Kultur : Pfeifen auf dem ersten Loch

Star des Southern Gothic: William Gay und sein Debütroman „Ruhe nirgends“

von

Die Erde in Tennessee muss einem Schweizer Käse gleichen – so viele Löcher gibt es in den Romanen von William Gay. In „Nächtliche Vorkommnisse“, letztes Jahr auf Deutsch erschienen, findet ein soziopathischer Killer sein verdientes Ende in einem symbolträchtigen Abgrund, der „Nadelöhr“ genannt wird, und auch in „Ruhe nirgends“ begegnet man so einem Höllenschacht.

Der Anfang des Romans erzählt seine Entstehung: 1933 tut sich auf dem Land eines Schwarzbrenners die Erde auf, mit einem „dumpfen Wummern“, als hätte jemand Dynamit gezündet. Es stinkt bedeutungsvoll nach Schwefel. Kurz darauf nimmt ein Fremder den Platz des Schwarzbrenners ein: Dallas Hardin reißt all den Besitz des Mannes an sich, sogar dessen Frau und Tochter. Zehn Jahre lang beherrscht Hardin wie der sprichwörtliche Leibhaftige mit „gelben Ziegenaugen“ das Land. Richter und Sheriffs werden geschmiert, Konkurrenten die Häuser abgefackelt. Als ein Nachbar Hardin zur Rede stellt, weil er entdeckt, dass auf seinem Grundstück heimlich Hardins Whisky lagert, wird er von Hardin erschossen und – in dem Loch entsorgt.

Morbide Übertreibungen und exzessive Gewaltszenen sind bei William Gay die Regel, und nicht ohne Grund bezeichnet sich Stephen King als Fan dieses Autors. „Ruhe nirgends“ ist Gays dritter Roman, der auf Deutsch erscheint, und zugleich sein Debüt: Mit ihm wurde der bis dahin als Schreiner und Maler in den Wäldern von Tennessee lebende Gay 1999 in den USA zum Star der Southern-Gothic-Literatur. Kein Wunder: Gays kraftvolle Sprache wirkt mit ihren kantigen Sätzen wie mit dem Beil zugerichtet. Seine Bilder wuchern gern exzentrisch aus, etwa wenn es heißt: „Seine Wirbelsäule war so krumm, als hätte Gott der Allmächtige persönlich Metall aufgeheizt, bis man es biegen konnte, und es ganz nach seinem Gutdünken neu geformt.“ Zwischendurch stolpert man über Fremdworte wie „Gyroskop“ oder „stygische Pforte“, und natürlich ruft immer irgendwo ein Ziegenmelker.

Der Wiedererkennungswert ist bei dem 67-jährigen William Gay hoch, seine Romane spielen alle in der Mitte des 20. Jahrhunderts im ländlichen Süden der USA. Die Welt trägt hier ebenso alttestamentarische wie märchenhafte Züge. Junge Männer müssen in ihr ihre Reifeprüfung ablegen, indem sie sich dem Bösen stellen.

In Gays Erstling heißt der Held Nathan Winer – der Sohn des von Hardin ermordeten und ins Loch geworfenen Nachbarn. Winer glaubt anders als seine Mutter fest daran, dass sein Vater die Familie vor zehn Jahren nicht einfach so im Stich gelassen hat. Auf der Suche nach Arbeit landet er ausgerechnet bei Hardin, der einen Zimmermann braucht, um sein florierendes Bordell zu erweitern. Beinahe entsteht zwischen dem ehrlichen jungen Mann und dem Mörder seines Vaters so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis, besser gesagt die Travestie eines solchen.

„Das Leben ist hart, Winer“, sagt Hardin. „Und man muss selber hart werden, damit man es meistert. Es ist wie ein Blackjackspiel, bei dem das Leben gibt, und der Geber ist immer im Vorteil. Klar? Du musst dir selbst einen Vorteil verschaffen.“ Mit diesen Worten schenkt Hardin in einer dostojewskiwürdigen Szene dem Jungen das Messer seines Vaters. Hardin will es vor Jahren am Wegrand gefunden haben – ein Beweis dafür, dass sich Nathans Vater doch aus dem Staub gemacht hat? Zum Konflikt kommt es, als Nathan sich in Amber Rose verliebt – Hardins „Stieftochter“, deren Jungfräulichkeit Hardin eines Tages an den Meistbietenden versteigern will. Nathan nennt das Mädchen Briar Rose, Dornröschen – das passt, muss er doch wie ein Prinz im Märchen dem dunklen König die schöne Tochter rauben.

William Gay: Ruhe nirgends. Roman.

Aus dem Englischen von Joachim Körber. Arche Verlag, Zürich, Hamburg 2010.

352 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben