Ozzy Osbourne und Co. live in Berlin : Black Sabbath: Paranoid in der Waldbühne

Auf ihrer Abschiedstournee gaben Black Sabbath ein kraftvolles Konzert in der ausverkaufen Berliner Waldbühne.

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Black Sabbath-Sänger Ozzy Osbourne
Black Sabbath-Sänger Ozzy OsbourneFoto: dpa

Was man für den besten Beruf der Welt hält, hängt vom persönlichen Naturell ab. Vielleicht Schokoladentester, Surflehrer, Blumenzüchter, was auch immer. Aber für einen durchtrainierten Mann von Mitte 30 mit gutem Rhythmusgefühl und einem Hang zur Selbstdarstellung kann es eigentlich nichts Erstrebenswerteres geben, als Drummer bei Black Sabbath zu sein. Tommy Clufetos hat schon für Hardrock-Größen wie Ted Nugent, Alice Cooper und Rob Zombie gespielt, doch so einen Auftritt wie hier bekommt der 36-jährige Amerikaner nirgendwo sonst.

Eine gute Stunde lang hat die dienstälteste Heavy-Metal-Band der Welt die über 20000 Zuschauer in der seit Wochen ausverkauften Waldbühne gefügig gerockt, dann darf Clufetos am Ende von „Rat Salad“ loslegen: Fast zehn Minuten lang prügelt er wie ein Holzfäller mit motorischem Tourette-Syndrom auf seine Schlagzeugbatterie ein und bringt das Publikum immer wieder zu einem anschwellendem Raunen, das sich in begeistertem Applaus entlädt. Er muss sich dabei fühlen wie ein Gott.

Nur leider hat dieser tollste aller Jobs eine geringe Restlaufzeit: Black Sabbath sind auf Abschiedsreise, bislang sind bis Dezember Termine für die „The End“-Tournee gebucht. Aber ein attraktives – er sieht aus wie der gut gebaute Hauptdarsteller eines Sandalenfilms – Bühnentier wie Clufetos wird sich um eine Anschlussbeschäftigung kaum Sorgen machen müssen.

Es mag historisch ungerecht sein, dass dem eigentlichen und langjährigen Sabbath-Drummer Bill Ward von seinen Ex-Kollegen Ozzy Osbourne, Tony Iommi und Geezer Butler nicht mehr genug Wettkampfhärte für eindreiviertel Stunden Metal-Show attestiert wurde. Doch genau diese kleine Hartherzigkeit ist es, die die Veranstaltung davor bewahrt, eine reine Nostalgienummer zu werden. Die drei Originale bringen 201 Lebensjahre auf die Bühne, weshalb eine wohldosierte Injektion jugendlichen Tatendrangs für die richtige Balance sorgt.

Ozzy Osbourne wirkt wie ein verwirrter aber agiler Altersheimbewohner

Besonders bei Osbourne korrespondiert das reale Lebensalter schon seit Langem nicht mehr mit dem gefühlten. Sicher hat der Sänger schon schlechter ausgesehen, hatte Phasen, die er nur durch Glück und ein gütiges Schicksal überlebt hat, aber: Der einst wegen seiner berüchtigten Bühnenshow (der legendäre Fledermausbiss war aber ein Missverständnis: Ozzy dachte, sie wäre aus Gummi) mit dem Ehrentitel „Madman“ Bedachte strahlt heute die Gefährlichkeit eines leicht verwirrten und noch recht agilen Altersheimbewohners aus, der seinen Pflegern beim Ausflug in die Stadt abhanden gekommen ist.

Freundlich scherzt er mit dem Publikum rum, zieht Grinsegrimassen, macht zum bleischweren Riffrock den Mitklatsch-Hampelmann, freut sich über „Ozzy Ozzy“-Sprechchöre und benetzt sein wallendes Haar mit einem Schwamm aus einem Putzeimer. Ab und zu, wenn seine Kollegen ein schnelleres Tempo anschlagen, verfällt er in ein wieseliges Getrippel, bei dem man Angst bekommt, dass der Schwung ihm die Füße wegreißen könnte.

