Peter Kurzeck und sein Romanfragment "Bis er kommt" : Schreiben und bleiben

Muss immer weitergehen: Peter Kurzecks Romanfragment „Bis er kommt“, der sechste Teil seiner großen Chronik über „Das alte Jahrhundert“.

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Den Kampf mit der Zeit konnte er nur schwer gewinnen. Der Schriftsteller Peter Kurzeck, 1943–2013.
Den Kampf mit der Zeit konnte er nur schwer gewinnen. Der Schriftsteller Peter Kurzeck, 1943–2013.Foto: Erika Schmied/Verlag

Als Peter Kurzeck Mitte der neunziger Jahre mit seiner autobiografischen Chronik „Das alte Jahrhundert“ begann, erwähnte er gleich auf den ersten Seiten von „Übers Eis“, dem ersten Teil dieser Chronik, dass er an einem Buch über das Dorf seiner Kindheit sitze, über Staufenberg im Kreis Gießen: „Ich schrieb jeden Tag. Ich schrieb, um zu bleiben. Damit ich bei mir selbst und auf der Welt bleiben kann alle Tage!“

Gut 20 Jahre später kann man nun in dem inzwischen sechsten Chronik-Teil „Bis er kommt“ lesen, abermals auf den ersten Seiten, dass Kurzeck ein Buch über das Dorf seiner Kindheit schreibe und das erste Kapitel so gut wie fertig sei: „Sobald das erste Kapitel fertig ist, kommt mir vor, dass ich es ohne dieses erste Kapitel nicht mehr lang ausgehalten hätte auf der Welt. (...) Das erste Kapitel und dann kannst du nicht aufhören. Gleich weiter mit dem Manuskript!“

Das Buch über Staufenberg ist dann 1988 unter dem Titel „Kein Frühling“ erschienen. Doch in der Chronik selbst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, da scheint Kurzeck es tatsächlich geschafft zu haben, durch das unermüdliche Schreiben, die Uhr anzuhalten, gar zurückzudrehen, die Zeit aufzuheben – immer wieder schreibt er in den einzelnen Bänden an „Im Frühling“, seine Tochter Carina ist seit eh und je viereinhalb Jahre alt, stetig ist er mit ihr unterwegs zum Kinderladen, lebt er seit neun Jahren mit Sibylle zusammen. Kein Wunder, dass ihm sein gerade zurückliegender 40. Geburtstag gleichermaßen „wie eine Ewigkeit“ und „wie eben erst“ vorkommt.

„Sind die heutigen Sätze noch da? Inzwischen noch besser geworden? Und ein paar neue dazu?“

„Bis er kommt“, dieses erste Buch aus dem Nachlass von Kurzeck, spielt im Herbst 1983 und damit kurz vor der Trennung von Sibylle, die der Ausgangspunkt des sich bis in die frühen Monate des Jahres 1984 erstreckenden Chronik-Prologs „Übers Eis“ ist. Kurzeck hat nie vorgehabt, über die Jahre 83/84 hinauszuschreiben, nicht in dem monumentalen Chronik-Band „Vorabend“, mit dem er 2011 endlich einem größeren Publikum bekannt und sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Und nicht in den vier, fünf Bänden, die sein Verlag als „Das-alte-Jahrhundert“-Fragmente noch folgen lassen will. 1983 ist der zeitliche Zentralisationspunkt dieses großen Erinnerungswerkes, der Punkt, von dem Kurzeck die Zeit in die Breite erzählt. Und von dem es quasi in Zickzacklinien oder konzentrischen Kreisen zurückgeht in die Jahrzehnte, oft endend in der Kindheit im hessischen Stauffenberg, wohin es ihn, der 1943 im böhmischen Tachau geboren wurde, als Dreijährigen mit der Mutter und der älteren Schwester verschlagen und wo er mit Unterbrechungen bis zu seinem 34. Lebensjahr gelebt hat.

An „Bis er kommt“ schrieb Kurzeck bis kurz vor seinem Tod im November 2013. Schon in einem Frankfurter Krankenhaus liegend, übergab er die fertigen Kapitel zusammen mit zahlreichen Notizen in Heften, Briefumschlägen und auf losen Zetteln den Mitarbeitern des Stroemfeld Verlags. Seine Lektoren Rudi Deuble und Alexander Losse haben nun die Notizen, Entwürfe und Dokumente zu dem Roman an die 17 mutmaßlich fertigen Kapitel gehängt, was einen genauen Einblick in Kurzecks Schreibwerkstatt verschafft. Kurzecks Schreiben, Umschreiben, Neuschreiben und auch Überschreiben als obsessiv zu bezeichnen ist schon milde ausgedrückt, das zeigen allein die Notizen auf Rechnungen, Teebeutelpapier oder Kassenbons. Auf seine Schreibobsession kommt Kurzeck immer wieder zurück, auch in „Bis er kommt“: auf seine „zitternden Zettel“, auf seine Notizen, die nicht verloren gehen dürfen, in die Manuskripte eingearbeitet werden müssen, auf seine ständige Unruhe, wieder an den Tisch zu können („Sind die heutigen Sätze noch da? Inzwischen noch besser geworden? Und ein paar neue dazu?“), natürlich auf das Problem, dass ihm immer wieder die Zeit davonläuft: „Wie es raschelt das Laub. Umso schneller musst Du hier im Wind gehen. Gegen den Wind. Und jeden Tag weiter anschreiben gegen die Zeit. Sind die ersten Sätze noch da? Pfützen, eine Verkehrsampel. Im Buch auch die meiste Zeit Herbst. Schreib weiter! Schreib schneller!“

Manche Kapitelpassagen haben etwas von Wimmelbildern, die Kurzeck malt, mit schnellem Strich.

