Kultur : Politik am laufenden Band

Das Weiße Haus durchs Schlüsselloch: John F. Kennedys geheime Aufzeichnungen werden veröffentlicht.

Andreas Etges

Die Aufnahmen waren so geheim, dass nur wenige Personen davon wussten. John F. Kennedys enger Berater Ted Sorensen war im Sommer 1973 fast entsetzt, als ihre Existenz im Rahmen der Watergate-Affäre publik wurde. Im Fall von Richard Nixon besiegelten die auf seinen Bändern festgehaltenen Gesetzesverstöße seinen Rücktritt vom Präsidentenamt. Kaum weniger dramatisch sind manche der „Enthüllungen“ auf den Kennedy-Bändern. Das gilt besonders für die seit vielen Jahren zugänglichen Aufnahmen der geheimen Sitzungen während der Kubakrise, die einen einzigartigen Blick auf das Krisenmanagement der amerikanischen Regierung im wohl gefährlichsten Moment des Kalten Krieges bieten.

Im Juli 1962 hatte Kennedy in seinem Dienstzimmer, dem Oval Office, in seinem Telefon sowie im Kabinettssaal Mikrofone installieren lassen. Das geheime Tonbandaufzeichnungssystem wurde von Mitarbeitern des Secret Service gewartet. Kennedy selbst konnte es durch versteckte Schalter aktivieren. Vermutlich wollte er die Bänder später für seine Memoiren auswerten. Möglicherweise wollte Kennedy auch deshalb Aufnahmen wichtiger Sitzungen und Gespräche verfügbar haben, weil er sich im Vorfeld der kläglich missglückten Schweinebuchtinvasion auf Kuba im April 1961 von seinen Generälen und der CIA falsch beraten fühlte und künftig deren Aussagen festhalten wollte.

Die mehr als 260 Stunden Aufnahmen sind fast vollständig freigegeben worden. Das Buch liefert in Auszügen eine bunte Mischung zu zentralen politischen Themen wie dem Kalten Krieg und dem Kampf um die Bürgerrechte der Afroamerikaner, aber auch Gespräche eher privater Natur sowie in ein Diktiergerät gesprochene Aufnahmen Kennedys und Bänder, die zu privaten Anlässen entstanden sind. Einige datieren aus den Jahren vor seiner Amtszeit wie die von einem Abendessen im Januar 1960, wenige Tage nachdem Kennedy sich für die Präsidentschaftskandidatur beworben hatte. Der junge Senator spricht über seine Motivation in die Politik zu gehen – es gehe darum, Probleme zu lösen, und das könne aus seiner Sicht vor allem der Präsident – sowie über seine schwere Nierenkrankheit, die in der Öffentlichkeit immer verleugnet wurde.

Die großen innen- und außenpolitischen Konflikte, aber auch die Vielfalt und oftmals Gleichzeitigkeit bedeutender Ereignisse in den „1000 Tagen“ der Kennedy-Präsidentschaft werden durch die Aufnahmen beleuchtet. Während der Kubakrise sorgte sich der Präsident um die möglichen Folgen der von ihm angeordneten Blockade sowjetischer Schiffe. Andererseits hätte es sonst sicherlich ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn gegeben, stimmte ihm sein Bruder Robert F. Kennedy zu, der ihm als Justizminister und engster Vertrauter diente. Und immer wieder taucht die Frage auf, welche Konsequenzen eine amerikanische Reaktion auf die Stationierung russischer Atomraketen auf Kuba für Berlin haben könnte. Kennedy folgte nicht dem Drängen seiner Stabschefs, militärisch in Kuba zu intervenieren. Nicht wissend, dass ein Band mitläuft, zogen diese über den Präsidenten her, kaum dass der den Raum verlassen hatte. Sie klagten, dass er nur „rumsülze“ und „rumpfusche“ und sich mal wieder um eine harte militärische Antwort gedrückt habe.

Kennedy beschäftigte zunehmend die Gefahr durch Atomwaffen; er stellte die nukleare Abschreckung zwar infrage, ohne jedoch ein Ende des Systemwettkampfs herbeizuführen. In einem Gespräch mit dem widerstrebenden Nasa- Chef verlangte er höchste Priorität für das bemannte Raumfahrtprogramm. Kennedy wollte den Rückstand gegenüber der Sowjetunion aufholen und als Erster einen Menschen auf den Mond bringen. Wissenschaftliche Erkenntnisse rechtfertigten nicht die immensen Kosten: „Der Weltraum als solcher interessiert mich nämlich nicht unbedingt.“

Amüsante Aufnahmen finden sich auch. Ein echtes Highlight sind zwei Telefonate, die sich um eine unautorisierte Krankenhausbettbestellung der Luftwaffe für die schwangere Jackie Kennedy drehen, worüber die Presse mit Foto berichtet hatte. Der Präsident ist ehrlich empört, aber genießt es auch, einen General zusammenzustauchen. Das in der Übersetzung etwas entschärfte Telefonat ist leider nicht unter den ausgewählten Tonaufnahmen in dem für Buchkäufer kostenlos herunterladbaren E-Book.

Die Einleitung von Kennedy-Tochter Caroline und die einleitenden Kommentare zu den Auszügen, die zum Teil eher für eine amerikanische Leserschaft ausgewählt wurden, sind hilfreich. Ärgerlich sind inhaltliche, Datierungs- und Übersetzungsfehler, die problematische Übersetzung amerikanischer Dienstränge sowie die gelegentlich inkorrekte Charakterisierung amerikanischer Behörden wie der United States Information Agency. Schwerwiegender ist allerdings, dass die von dem Historiker Ted Widmer verfassten Texte Kennedy zu einseitig positiv beschreiben. So wird die Verantwortung für die Kubakrise einseitig der Sowjetunion zugeschoben; die von Kennedy verantworteten Sabotageaktionen auf Kuba werden nicht erwähnt. Auch seine Vietnampolitik wird zu unkritisch bewertet. Kennedy, schreibt Widmer, habe „einen Großteil seines Lebens“ damit verbracht, „die Mythen zu entlarven, mit denen er konfrontiert war“. Man könnte auch sagen, Kennedy selbst habe an einigen dieser Mythen mitgeschrieben.

Die Bänder sind eine wunderbare Quelle für alle, die zeitgeschichtlich und am amerikanischen Präsidentenamt interessiert sind. Sie geben eine seltene Schlüssellochperspektive in das Zentrum der Macht, aber zugleich bieten auch sie nur kleine Ausschnitte aus dem Regierungshandeln und -denken John F. Kennedys, die erst durch die Kontextualisierung verständlich werden, welche das Buch nicht immer ausreichend und nicht immer ausreichend kritisch liefert.

Der Autor war Professor of North American History am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin und ist seit Anfang Oktober an der LMU in München.



– John F. Kennedy:
Die geheimen Aufnahmen aus dem Weißen Haus. Mit einem Vorwort von Caroline Kennedy. Hoffmann & Campe, Hamburg 2012. 379 Seiten, 24,99 Euro.

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