Oliver Reese wird Intendant am BE : Berliner Ensemble: Klausel für das Geisterhaus

Neustart am Berliner Ensemble: Oliver Reese wird 2017 Claus Peymanns Nachfolger. Er will aus dem Haus eine Autorenbühne machen. Und vor guter Unterhaltung hat er auch keine Scheu.

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Guten Morgen, Berlin. Oliver Reese (links) und Kulturstaatssekretär Tim Renner (rechts) im Roten Rathaus mit dem Intendantenvertrag.
Guten Morgen, Berlin. Oliver Reese (links) und Kulturstaatssekretär Tim Renner (rechts) im Roten Rathaus mit dem...Foto: dpa

Die Woche fängt gut an. Montagmorgen um halb zehn im Roten Rathaus gratuliert Klaus Wowereit seinem Kulturstaatssekretär Tim Renner zum 50. Geburtstag. Renner hat in Barcelona gefeiert, während sein scheidender Chef und Kultursenator sich auf hauptstädtischen Bühnen feiern ließ, vom Tipi bis zur Komischen Oper. Gratulation auch für den Dramatiker Moritz Rinke, der Vater geworden ist. Von ihm wird noch die Rede sein.

Aus dem Berliner Ensemble schickt Claus Peymann zwei Stunden später wieder mal Rekordzahlen für die ersten drei Monate der Spielzeit. Und dieses: „Der kleine Claus und der große Klaus (oder umgekehrt?) sind übereingekommen, den bis 2016 laufenden Vertrag von Claus Peymann um eine Spielzeit – bis Juli 2017 zu verlängern. Der Rest ist Schweigen.“

Jetzt ist es amtlich. Wir werden uns vom Theaterdirektor Claus Peymann, 77, verabschieden müssen, der die Vorstellung seines Nachfolgers dem Regierenden Bürgermeister überlässt und naturgemäß nicht anwesend ist beim Rathaustermin. Sofern man sich das überhaupt vorstellen kann, einen Nachfolger für Peymann, der seit 1999 in seiner Burg an der Spree sitzt. Der Mann, der das Übernatürliche vollbringen soll, heißt Oliver Reese und ist so alt wie der Kulturstaatssekretär, der ihn gefunden hat auf einem ziemlich leer gefegten Intendantenmarkt. Das BE ist schließlich nicht irgendein Haus. Die Kandidaten drängen sich nicht auf.

Auch Luc Bondy, 66, war im Gespräch, es gab überdies ein Thomas-Oberender-Gerücht. Aber jetzt doch Reese. Wenn man kurz nachdenkt, ist das eine naheliegende Lösung. Oliver Reese kennt Berlin, er ist jung genug noch, und er hat Erfahrung. Er war 15 Jahre hier in leitenden Funktionen erfolgreich, als Chefdramaturg bei Bernd Wilms am Maxim Gorki Theater – und dann gingen die beiden ans Deutsche Theater, wo Dimiter Gotscheff und Jürgen Gosch damals unvergessliche Inszenierungen gelangen. 2009 übernahm Reese das dümpelnde Schauspiel in Frankfurt am Main, das seitdem wieder läuft.

Auf Reese konnte man also tippen, hätte er nicht kürzlich seinen Vertrag in Frankfurt bis 2019 verlängert. Wie passt das zusammen? Der Intendant hatte eine einseitige Ausstiegsklausel vereinbart, so wie Spitzenspieler bei Borussia Dortmund, damit die nach München gehen können, wenn’s beliebt. Berlin ist nicht nur in der deutschsprachigen Theaterwelt das, was der FC Bayern im Fußball ist, nur sympathischer, rauer. Hier wollen alle hin – oder zurück.

Reese bekommt fürs BE einen Fünfjahresvertrag, bis 2022, und er hat einen Plan. Er will ein „Theater der Gegenwart“, was nur durch ein „Theater der Autoren“ zu erreichen sei, und zwar im internationalen Rahmen. Reese will umsteuern: „Es fehlen die neuen Stücke für die große Bühne“, es gehe im Theater schon lange viel zu sehr allein um Regisseure und ihren mehr oder weniger originellen Zugriff auf bestens bekanntes Repertoire. Berlin sei ein Brennpunkt, sagt Reese, für eine solche Stadt und eine solche Bühne könne und müsse man Dramatiker begeistern. Auch Autoren überreden, die noch nie fürs Theater geschrieben haben. Er nennt den Filmemacher Oskar Roehler, der durch einen tollen Roman aufgefallen ist, „Quellen des Lebens“. Wenn man ein „kraftvolles Protagonistenensemble“ habe, funktioniere das mit den neuen Texten, und die Leute gehen ins Theater wie in einen spannenden neuen Film. Da fällt der Name Constanze Beckers, jener Schauspielerin, deren Abgang vom DT nach Frankfurt so schmerzte.