Und ist es nicht nur die Zeit, die ihm davonläuft, die ihn antreibt, die ihm das Atmen erschwert, sondern überhaupt scheint ihm die (eigentlich kleine) Frankfurter Welt, in der er lebt, viel zu groß und vielgestaltig, um sie in ihrer ganzen Größe und Vielgestaltigkeit abbilden zu können. Zumal dieser Gegenwart nur allzu oft die Erinnerungen in die Quere kommen, an Reisen nach Paris oder Südfrankreich, an die Kindheit, an Staufenberg, an die Samstagsspaziergänge der Hausfrauen dort, über die er in „Kein Frühling“ schreiben will.

Manche Kapitelpassagen haben etwas von Wimmelbildern, die Kurzeck malt, mit schnellem Strich. Will bei ihm heißen: in Form von Aufzählungen. Einmal sagt er sich, dass er nie hätte „aufhören sollen zu malen“ und versucht dann, alles ins Bild zu bekommen: „Der Abfall. Baugruben. Erdlöcher, ein Kellereingang, ein Fundament, das noch steht. Ein zerbröckelndes Fundament. Die Lichter. Noch eine Stehpizzeria, drei Imbissbuden. Ein orientalischer Obstladen. Obst, Lebensmittel, Konserven, Flaschenbier, Zigaretten. Und er wohnt mit der ganzen Familie da und macht einfach nicht zu.“

Selbst wenn Kurzeck ins Erzählen kommt, werden seine Sätze nicht viel länger. Seine Prosa ist voller Aufzählungen, Kurz- und Kürzestsätze und Ellipsen, die seine Atemlosigkeit, seinen Kampf gegen die Vergänglichkeit wunderbar illustrieren und die mit den vielen Wiederholungen, den vielen repetitiven Satzschleifen den so typischen, kraftvollen, auch widerständigen, oft nicht leicht zu konsumierenden Kurzeck-Sound ausmachen.

„Bis er kommt“ ist, wie alle anderen Bände des „Alten Jahrhunderts“, natürlich eine autobiografische Selbstentblößung, ähnlich die eines Karl Ove Knausgård mit „Min Kamp“ oder die eines Andreas Maier mit seiner Ortsumgehung, allerdings formvollendeter, stilistisch radikaler, musikalischer; ein Buch über das Leben, Leiden und Schreiben eines erfolglosen, zum Schreiben verdammten Schriftstellers, ein Buch, das erzählte Gegenwart und die Vergangenheit verquirlt, das etwa nicht nur von seinen Schreibfortschritten an „Kein Frühling“ handelt, sondern selbst zum Thema wird. „Im Buch immer Herbst“, so Kurzeck, der diesen Satz im neuen Jahrtausend schreibt, irgendwann ab Januar 2012, als er „Bis er kommt“ niederzuschreiben begann.  

"Bis er kommt" ist ein detailgetreues Abbild der bundesrepublikanischen achtziger Jahre in Frankfurt am Main

Dieses Romanfragment ist aber auch ein detailgetreues Abbild der bundesrepublikanischen achtziger Jahre, so wie sie sich Kurzeck in den Straßen Frankfurts mit all ihren Pennern, türkischen und italienischen Einwanderern (oder „Gastarbeitern“, wie sie früher hießen) gezeigt hat. Von Nostalgie, wie sie ihm nach der Veröffentlichung von „Vorabend“ hie und da vorgeworfen wurde, der Verklärung alter, vermeintlich besserer Zeiten, ist hier keine Spur. Nur Wirklichkeitswahrnehmung und -bewahrung.

Und gäbe es diese Anrufe nicht auch schon in anderen Bänden, müsste man sagen, dass „Bis er kommt“ ein Leitmotiv hat: Jürgens Anrufe aus Südfrankreich, weil er gerade von Pascale verlassen worden ist – das Paar ist eng befreundet mit Kurzeck und Sibylle und Kurzeck-Lesern gut bekannt. Jürgen ist verzweifelt, weiß nicht, ob Pascale wiederkommt, ob er nun bleiben oder nach Frankfurt zurückkommen soll. Das wird er nicht, laut Kurzeck sollte der Roman mit seiner Vorstellung von Jürgens Ankunft enden, „in seinen alten Stiefeln, die genau noch bis Ffm. gereicht haben“, von der realen Ankunft wollte er schließlich in „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ erzählen, dem siebten Teil der Chronik.

Tatsächlich unterscheiden sich die nachgereichten Notizen, in denen es mehrere Hinweise auf das Ende gibt, inhaltlich nur wenig von dem, was man in den fertigen Kapiteln schon gelesen hat. Die vielen Verweise auf das „Sommerbuch“ oder das „Oktoberbuch“ zeigen allerdings, wie Kurzeck hier noch nicht fertig und dort schon wieder woanders war.

Ein Ende aber gab es: den Tod von Jürgen 1997. Kurzeck hielt die Trauerrede auf seinen Freund, die die Herausgeber mit in den Band aufgenommen haben. „Ich glaube nicht an den Tod und an die Vergänglichkeit“, hat er da gesagt und mit den Worten „Keiner stirbt“ seine Rede beendet, so wie ein anderer Roman von ihm heißt. Die Erinnerung, davon war der Erinnerungskünstler Kurzeck fest überzeugt, wird immer über den Tod siegen. Und so lebt auch Peter Kurzeck noch, zumindest so lange seine Bücher weiter gelesen werden.

Peter Kurzeck: Bis er kommt. Das alte Jahrhundert 6. Roman. Stroemfeld Verlag, Frankfurt/Main 2015. 383 Seiten, 24, 80 €

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