Poesiefestival Berlin : Irgendwann Liebe

Ben Lerner macht sich in seinem Essay "Warum hassen wir Lyrik?" an die Ehrenrettung der Dichtkunst. Ein Ausblick auf das 17. Poesiefestival Berlin.

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Der Sieger. Rajih al-Hamidani beim Finale von „Million’s Poet“ im Al-Raha Theater von Abu Dhabi am 17. Mai.
Der Sieger. Rajih al-Hamidani beim Finale von „Million’s Poet“ im Al-Raha Theater von Abu Dhabi am 17. Mai.Foto: Marwan Naamani/AFP

Es muss nicht immer Hass sein. Mit Gleichgültigkeit und Verachtung ist die abendländische Dichtkunst schon genug gestraft. Wenn aber von Hass die Rede ist, wie es der New Yorker Lyriker und Erzähler Ben Lerner in seinem Essay „Warum hassen wir die Lyrik?“ tut (in der Übersetzung von Nikolaus Stingl soeben als E-Book bei Rowohlt Rotation für 2,99 € erschienen), dann ist es nicht nur derjenige, der ihm in Form von aus Ahnungslosigkeit genährtem Unverständnis entgegenschlägt. Es ist auch derjenige, der ihn an seine eigene Profession fesselt.

„The Hatred of Poetry“ erzählt von einer Erziehung des poetischen Gefühls, in der die Zwietracht von Anfang an zu Hause ist. Schon als Neuntklässler in Topeka, Kansas, nahm sich Lerner mit Marianne Moores im Laufe eines lebenslangen Revisionskampfes auf drei Zeilen heruntergekürzten Gedichts „Dichtung“ einen Text zum Auswendiglernen vor, der mit dem verräterischen Bekenntnis eröffnet: „Ich mag sie auch nicht.“ Moore bekommt dann, absichtlich ungelenk, gerade noch einmal die Kurve: „Liest man sie jedoch mit vollkommener Verachtung für sie, entdeckt man in / ihr am Ende doch einen Ort für das Echte.“

Mit einer Ehrenrettung der Poesie durch eine „Ehrenrettung ihrer Denunzierung“ hält es auch Lerner, dem „die Dialektik eines Berufs, der zwar unmöglich, deswegen aber nicht weniger unentbehrlich ist“, in Fleisch und Blut übergegangen ist. Im Namen aller Lyrikhasser – „ich gehöre selbst zu ihnen“ – appelliert er daran, die Verachtung zu vervollkommnen und sie sogar auf Gedichte zu richten, „wo sie sich nicht vertiefen und verflüchtigen wird, und wo sie, indem sie einen Platz für Möglichkeit und vorhandenes Nichtvorhandenes schafft, irgendwann vielleicht Liebe ähnelt“.

Keine andere Kunst hadert so sehr mit sich wie die Lyrik

Ben Lerner geriet wie viele junge Dichter schnell in ein Spannungsfeld von Ablehnung und Rechtfertigung, das die Debatten über Sinn und Aufgabe von Lyrik bis heute prägt. Es gibt keine andere Kunst, die so sehr mit sich hadern würde und daraus einen entscheidenden Teil ihrer Kraft bezieht. Gerade einige der Größten haben immer wieder Plädoyers für die Notwendigkeit der Dichtung gehalten: der irische Nobelpreisträger Seamus Heaney in seinen Oxforder Vorlesungen „The Redress of Poetry“, der polnische Lyriker Adam Zagajewski in seinen Essays „Verteidigung der Leidenschaft“ oder jüngst Michael Krüger in seiner Münchner Rede „Das Ungeplante zulassen – Eine Verteidigung des Poetischen“.

Einst, nachdem Lerner Platons „Staat“ gelesen hatte, jenen – hochgradig dichterischen – Dialog, der die nachahmende Kunst der Dichter aus dem idealen Staatswesen verbannen will, sah er sich schon als künftigen Revolutionär: Wer der Poesie eine derart schädliche Wirkung nachsage, glaubte er, verhelfe ihr automatisch zu einer politischen Rolle.

Der Gedichte-Hass rückt die Lyrik auf negative Weise ins Ideal

„Warum hassen wir die Lyrik?“ schlägt den Bogen zurück zu Philipp Sidneys 1595 erschienener „Defence of Poesy“, befleißigt sich aber einer Volte, die noch jenseits der elisabethanischen Welt lag: „ ,Dichtung‘ ist ein Wort für eine Art von Wert, den kein bestimmtes Gedicht realisieren kann – den Wert von Menschen, den Wert eines menschlichen Tuns jenseits der Scheidung von Arbeit und Müßiggang, ein Wert vor oder jenseits aller Bezifferung. Gedichte zu hassen kann daher entweder eine Art sein, auf negative Weise Lyrik als Ideal auszudrücken (...), oder aber eine wütende Abwehr der bloßen Andeutung, dass eine andere Welt, ein anderer Wertmaßstab möglich ist.“ Das Ideal liegt dabei in einer Transzendenz, die, einmal festgehalten, doch immer wieder im Irdischen steckenbleiben muss.

Man kann darin die Spuren von Percy Bysshe Shelleys 1821 in Anlehnung an Sidney verfasster „Defence of Poetry“ entdecken, die noch vor wenigen Jahren den Philosophen Richard Rorty dazu brachte, mit ihrer Hilfe die Alleinherrschaft der Vernunft infrage zu stellen. „Niemals“, so der Romantiker Shelley, „ist die Pflege der Poesie mehr zu wünschen als in Zeiten, da durch die übermäßige Ausbildung des selbstsüchtigen und berechnenden Prinzips die Anhäufung der Güter des äußeren Lebens das Maß der Fähigkeit übersteigt, diese den inneren Gesetzen der menschlichen Natur anzuverwandeln. Der Körper ist dann zu schwerfällig für die belebende Seele geworden.“

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