Kultur : "Planwerk Innenstadt": Was zusammengehört

Bernhard Schulz

Den "Baron Haussmann Berlins" hat man ihn geschmäht und auf seine vermeintliche Machtfülle gezielt. Aber wer auch nur in Umrissen mit der Biografie des Pariser Präfekten vertraut ist, weiß um die geringe Treffsicherheit dieses Vergleichs zwischen einem autoritären Regime des 19. Jahrhunderts und der Gremien- und Konsensdemokratie unserer Tage. Vielleicht wäre Hans Stimmann gerne der Haussmann Berlins gewesen, zumindest was die Entscheidungsbefugnisse anlangt - damals, vor knapp zehn Jahren, als er sich auf dem Höhepunkt des Investorenrausches freimütig, wie es die Art des gebürtigen Lübeckers ist, einen "mächtigen Mann" nannte. Nicht zuletzt wegen dieses Bekenntnisses wurde er zum Buhmann der Berliner Baupolitik und zur Zielscheibe all derjenigen, die mit ihren Projekten nicht zum Zuge kamen. Man muss die anfangs der neunziger Jahre in die Welt gesetzten (Investoren-)Ideen nur einmal Revue passieren lassen, um dankbar zu erkennen, was dieser Stadt erspart geblieben ist - ehe der Niedergang des Immobilienbooms von sich aus für den notwendigen Realismus bei den "Projektentwicklern" sorgte.

Gleichwohl blieb Unbehagen über das bisweilen hemdsärmelige Vorgehen des damaligen und - seit der neuen großen Koalition Anfang 2000 - erneuten Senatsbaudirektors zurück. Die Entscheidungen der Nachwende-Wildwestzeit waren nicht immer die besten; aber sie waren wohl der unvermeidliche Tribut an eine historische Umbruchphase. Als Stimmann beim Koalitionsschacher 1996 seinen Posten für die CDU-Kandidatin Barbara Jakubeit räumen musste und ins Ressort Stadtentwicklung wechselte, sahen ihn seine Gegner bereits im Aus.

Aus dem Sandkasten

Doch Stimmann nutzte die Chance, den Gesamtzusammenhang der Stadtgestalt in den Blick zu nehmen. Genau daran hatte es in den fünf Jahren zuvor gemangelt - und mangeln müssen, weil die unselige Trennung der Senatsverwaltung in eine für Bau-und Wohnungswesen und eine andere für Stadtentwicklung (von der dritten, derjenigen für Verkehr, ganz zu schweigen) ein koordiniertes Vorgehen ausschloss. Unter Stimmanns Ägide entstand im Jahr 1996, anfangs als Sandkastenspiel belächelt, das "Planwerk Innenstadt". Als es dann im November 1996 vorlag - im darauffolgenden Februar präzisiert in einer ausführlichen Denkschrift -, wurde auch Skeptikern bewusst, dass hier jenseits herkömmlicher Flächennutzungspläne und überhaupt erstmals seit Jahrzehnten ein fundierter Vorschlag für die Entwicklung der Innenstadt Berlins, genauer gesagt der beiden Innenstädte sowohl in der historischen Mitte als auch im Westen zur Diskussion gestellt wurde. Mit der förmlichen Verabschiedung des - wenn auch auf Druck mancher Lobbys zurechtgestutzten - Planwerks durch den Senat am 18. Mai 1999 erlangte das Papier eine durchaus reelle Gestaltungschance.

Was wollte, was will das Planwerk Innenstadt? Es will - Punkt eins der Zielvorgaben - eine "Neuformulierung der Berliner Identität" befördern. Die "Aneignung der wiedervereinigten Gesamtstadt Berlin als Stadt aller Berliner, als Hauptstadt aller Deutschen und als europäische Metropole" sei "bisher nicht vollzogen". Das Planwerk zielt auf "den Abbau der nach wie vor deutlich spürbaren Ost-West-Konfrontation und der überholten Identitäten von City Ost und City West". Die Hoffnung ruht auf einem "ganzheitlichen städtebaulichen Konzept".

Es macht nach wie vor Staunen, dass in den einsetzenden, heftigen Diskussionen über Stimmanns Regelwerk für die Ergänzung und Verdichtung der vielfach zerfransten Stadt eine derart einleuchtende Zielsetzung für das wiedervereinte, aber noch nicht zusammengewachsene Berlin immer wieder von Detailerörterungen verdrängt worden ist. Soll die sibirienweite Straßenschneise zwischen Potsdamer und Alexanderplatz verengt werden? Darf die Hochhausbebauung des Fischerkietzes durch Ergänzungsbauten gefasst werden? Aber auch: Soll der Hardenbergplatz von Bauten gerahmt werden, statt sich im Grün des Zoologischen Gartens zu verlieren? Das war die Ebene der Diskussionen. Den verbindenden Gedanken, dass Berlin städtebaulich zusammengeführt werden müsse, um als eine gemeinsame Stadt erlebbar zu werden und nicht als Konglomerat von Teilstädten, diesen Ansatz verloren die Kombattanten in aller Regel aus den Augen.

Es geht bis auf den heutigen Tag unverändert darum, auf die Herausforderung der Rolle Berlins als Hauptstadt des vereinten Deutschland eine städtebauliche Antwort zu finden. Je weiter die Erfüllung des hauptstädtischen Raumbedarfs, insbesondere in Gestalt umgenutzter oder neu errichteter Regierungsbauten, voranschreitet, desto sichtbarer werden die Defizite am urbanen Gewebe, das diese Einzelbauten zu einem identifizierbaren Ganzen zusammenbindet. Das Planwerk Innenstadt mag vielleicht nicht ausreichend sein, ein derart anspruchsvolles Ziel zu erreichen, und in vielen Einzelvorschlägen auch die Detailwut von Planern zeigen, die noch dem zufälligsten Straßenpassanten Wegführung und Blickrichtung vorschreiben wollen. Aber solche partiellen Mängel diskreditieren nicht den ganzheitlichen Ansatz.

Die Gretchenfrage aller Stadtplanung indessen ist diejenige nach dem Investor, der die Vorgaben auch umsetzt. Unter diesem Blickwinkel ist dem Planwerk bislang wenig Erfolg beschieden gewesen. Hier nun ist der Blick auf einen weiteren, tiefer liegenden Ansatz des Planwerkes geboten. Auf nichts Geringeres zielte Stimmann als auf eine Neuorganisation des Städtebaus, auf ein zeitgemäßes "Stadtmanagement". Der in der Wolle gefärbte Sozialdemokrat hat die alte Bodenwirtschaftsdebatte seiner Partei nie aus den Augen verloren - freilich ohne die ideologischen Scheuklappen linker Debattierzirkel. Durchaus im Geiste seines großen Vorgängers Martin Wagner, des Berliner Stadtbaurats der zwanziger Jahre, zielt Stimmann auf einen Städtebau, der sich durch die Steuerung von Grundstücksangeboten selbst finanziert. Die erhebliche Verdichtung, die dem Planwerk von den Freunden einer durchgrünten "Stadt"-Landschaft ebenso zum Vorwurf gemacht wurde wie von den Verfechtern der "autogerechten Stadt", hat ihren pragmatischen Grund in dieser Verknüpfung von Infrastrukturmaßnahmen und privater Finanzierung.

Politik ohne Geld

Nur dann, wenn die öffentliche Hand unbebauten Grund freimacht - beispielsweise aus aufgegebenen Verkehrsflächen -, kann sie Bauherren zur Übernahme der notwendigen Erschließungsmaßnahmen gewinnen. Ansonsten müsste die Stadt ihre Grundstücke mit viel Geld selbst zur Baureife entwickeln - Geld, das Berlin weder jetzt noch in Zukunft aufbringen kann. Nimmt man dafür den Begriff der public-private partnership, wird deutlich, dass sich Stadtplaner und Investoren heutzutage so fern nicht stehen.

Es hat seinen Witz, wenn ein neu-linker Verächter das Planwerk als "Manifest" von "staatstragend und wertkonservativ gewendeten Achtundsechzigern" schmäht. Natürlich ist es - aus solcher Perspektive - kompromisslerisch. Es kann gar nicht anders sein in einer Gesellschaft, die unter dem Signum der "Bürgergesellschaft" den Staat zu beschneiden zumindest beabsichtigt, während sie auf der anderen Seite den Erwerb und die Verfügungsgewalt über Privateigentum zum Maß aller Dinge erklärt. Wer die Architektursprache der Friedrichstraße beklagt, darf dieses Dilemma nicht ausblenden. Stimmanns Planwerk versucht demgegenüber die Quadratur des Kreises: nämlich Stadt als langfristiges Lebensumfeld zu planen, wo doch die kurzfristigen und punktuellen Interessen der Investoren am längeren Hebel des Geldes sitzen.

Hans Stimmann liebte stets das Wort vom "Leitbild der europäischen Stadt". Das ist ein gewiss unscharfer Begriff. Er wirkt mehr über die Emotionen, die er weckt, als über konkrete Bilder, die er den Planern vor Augen stellt. Insofern trifft es zu, dem "Planwerk Innenstadt" einen konservativen Grundton nachzusagen: das Ziel nämlich, Berlin auch im 21. Jahrhundert als eine Stadt in der reichen Tradition Europas zu erhalten.

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