „dreifaches Zicke-zacke-hei- hei-hei“ ausbrachten. Ihre Forscherkarrieren konnten die Herren auch nach dem Krieg zumeist als „minderbelastet“ oder „Mitläufer“ fortsetzen, nur einer wurde wegen seiner Mitwirkungen an Mordselektionen zu drei Jahren Haft verurteilt. Ex-Sturmbannführer Ernst Schäfer gab sich gar als Verfolgter der Nazis aus und lehrte als Zoologie-Professor in Caracas, bevor er als Kustos der Naturkunde am Niedersächsischen Landesmuseum nach Deutschland zurückkehrte.

Wolfgang Kaufmann: Das Dritte Reich und Tibet. Die Heimat des „östlichen Hakenkreuzes“ im Blickfeld der Nationalsozialisten. Ludwigsfelder Verlagshaus, Ludwigsfelde 2010. 962 Seiten, 49,80 Euro.

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