"Originale" an der Staatsoper : Ein Hauch von Wirklichkeit

Wer nach dem tieferen Sinn sucht, ist selber schuld: Mit Stockhausens "Originale" startet das Staatsoperfestival "Infektion" und empfängt den Zuschauer mit einem Feuerwerk von Klängen, Bildern und Ideen.

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Szene aus Stockhausens "Originale".
Von Stockhausen wurde nur eine Zeitachse vorgegeben. In der Staatsoper werden sie mit nostalgischen und gleichzeitig aktuellen...Foto: Vincent Stefan/promo

Fluxus in den sechziger Jahren, das war Charlotte Moorman, die barbusig im Plastikbeutel Cello spielte, Yoko Ono mit ihren Vokalexplosionen, Nam Yune Paik, der Klaviere zerhackte, oder John Cage, der bedächtig Gongs in weiße oder rote Plastikeimer versenkte. Die allgemeine Empörung über den scheinbar sinnentleerten Angriff auf das Kunstwerk war groß. Karlheinz Stockhausens Musiktheater „Originale“ musste auf Betreiben der Kölner Stadtväter 1961 vom Spielplan abgesetzt werden, auch drei Jahre später in New York machte es Skandal.

Als das Stück nun zur Eröffnung des Staatsopernfestivals „Infektion“ unter dem Motto „Fluxus reloaded“ von einer bunten Truppe um Regisseur Georg Schütky wiederbelebt wird, ist den Zuschauern nur das helle Vergnügen ins Gesicht geschrieben angesichts eines Feuerwerks an Ideen, Klängen, Bildern, trivialen und hochkulturellen Texten. Sinn macht sich hier jeder selbst – gerade darin ist das Publikum Teil der Aufführung. Auf den Uraufführungsregisseur Carlheinz Caspari geht die Idee zurück, das Zuschauerpodium in der Mitte der Schillertheater-Werkstatt mit riesigen, leicht zitternden Zerrspiegeln zu umgeben. So wird auch das Problem gelöst, das ganze Geschehen des rundum bespielten Raumes sichtbar zu machen.

Hochaktuelle Nostalgie: Don Carlos meets Facebook

Musikalische Grundlage sind Stockhausens „Kontakte“ für Klavier (Adrian Heger), Schlagzeug (Ni Fan) und Elektronik – ein sperriges Stück, das am Mischpult neue Farben gewinnt und als aufgenommene Bandschleife aufgeregte Zäsuren setzt. Jeder in diesem „Theater“ bleibt hier er selbst – als Regisseur ruft Georg Schütky Kommandos und unterbricht, Dirigent Max Renne winkt dem tätowierten Drehorgelspieler immer wieder ab, der die Avantgarde-Partitur ironisch kontrastiert. Ein gänzlich anderes musikalisches Element bringen auch die „Aktionsmusiker“ der Band „Antinational Ambassy“ ein, die sich sonst in Kreuzberg um Flüchtlinge kümmern. Nachdem sie vermummt ihre Gitarren maschinengewehrgleich auf das Publikum gerichtet haben, geht es um freundliche Latino-Revolution – ein fiktiver Einbruch von Wirklichkeit, wie er zum Fluxus-Programm passt.

Ni Fan in einer Szene von "Originale".
Das Schlagzeug in einem ungewohnten Umfeld. Ni Fan in einer Szene von "Originale".Foto: Vincent Stefan/ promo

Nostalgisch und aktuell zugleich auch die gesprochenen Texte. Nachdem Schauspielerin Irm Hermann ihren Vogel „Hansi“ im Käfig herumtrug, weint sie über ihre eigenen gebrochenen Flügel, gibt danach ihre realen Twitternachrichten über ihre Terminnöte wieder. Eine Puppenspielerin spricht einen Jelinek-Text zum weiblichen Körper – wer ist nun perfekt, die Puppe oder sie? Schillers „Don Carlos“ und Sophokles’ „Antigone“ mischen sich mit Facebook-Postings über verlorene Handys. Stockhausen hat für die Inhalte nur eine Zeitachse vorgegeben. So lassen sich die Texte ständig aktualisieren, und jede Aufführung wird anders – ein „Original“ eben.

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