"War Pigs" und "Iron Man" erschallt aus 20.000 Kehlen

Doch egal: Ozzy Osbourne mag nicht der fitteste 67-Jährige in einem von Berufsjugendlichen im Rentneralter geprägten Rock-Biz sein, aber er ist immer noch ein ziemlich grandioser Sänger. Seine Stimme hat nicht mehr ganz das majestätische Volumen, das vor Jahrzehnten in den erstaunlich melodiösen Songs dieser mit granitener Härte auftrumpfenden Band die Grundlage für den Erfolg legte. Aber diesen krächzigen, kehligen Ozzy-Tonfall, der die von Tod, Krieg, Teufeln, Pest und Cholera handelnden Refrains so unvergesslich macht, den bekommt er immer noch punktgenau hin. Wobei er natürlich auch weiß, dass die Choräle von „War Pigs“ oder „Iron Man“ aus 20.000 Kehlen noch imposanter klingen und er dem textfesten Publikum galant den Vortritt lässt.

Black Sabbath setzen ganz auf ihre alten Hits

Dass die Zeichen bei Black Sabbath auf Abschied stehen, belegt schon die Setlist: Obwohl man 2013 mit dem von Fans und Kritik gefeierten Album „13“ ein beeindruckendes Comeback hatte, ist keiner der 14 Songs an diesem Abend jünger als 40 Jahre. Hier wird Karrierebilanz gezogen, und da haben die Stücke von legendären Platten wie „Paranoid“ (sechs), „Masters of Reality“ (drei) und dem Debüt „Black Sabbath“ (drei) eben doch ein ganz anderes Gewicht. Und es ist natürlich ein Geschenk an die Fans, die zum Teil viele hundert Kilometer aus allen Himmelsrichtungen angereist sind und nun nicht nur mit prachtvollem Sommerabendwetter in fantastischer Kulisse, sondern auch mit ihren absoluten Lieblingsstücken belohnt werden. Orkanartigen Jubel bricht los, wenn beim allerersten Iommi-Riff ewige Metal-Favoriten wie „Fairies Wear Boots“, „Snowblind“ oder „N.I.B.“ (mit sagenhaftem Fuzz-Bass-Solo von Geezer Butler) erkannt werden?

Als Zugabe gibt es natürlich "Paranoid"

Zutätowierte Kuttenhünen werfen sich vor Überschwang die Literbierbecher um die Ohren, nachgewachsene Jungfans springen in staubaufwirbelnden Mikro-Moshpits vor der Bühne herum. Wie wichtig diese Band für folgende Musikergenerationen war, erkennt man etwa an „Children Of The Grave“ aus dem Jahr 1971, aus dessen komplexer Riffstruktur eine Metal-Kultband wie Iron Maiden ihre halbe Karriere gebaut zu haben scheint.

Als Zugabe gibt es – Ozzy kündigt es mit einem „now we are going crazy“ an – natürlich „Paranoid“, den einzigen echten Single-Hit dieser immer in einer größeren Perspektive wirkmächtigen Band. Tony Iommi schleudert ein letztes Riffgewitter ins Waldbühnenrund, Geezer Butler flummifingert über die Basssaiten, der junge Herr Clufetos drischt drauflos wie der Chefpaukist des Jüngsten Gerichts. Ein paar Ausgewählte werden noch eines der Plektren habhaft, die Iommi und Butler in die tosende Menge pfeffern, die ersten Reihen bekommen einen Schwall Wasser aus Ozzys Erfrischungseimerchen ab, und dann gehen alle mit einem seligen Lächeln heim. Dass böse Musik so glücklich machen kann, gehört zu den schönsten Paradoxien der Popkultur.

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