„Paradies“ von Andrei Konchalovsky : Ordnung muss sein

Persönliche Entscheidung, politische Folgen: Andrei Konchalovskys Film „Paradies“ erzählt von drei Schicksalen während der NS-Zeit.

Anke Westphal
Vergangene Friedenszeiten. Prinz Kamenski (Evgeny Ratkov, links), Olga (Julia Vysotskaya) und Helmut (Christian Clauss) in der Toskana.
Vergangene Friedenszeiten. Prinz Kamenski (Evgeny Ratkov, links), Olga (Julia Vysotskaya) und Helmut (Christian Clauss) in der...Foto: Alpenrepublik

Drei Menschen erzählen ihre Geschichte. Dabei sitzen sie in einem kargen Raum an einem Holztisch und blicken ihrem Gegenüber offen ins Gesicht. Eine Kamera läuft mit, sie bleibt unsichtbar, aber ihre Präsenz ist unverkennbar: Manchmal bricht der Ton plötzlich ab, das Bild surrt ins Aus – die Zelluloidrolle ist an ihr Ende gelangt. Offenbar handelt es sich um eine recht offizielle Situation, die hier dokumentiert wird – schon vor etlicher Zeit. Doch warum teilen sich diese Leute so ausführlich mit? Wer ist ihr Gegenüber? Ein Regisseur? Ein Journalist? Ein Richter? Das erfährt der Zuschauer von Andrei Konchalovskys „Paradies“ erst ganz am Ende – und ist mehr als verblüfft.

Olga Kaminskaja zum Beispiel: Die adlige Exilrussin war Redakteurin bei der französischen „Vogue“, bevor sie 1942 verhaftet wird, weil sie jüdische Kinder vor der Gestapo versteckte. Nun sitzt Olga (großartig: Julia Vysotskaya) einem französischen Polizeibeamten gegenüber, der auch vor Folterung nicht zurückschreckt. Jules Michaud (Philippe Duquesne) kollaboriert mit den Nazis, erscheint während seines Berichts am Holztisch aber vor allem als leutseliger Patriarch, der seine Frau liebt und Waldspaziergänge mit Sohn und Hund unternimmt. Auch Helmut von Axenberg (Christian Clauß) wirkt nicht wie ein Monster, obwohl der deutsche Adelige gleich 1933 der NSDAP beitrat, weil er hoffte, dass Deutschland endlich aus dem Chaos des Liberalismus gerettet werde. Verzweifelt, etwa angesichts von zwölfjährigen Prostituierten, so erzählt er, galt seine Sehnsucht einer reinen und starken Nation.

Ambivalente Beziehung zwischen Täter und Opfer

„Paradies“ ist zunächst ein Film über persönliche Entscheidungen, die politische Folgen zeitigen – und als solcher geht er heute jeden an. Es geht aber auch um die Ähnlichkeit scheinbar gegensätzlicher Ideologien – und um Eliten. Der idealistische Faschist Helmut untersucht im Auftrag Hitlers und Himmlers Korruptionsvorfälle in Konzentrationslagern; zwar wird dort massenhaft gemordet, aber Ordnung muss dennoch sein. In einem der KZs – offenbar Auschwitz – begegnet der SS-Offizier der Gefangenen Olga. Sie kennen einander von einem Urlaubsflirt, und er nimmt sie als Haushälterin in seinen Bungalow mit.

Die ambivalente Beziehung zwischen Täter und Opfer dürfte jeden Zuschauer beschäftigen. Jene Szene, in denen Helmut der Russin seinen Amateurfilm mit Aufnahmen des damaligen Toskana-Aufenthalts zeigt, zählt irritierenderweise zu den bewegendsten in „Paradies“. Die jeunesse dorée noch im Status der Unschuld – was danach geschah, weiß man. Die kurze Sequenz dürfte mit den vielen Horrorszenen aus dem KZ-Alltag, Bildern von Toten, von Brillen-, Kleider- und Kofferbergen im Magazin eigentlich gar nicht konkurrieren. Aber sie tut es – auch weil dieser scheinbar unbeschreibliche KZ-Alltag längst Kinomaterial geworden ist. Während der Vorbereitungen zu „Paradies“ arbeitete sich das Team durch mehrere hundert Stunden Filmdokumente aus russischen, deutschen, französischen und amerikanischen Archiven.

Konchalovskys Film weist noch eine andere Schwierigkeit auf: Sein Versuch, Klischees in der Darstellung zu umgehen, läuft auf eben solche hinaus. Gewiss treffen wir in Helmut einmal mehr auf den Prototyp des sensiblen, Klavier spielenden und die – russische! – Literatur liebenden Nazis; in Olga einmal mehr auf die selbstlose Frau; in Jules auf den Familienvater, der nur seine Pflicht tut. Dennoch weist „Paradies“ über diese Beschränktheit hinaus, indem er Bedeutung in den jeweiligen individuellen Entscheidungen produziert – und das mitunter schockartig visualisiert. So sehen wir Helmut von Axenberg dabei zu, wie er das Gut seiner Vorfahren verkauft, die Kleider der Mutter verschenkt, den Verbleib der Möbel regelt. Und plötzlich: Axenberg im Spiegel, in SS-Uniform. Am Ende erklärt er: „Wir bauten ein Paradies für unser Volk, ein deutsches Paradies auf Erden“. Wenn er in Russland aufgewachsen wäre, gesteht er, wäre er wohl Kommunist. Er bewundere Stalin, der ebenfalls ein Paradies auf Erden schaffen wolle.

Das Zentrum bildet Olga Kaminskaja

Über drei Jahre erstreckt sich die Handlung, von der bevorstehenden Niederlage der Deutschen vor Stalingrad bis zum Vorrücken der Alliierten. Den Rhythmus setzt die pseudodokumentarische Situation der bekenntnishaften Lebenserzählungen vor dem mysteriösen Gegenüber. Deren Ziel heißt: Erlösung – die schwarzweißen Bilder (Kamera: Alexander Simonov) verweisen nicht nur ästhetisch auf eine Überhöhung.

Das Zentrum bildet indes Olga Kaminskaja, über deren Weg von der mondänen Lebefrau zur Märtyrerin für die Verfolgten man sich leicht mokieren kann. Aber Konchalovsky hat seinen Film all jenen russischen Adligen gewidmet, die als Mitglieder der Résistance ihr Leben gaben. Gewiss lässt sich in dem Werk des 79-jährigen gebürtigen Moskauers auch in der Schlusspointe, die hier nicht verraten werden soll, die Retraditionalisierung nicht absprechen. Aber der Zuschauer ist aufgerufen, die Belastbarkeit seiner eigenen Menschlichkeit zu prüfen – in Zeiten noch ohne Zivilisationsbruch.

Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, Yorck, OmU: Babylon Mitte, fsk, Krokodil, Zukunft

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