Zeitgenossen vor – mit zwei Ausnahmen. Die selbstverständlich Bertolt Brecht und Heiner Müller heißen. Die wollen sie auch weiterhin pflegen. Wobei bei Peymann wenig Müller war und, bei Licht besehen, auch nicht wirklich ein zeitgenössisch befragter Brecht. Letzter wichtiger Punkt bei Reese: Nichts gegen gute Unterhaltung! Der Schiffbauerdamm habe seit der 1928 uraufgeführten „Dreigroschenoper“ von Brecht und Kurt Weill eine Tradition von Entertainment und Musiktheater, bis hin zu Robert Wilson, der im kommenden Frühjahr mit Goethes „Faust“ Premiere hat am BE.

Autoren. Unterhaltung. Nun kommt, einigermaßen überraschend, Moritz Rinke ins Spiel. Rinke, der 2017 fünfzig wird, soll der neuen Theaterleitung als Berater angehören, Stoffe finden, Autoren animieren und weiter Stücke schreiben. Reese hat am Schauspiel Frankfurt die Uraufführung von Rinkes bislang letztem Stück inszeniert, „Wir lieben und wissen nichts“, eine Komödie. Rinke kann sich keine bessere Bühne für Dramatiker vorstellen als das BE – nicht trotz, sondern wegen der „mächtigen Hausgeister“, neben Brecht und Müller auch Handke, Schleef, Tabori. Nicht zu vergessen Rolf Hochhuth, der mit seinen komplizierten Immobilienansprüchen selbst einen Peymann nachhaltig nervte, den „kleinen Claus“.

Was der wohl mit seiner Bemerkung „Der Rest ist Schweigen“ meint? Ist das das Maximum der Wertschätzung, das er für Reese und Rinke aufbringt? Was soll man aber auch machen? Wenn es schon so wenig Holz gibt, aus dem man Intendanten schnitzt, und wenn man auch noch einen Matthias Lilienthal nach München ziehen lässt, an die Kammerspiele – dann gibt es noch weniger Dramatiker, die sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt hätten. Reeses Befund ist korrekt. Autoren brauchen Pflege, und die Theater müssen ihren „Uraufführungswahn“ aufgeben, wie der künftige BE-Chef fordert. Also auch mal etwas nachspielen, entwickeln, nicht gleich wegwerfen.

Schon richtig, dass Reese sich von Anfang an um klares Profil bemüht, selbst wenn er das nachher nicht durchhalten kann: eigentlich keine Klassiker zu spielen. Ein Theater in Berlin braucht eine klare Ansage. Das zeigt auch gerade wieder das Beispiel Maxim Gorki Theater. Und es könnte vor allem dem Deutschen Theater wehtun, wenn es gelingt, das „Theater der Autoren“ am BE durchzusetzen. Schließlich hat DT-Intendant Ulrich Khuon „Autorentheatertage“ gegründet. Zeitgenossen sind auch sein Ziel.

Und was ist mit den Geistern? Die Reese-Lösung ist nicht frei von Risiko, birgt aber auch gewisse Kontinuitäten. Er wird das Publikum am BE nicht verschrecken. Nun sind also die Fünfzigjährigen dran, aus gesicherten Stadt- und Staatstheaterfahrwassern kommend. Es wird Zeit. Übrigens darf man das mit der Geschichte und Tradition an diesem „intimen großen Haus“ (Reese) nicht allzu ernst nehmen. In den späten Zwanzigern feierte Brecht hier seinen Musical-Triumph, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Theater am Schiffbauerdamm, ehe Helene Weigel und ihr Bertolt das Kommando übernahmen, mit Sachen wie „Bezauberndes Fräulein“, „Glücksfee“, und „Höllenparade“ wiedereröffnet.

Die erste Premiere im August 1945 war „Die spanische Fliege“ von Arnold und Bach. Mit dieser brachialen Verwechslungskomödie hat Herbert Fritsch 2011 die Volksbühne aus dem Schlaf geholt. Dort steht die nächste Personalentscheidung an. Intendant Frank Castorf wird wohl in die Verlängerung gehen, vermutlich länger als Peymann. Dafür hat der „große Klaus“, wenn er es nicht seinen Nachfolger Michael Müller machen lässt, noch eine gute Woche Zeit.

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